Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-12-04 · Heft 49 (4.12.1914) · p. Seite (583)

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 49 (4.12.1914)
Date
1914-12-04
Page
Seite (583) (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3229123-3229173--70915-3283288
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Bon den in Wystiten abgebrannten 136 Familien sind I zwei Drittel Juden und ein Drittel Christen, Katholiken und! Protestanten. Ich habe die von Seiner Majestät dem Kaiser und König für die vom Unglück heimgesuchten Bewohner Whstitens bestimmten Liebesgaben angekauft und verteilt. Ich habe auch den qu. Artikel gelesen, der meines Wisiens! im Graudenzer „Geselligen" erschien. Mein Weg hat mich! in der letzten Zeit oft nach Wystiten gebracht, und ich glaube! daher, zum mindesten eben so viel Anspruch auf ein kompe-! tentes Urteil zu haben als der mir unöeEarmte Berichtj erstatter des Graudenzer „Geselligen". Ich habe aber nicht! gesunden, daß eine derartige Beschuldigung sich aufrechtj erhalten läßt. Das Leben geht nach wie vor sowohl unter j der christlichen als wie auch unter der jüdischen Bevölkerung j seinen gewohnten Gang. Dagegen muß ich rühmend hervor-! heben, daß die Wohlhabenden unter den jüdischen Abge- | brannten (von einem Reichtum kann in Wystiten wohl nickst! die Rede sein) freiwillig auf Empfang von Liebesgaben oder Geld zugunsten ihrer armen Leidensgenossen, auch der Christen, verzichtet haben. Ich ermächtige Sie, dieses Schreiben in Ihrem Organ „Jeschnrun" bekanntzugeben, und bitte um Uebersendung der betreffenden Nummer dieser Zeitschrift. Ergebenst Der Königliche F o r ft m e i st e r. (gez.) v o n S a i n t P a it l. An Herrn Dr. B. Koenigsberger, Wohlgeboren, Pleschen. Möge das vorstehende Schreiben auch heute noch als Ehrenrettung unserer Glaubensgenossen in Wystiten gelten! Sollten sie einmal nach der glücklichen Beendigung des jetzigen Doppelkrieges unsere Landesbrüder werden, so werden wir uns ihrer Armut schändet ja nicht - keineswegs zu schämen brauchen. Den edlen Forstmeister von Nassawen, der ehrlich ihren Charakter zu rühmen sich nicht scheute, deckt heute schon die kühle Erde. Möge sie ihm leicht sein! Die amerikanischen Juden und der Krieg. 23tm A r t h u r Nt e h e r o w i tz , New Uork. ie russische Judenfrage, die schon zu Friedeuszeiten eines der wichtigsten Probleme der Gegenwart darstellt, um dessen Lösung sich die besten Geister aller Nationen bisher leider vergeblich bemühten, ist jetzt während des europäischen Krieges zu einer aktuellen Frage geworden, die die öffentliche Meinung in Amerika stark beschäftigt und bei der Beurteilung der Sympathien und Antipathien für die kriegführenden Parteien eine bedeutende Rolle spielt. Das ist auch ganz natürlich, da allein die zwei kriegführenden Länder, Oesterreich-Ungarn und Rußland, fast zwei Drittel aller Juden beherbergen und der Schauplatz der kriegerischen Ereignisse in Galizien und Rußland Ländergebiete sind, die von großen jüdischen Massen — mehr als 3lA Millionen - bewohnt werden. Es kann naturgemäß den Juden in den neutralen Ländern und vorzüglich in Amerika, nicht gleichgültig sein, wie sich das Schicksal ihrer Glaubensgenossen nach dem Kriege gestalten wird, und zwar interessiert diese Frage nicht allein die jüdische öffentliche Meinung, sondern auch die gesamte öffentliche Meinung in den Vereinigten Staaten, da Amerika das Land ist, an dessen Toren jährlich Hunderttausende der vor russischer Verfolgung sich flüchtenden Juden klopfen. Man hält hier wie anderswo nichts von den angeblichen Versprechungen der russischen Regierung, das Los der russischen Juden zu erleichtern, und weist mit Recht darauf hin, daß, wenn solche Absichten überhaupt beständen, es nicht zu verstehen wäre, weshalb sie nicht sofort zur Ausführung gelangen. Hängt auch das Schicksal der Juden in den polnischen Provinzen von dem allgemeinen Ausgange des Krieges ab, so werden doch noch außerhalb dieser Provinzen etwa 4 Millionen Juden tut Zarenreich verbleiben, deren Lage zu schildern überflüssig ist. Man befürchtet daher hier nach dem Kriege eine starke Invasion östlicher Juden, deren Einwanderung in zil großer Zahl auch hier eine gewisse Beunruhigung hervorruft. Wenn es auch nicht zu befürchten ist, daß die amerikanische Regierung jemals Personen, die ihres Glaubens wegen verfolgt werden, ihre Eingangstore verschließen würde, so ist doch eine zu große Ansammlung von östlichen Jllden, insbesondere in den großen Zentren der Oftstaaten der Vereinigten Staaten ein einfaches wirtschaftliches Problem, das zil dem allgemeinen Komplex von Jmmigrationsfragen in Amerika gehört, mit dem man sich ernstlich in den letzten Jahren befaßt hat. Von Rußland selbst ist eine Lösung der Judenfrage wohl kaum 31t erwarten. Es ist im Gegenteil zu befürchten, daß nach einem Mißerfolge der russischen Waffen die ganze Mißstimmung der russischen Bevölkerung und ihre ganze Wut gegen die obersten Machthaber, die den Krieg verschuldet haben und deren Tätigkeit sich in Friedenszeiten fast ausschließlich aus Judenverfolgungen beschränkt, nach dem alten Rezept auf die wehrlosen Juden abgelenkt werden würde, und daß wir wieder Jndenmassakres erleben könnten, gewissermaßen als letzten Akt der großen Tragödie, die sich jetzt in Europa abspielt. In siegreichem Falle würde der Nationalismus in Rußland die größten Orgien feiern, und die Juden würden leer ausgehen. Kein Wunder, daß die Sympathien der öffentlichen jüdischen Meinung der Vereinigten Staaten, deren Juden hauptsächlich aus Rilßland kommen, nirr von einem Nlederringen des russischen Despotismus eine Befreiung ihrer G l a u b e.n s g e n 0 s s e n i n R u ß l a n d er w a r te n it n d dahe v n i ch t s s e h nlicher als einen Erfolg der d e u t s ch e n W a f s e n h e r b e i s e h n e n. Daß diese Sympathien für Deutschland außerordentlich wertvoll sind und einen b e d e ir te n d e n moralischen Faktor in der Be - ur t eil un g der öffentlichen Stimmung in den Vereinigten Staaten a u s m a ch e n, kann man daraus ersehen, daß die Feinde Deutschlands, an deren Spitze die Londoner „Times", die schon seit Jahren ein halbossizielles Organ der russischen Regierung ist, wegen der dentschsreundlichen Hältllng der jüdischen Presse in Amerika eine wüste antisemitische Hetze inszeniert hat und die Juden als Feinde Englands, Frankreichs und Rußlands denunzierte. Vielleicht sollen die Sympathien der amerikanischen Inden für Deutschland später die einzige Entschuldigung sein — wenn Rußland überhaupt eine solche braucht — für die Anfrechterhalknng seiner Vernichtungspolitik gegen die Jllden. Aus Berichten, die an bedeutende amerikanische Inden gelangt sind, geht hervor, daß die Notlage ilnter der jüdischen Bevölkerung in Rußland, besonders Russisch-Polens und Galiziens, die schon in Friedenszeiten entsetzlich ist, infolge des Krieges eine Form angenommen hat, deren Schilderung jede Feder ohnmächtig macht. In den Industriezentren Russisch-Polens, wie Lodz und Warschau, sollen Tausende von Juden vor Hunger ohnmächtig auf den Straßen dahinwanken. Man zollt hier in j ü d i s ch e n Kreisen der r ü ck s i ch t s - vollen H a l t ll n g der d e u t f ch e n Heeresleitung d en I u d en g eg e n üb e r in den von d e u t sch e n T r ll p p e n besetzten polnischen P r 0 v i n z e n große Anerkennung. Aber leider befinden sich die Juden dort in einer Lage, die zu der allgemeinen Not und 31t dem unsagbaren Elend des Krieges noch die spezifisch jüdische Not hinzusügk. Die Opferwilligkeit der amerikanischen Inden für ihre Glaubensgenossen verdient die größte Anerkennung.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.