Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 49 (4.12.1914)
- Date
- 1914-12-04
- Page
- Seite (585) (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3229123-3229173--70917-3283290- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Lehren der deutschen Sprache in den palästinensischen Schulen des Hilssvereins lebhaft bekämpfen. Es schmerzt uns, daß die wackere liberale Gesinnungsgenossin in dieser Frage eben dach durchaus den französischen Standpunkt einnimmt. Dieser zeigt sich auch in der Besprechung des in dem Titel genannten Lustspiels. Der Beurteiler nämlich, ein Lothringer, erzählt darin wehmütig von einem Besuch, den er dem Lande seines Ursprungs abgestattet hat, und kann sich nicht an den Gedanken gewöhnen, daß das Stammland seiner Väter nicht mehr in französischen Händen sich befindet. Mit der Beurteilung des Lustspiels dagegen kann ich mich im ganzen einverstanden erklären. Was ich vor einiger Zeit in einer Besprechung jener Komödie lobte, erkennt auch er an. Er tadelt zwei Punkte, und auch mit diesem Tadel kann ich übereinstimmen. Der eine ist, daß die Charakteristik der jüdischen Bankiers, eben der fünf Brüder Rothschild „zu roh und interessiert" ist, so daß sie nahe an die Karikatur heranreicht. Er tadelt ferner — und dieser Tadel bezieht sich ebensowohl auf die Darstellung, die im Pariser Gymnase-Theater stattfand, als auf die deutsche, die viele Monate lang den Spielplan des Theaters in der Königgrätzer Straße beherrschte —, daß, während die übrigen Personen des Stückes ein reines Französisch sprechen, die fünf Rothschilds „den schauderhaften Jargon reden, den die Bücher der Gyp und die Artikel der „Libre Parole" mit Vorliebe den Juden zuschreiben". Der Verfasser sagt ferner mit Recht: „Dieser Akzent, der den Deutschen eignet, die frisch auf die Boulevards verpflanzt sind, und der, wie ich glaube, mit den Bekennern des Judentums nichts zu tun hat, macht diese Sittenschilderung unangenehm, geradezu peinlich, >md drückt ihr eine mindestens unnütze, ja geradezu lächerliche Färbung aus." Diese Ansicht stimmt mit der, die ich in diesen Blättern und anderwärts häufig verfochten habe, durchaus überein. Die gebildeten, vornehmen Juden — denn um solche handelt es sich in unserm Stück — unterscheiden sich in Sprache und Manieren wenig oder gar nicht von ihren Landesgenossen. Es ist daher höchst unrecht von den Bühnenleitern, solchen Juden in ihrer Aussprache und in ihren Bewegungen etwas Spezifisch- Jüdisches zu geben, das heißt, sie mauscheln zu lassen. Dies mag erlaubt sein, bei Vorführung solcher Personen, die eben als Ausländer oder als ungebildete Händler charakterisiert werden sollen, aber niemals bei solchen, die eben nur als Menschen jüdischen Bekenntnisses gezeichnet werden. Der Engländer und der Franzose in deutschen Stücken, und ebenso der Deutsche auf ausländischen Bühnen, kann, namentlich in Lustspielen und derben Possen, den fremdländischen Akzent behalten, aber es trägt etwas Beleidigendes und vor allen Dingen auch etwas Unkünstlerisches an sich, wenn in der feineren Komödie oder im ernsten Drama der gebildete und vornehme Jude auch nur eine Spur von jüdischem Akzent verrät. Mich empört es geradezu, wenn in einer „Nathan"»Vorstellung, zum Beispiel der in Hamburg beim letzten Judentag, Nathan der Weise seine tiefernsten Gedanken in einer irgendwie jüdelnden Weise vorträgt. Sind denn Theaterleiter oder Schauspieler sich gar nicht bewußt, daß sie dann ebensogut, das heißt, mit demselben Unrecht, Saladin und Sittah, die doch ebenfalls Ausländer und als solche gewohnt sind, das Arabische zu reden, gleichfalls fremdländischen Tonfall geben müßten? Vielleicht tragen diese in bewegten Zeiten geschriebenen Zeilen dazu bei, einen oft gerügten Mißstand abzustellen. Man hat uns von höchster Stelle versichert, daß der Unterschied der Konfessionen aufgehört habe; hoffen wir, daß auch in einer ruhigeren Epoche, die wir ersehnen, dieser störende Gegensatz auf der Bühne sich nicht mehr in so verletzender Weise zeigt wie bisher. L. G. Ig&i, Der neue Lhnlt. Roman von Peter Ujvari. Uebersetzt von Rosa Trencseni. (Fortsetzung.) 0anz empört lief er ins Nebenzimmer, wohin sich Agnes Maria vor dem Juden geflüchtet hatte, und überhäufte sie mit Vorwürfen. Hei, war das ein Sturm. Samuel zitterte am ganzen Körper. Er wagte nicht, es abzuwarten. Vorsichtig huschte er zur Tür hinaus und raunte, wie gejagt, durch den langen Hof ans die Gasse. Er lächelte und rieb sich zufrieden die Hände. „Er hat doch ein jüdisches Herz," brummte er vor sich hin. „Ich habe es ja immer gesagt." Und er lief dem Tempel zu, denn es wurde schon Abend. Einige Minuten darauf kam ein anderer Mann durch das Littauersche Tor gelaufen. Es war Johann Littauer in Person. Mit verstörter Miene eilte er Samuel nach, jedoch beinahe verstohlen. Er blickte dabei rechts und links, ob er nicht beobachtet werde. Begegnete er jemandem, dann verlangsamte er seine Schritte und zog seinen Pelzkragen noch hoher hinauf. Er fürchtete, erkannt zu werden. Als Samuel in die schmale Tempelgasse einbog, holte ihn Littauer rasch ein und rief: „Samuel, warte ein wenig." Samuel blieb stehen. Er konnte nicht erraten, was Littauer von ihm haben wollte. Jetzt blickte auch er nach rechts und links: ob niemand kommt und ihn sieht? Er hatte Littauer sehr gern, doch wäre es ihm sehr unlieb gewesen, in seiner Gesellschaft gesehen zu werden. „Samuel," begann Littauer beinahe staunend, „du bist davongeeilt, deshalb bin ich dir nachgekvmmen. Wir hatten doch noch von der Pachtangelegenheit zu sprechen." Samuel lehnte sich bestürzt an die Tempelmauer. Dieser Angriff brachte ihn aus der Fassung. „Jetzt habe ich kein Geld, Herr Littauer," sprach er in leisem, flehendem Tone. „Nicht doch, Samuel, nicht doch," unterbrach ihn Littauer, „ich verlange kein Geld von dir, Samuel.. . . auch Dienstag sollst du keines bringen . . . Dieses Viertel erlasse ich dir und will dich auch anderweitig unterstützen. Geh' nur, Samuel . . . Hörst du? Man sagt schon den Mismer. Eile, sonst verspätest du dich. Geh', geh', und weißt du, Samuel. . . wenn du für deinen Vater Kaddisch sagst, dann, Samuel . . . dann denke auch an meinen Vater." Mit dem armen Samuel dreht sich die ganze Welt. Er fühlte ein Brennen in der Kehle und in den Augen. Und wieder war es ihm, als ob er der Bruder dieses reichen, mächtigen Littauer wäre, und als ob er wieder mit ihm zusammen vor der Bundeslade stände. Ein Schwindel erfaßte ihn, eine wundersam-süße seelische Betäubung. Er schmiegte sich an den reichen und mächtigen Littauer, küßte ihm die Schulter, küßte ihin den Pelzkragen und tröstete ihn mit unerschütterlicher Ueberzeugung: „Se wan noch Tschüwe tün . . . Se wan noch Tschüwe tun. . ." Dann eilte er schnell ins Gotteshaus . Eben rezitierte der Kantor den letzten Vers des Mismer: Und der Allmächtige möge sein Volk mit Frieden segnen. Und da ertönte die Stimme des Samnel Spitz: „Jißgadal, wejißkadasch Schema Rabbo." Und Littauer sprach mit leiser Stimme nach: