Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-12-04 · Heft 49 (4.12.1914) · p. Seite (586)

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 49 (4.12.1914)
Date
1914-12-04
Page
Seite (586) (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
91% known words query
IRI
…/3224737-3229123-3229173--70918-3283291
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

„Iißgadal, wejißkapasch Scheme Rabbo." ' Und niemand hatte es gehört, als Gott allein. VII. Tags darauf fanden sich die Leute bei Gutlohn ein. Die Frau hatte sich hervorgetan. Die Eierkuchen waren so köstlich, daß sie sogar dem König gemundet hätten; die Stimmung infolgedessen heiter und gehoben. Von der Präsesstelle wurde nicht mehr gesprochen. Tie gebührte selbstverständlich nur David Gutlohn, diese Angelegenheit war erledigt. Schon nach dem ersten Gläschen Schnaps hatte sich die Situation geklärt. Der Schnaps war vorzüglich und floß so angenehm durch die Gurgel wie Milch. Mojsche Essigsieder hatte ihm dieses Zeugnis ausgestellt, und man durste seinem Urteile glauben, denn er verstand sich darauf. Treu verdolmetschte er also die öffentliche Meinung, als er sein Glas erhob, es gegen das Fensterlicht hielt, so daß sich die winterlichen Sonnenstrahlen in dem kristallhellen Tranke widerspiegelten, und dem Hallsherrn folgendermaßen zutrank: „Lechajem! Trinket Rebojßem. De Reschekul soll leben!" Fleischer Buchsbaum wütete innerlich. Er hatte Gutlohn zutrinken wollen wegen der Kuh, die noch immer in Gutlohns Stalle war. Aber mit Mojsche Essigsieder hatte er heute nicht die Wette aufnehmen können. Mojsche Essigsieder trug heute die Nase viel höher als jeder andere, denn sein Sohn Dolfi war aus der Stadt nach Hause gekommen, und das war eine wichtige Persönlichkeit. Dolfi war Schneider-! geselle, und sein Brotherr besaß fünf Häuser. Folglich war j Dolfi ein gebildeter Mann. .! Essigsieder beeilte sich wieder das Wort 31t ergreifen: j „Dolfi hat große Dinge erzählt. Er hat gesagt, daß Littauer bankerott werden muß, wenn er die Tüme*) erbaut." Na, das waren wirklich große Dinge. Das war wirklich interessant. Darüber mußte man mehr erfahren. Und; um Mojsche herum wurde der Kreis enger, und man bestürmte ihn, doch alles zu erzählen. „Also mein Sohn Dolfi hat gesagt, daß schon alles beschlossen ist. Daß sich die Maurer besprochen haben, die Zimmerleute, die Steinmetzen, und daß eine Kommission da sei, die sich auch besprochen hat, und daß der Meschümed dann bankerott werden muß." „E schäne Stekumesi," frohlockte Reb Salme, der Littauer nicht verzeihen konnte, daß er sich just vor Purim taufen ließ, wo die Reichen den Gemeindeangestellten Gaben spenden. „Das ist der Zeitgeist," sagte höchst wichtigtuend Herr Elischer, der sich nun entschlossen hat, den Schnaps anzunehmen, indem er erklärte, daß ihm das Sodbrennen schon vergangen sei. „Was ist das: der Zeitgeist?" fragten die Leute neugierig. Elischer war in seinem Element. „Der Zeitgeist, meine Herren, das ist der Geist, der in der Zeit steckt. Den Zeitgeist versteht nicht jedermann, nur die sehr intelligenten Leute verstehen denselben. Ich kann euch sagen, was der Zeitgeist ist. Der Zeitgeist hat eine finanzielle und eine materielle Seite." „Muß sehr schön sein," nickte Bernhard Troger. Elischer zeigte große Lust, seine gelehrten Vorträge fortzusetzen, aber der Hausherr machte die Leute darauf aufmerksam, daß es Zeit wäre, in den Tempel zu gehen, da man sonst die die Drusches versäumen könnte. In Letöre aber pflegte die Drusche ein großes Ereignis zu sein. Rebbe Reb Herschele nämlich beehrte den Gemeindetempel nur bei sehr seltenen und sehr wichtigen Anlässen. In der Regel hielt er seinen Gottesdienst in dem Haustempet unter ') Ehristenkirche. *-) Stefumc — Rache. Der Linu des Ganzen ist: so verdient er es. 3) Predigt. seinen Bachurin. In den Tempel begab er sich nur viermal im Jahre, um zu predigen, sonst nur in Ausnahmefällen. Dessenungeachtet konnte man nicht behaupten, daß er seinen Getreuen nicht genug seelische Nahrung bot, denn Samstag nachmittag hatte bei ihm jedermann freien Zutritt, und da geschah es oft, daß er ihnen in dem mystischen Halbdunkel, in >dem ersterbenden Hinschwinden des Sabbattages gar wundersame Dinge erzählte. Von der Kraft des Glaubens, von den Propheten, den Märtyrern, den heiligen Männern, von dem messianischen Zeitalter, das kommen wird und kommen muß, wenn das Maß voll sein wird. Und die, welche ihm zuhörten, wurden von heiligen Schauern durchbebt. Sie sahen den Himmel offen und blickten sehnsuchtsvoll hinein. Sie sahen den Glorienschein des Genebenes^) und glaubten, daß das Maß voll sei und das messianische Zeitalter kommen müsse. Der heutige Sabbat bildete eine Ausnahme. In der Gemeinde hatte sich etwas Ungewöhnliches ereignet, eine große Sünde, eine entsetzliche Schmach. Es war notwendig, die Gemeinde in ihrem Glauben zu stärken. Deshalb begab sich Rebbe Reb Herschele in Begleitung seiner Höflingsschar in das Gotteshaus, wo die Leute in Totenstille seiner Predigt harrten. Nach dem „En Komocho" trat er vor die Bundeslade und begann 31t predigen. Mit wunderbarem Scharfsinn analysierte er jenes Kapitel von Gitins Traktats über die Gültigkeit der Scheidung, wenn die Frau den Scheidungsbrief nicht angenommen hat. Was sagt die Mischna")? Was sagt die Gemara')? Was ist die Meinung von Raschi") und von Tosfes^)? Wie kann man Rambams'") Entscheidung in der Mischne Tojre") mit dem Beschlüsse des Talmud in Einklang bringen, und inwiefern steht mit diesen beiden der Standpunkt der Turim'-) in Uebereinstimmung? Blendende, schwindelerregende Gelehrsamkeit entströmte dem Munde Rebbe Reb Herscheles. Keiner verstand ein Wort davon, trotzdem erfüllten diese wundersamen Definitionen die Seelen der Gläubigen mit tiefer Andacht. Auch ist ja der Eharfes nicht dazu da, daß ihn die Gläubigen verstehen sollen; sie verstehen die Agude"), und das genügt. Die Agude verstanden sie wirklich. Aus dem Labyrinth des Talmud trat Rebbe Reb Herschele Plötzlich wie ein Lichtstreif aus dem Nebel hervor. Seine Gestalt schien zu wachsen, und sein singender Vortrag änderte sich. Wie Schofarklang brauste es aus seinen Worten. Mit furchtbaren Ausdrücken malte er die gräßliche Sünde des Glaubensabfalls. Sein Zorn glühte in Feuer und Flammen, und als er sich besänftigt hatte, da flössen weiche, klagende Jammertöne von seinen Lippen. Daß der Allmächtige es noch immer nicht an den Leiden des jüdischen Volkes genug sein lasse, daß er es eben jetzt mit dem schrecklichsten Schlage getroffen habe. Das eigene Blut empört sich, der Sohn verleugnet die Mutter. Sein letztes Wort aber tönte, wie das Säuseln des Morgenwindes. Mit einem gottergebenen Seufzer wandte er sein Antlitz der Bundeslade zu, zog den Vorhang weg und nahm die Thora heraus. Z Himmelreich. R) Ein Band des Talmud. (i) Grundkodex des talmudischen Gesetzes. 7) Kommentar der Mischna. Im weiten Sinne: Talmud. 8) Salomo Jizchaki 1030—1105. Berühmtester Kommentator der Heiligen Schrift und des Talmud. 9) Die Ergänzer und Erweiterer der ersten Kommentatoren. Diese Schule begründete der Enkel des Raschi, Rabbeuu Jakob Tam. ll) Maimonides. u) Gesetzsammlung des Maimonides. Kodex der jüdischen Religion, versaßt im Jahre 1340 von 3akob ben Ascher, Rabbi in Toledo. ") Der leichter verständliche, epische Teil des Talmud.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.