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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-12-04 · Heft 49 (4.12.1914) · p. Seite (582)

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 49 (4.12.1914)
Date
1914-12-04
Page
Seite (582) (sequence 6)
Language
German
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-®jf82 niedcrgehaltener Jntelliqeuz, die fofort in den Dienst des Deutschtums gestellt werden könnte, ein so unleugbarer Gennntt für das Vaterland, daß wohl auch die Fanatiker des Klassenstandpunktes davor verstummen müssen. Neberhaupt dürste der von dem stammverwandten England gegen Deutschland inszenierte Weltkrieg allen Rassentheorien einen unheilbaren Stoß verseht haben. Tie polnischen Inden selbst setzen ihre ganze Hoffnung und ihr ganzes Vertrauen ans Deutschland. Sie blicken nicht nur mit dem höchsten Respekt zu den Geistesschätzen Deutschlands auf, das für sie das gelobte Land der Humanität und der Bildung bedeutet, sondern betrachten die Deutschen auch als die Vollzieher de-) großen Gottesurteils, das ihr (Milbiger Sinn in den vernichtenden Niederlagen Rußlands erkennt. Einen besonders tiefen Eindruck muß auch auf ihr Gemüt der Aufruf ausgeübt haben, den die Lberleituug der verbündeten deutschen und österreichischen Armeen „An die Juden in Polen" schon wenige Wochen nach Beginn des Krieges erlassen hat. Schon die Tatsache, daß die Befehlshaber der zwei mächtigsten Armeen sich in ihrem Aufruf des Hebräischen und Jüdisch- Deutschen bedienten, erfüllte sie mit stolzer Genugtuung. Vollends aber der Inhalt des Aufrufs, der in dem Satze gipfelt: „Unsere Fahnen bringen euch Recht und Freiheit," fiel wie ein heller Sonnenschein in die tiefe Nacht ihres Elends. Lange genug haben die Gequälten und Verfolgten in rührendem Gottvertranen auf ihre Erlösung gehofft. Genau 2500 Jahre sind verstrichen, seitdem Nebukadnezar im Jahre 580 v. Ehr. Staat und Tempel der Juden vernichtete, und seitdem ist ihre Geschichte mit kurzen Unterbrechungen — wenigstens für den größten Teil von ihnen - - eine fortgesetzte Mette von Leiden und Demütigungen. Bis heute feiern sie darum alljährlich auf der ganzen Erde den 9. Ab, den Gedenktag jener folgenschweren Katastrophe, indem sie die bald nach den Ereignissen verfaßten und in die Bibel aufgenommenen „Klagelieder" mit einer uralten erschütternden Melodie in ihren Synagogen singen. Durch ein wunderbares Zusammentreffen fiel die Feier in diesem Jahre gerade auf den Abend des 1. August, nur wenige Stunden, nachdem der Kaiser den Befehl zur Mobilmachung erteilt hatte. Ist es da ein Wunder, wenn die schon so lange Leidenden dieses Zusammentreffen j nicht als Zufall, sondern als einen Fingerzeig der Vorsehung j erklären und sich sagen: 2J4 Jahrtausende schon klagen wir am o. Ab um unser verlorenes Glück und flehen Gott um Erlösung an, mm beginnt eine neue Periode unserer Geschichte, und es i erfüllen sich die Trostverheißungen unserer Propheten? In diesem Glauben bestärkt sie noch besonders die Persönlichkeit Kaiser Wilhelms 11., der schon einmal vor mehr als einem Jahrzehnt in den Kreis ihres Lebens trat und sich ihnen von der edelsten menschlichen Seite zeigte. Im September des Jahres 1901, als der Kaiser gerade in Rominten zur Jagd weilte, zerstörte eine Feuersbrunst einen großen Teil des überwiegend von Juden bewohnten russischen Grenzstädtchens Wystiten. Ter Kaiser, der davon erfuhr, begnügte sich nicht damit, den Abgebrannten reichliche Unterstützung zuteil werden zu lassen, sondern begab sich auch selbst zu Pferde nach Wystiten, um den armen Juden seine Teilnahme auszusprechen. Da eben Versöhnungstag war, befanden sie sich alle in der Synagoge zum Gottesdienst und wurden auf der: Marktplatz gerufen, wo dann der Kaiser eine Ansprache an sie richtete. Dieser leuchtende Zug seines edlen Herzens erfüllte nicht nur die so Geehrten mit der tiefsten Dankbarkeit, sondern hat auf die Phantasie aller polnischen Juden nachhaltig gewirkt und ihnen den ganzen Unterschied zwischen russischer und deutscher Auffassung des Herrscherberufes plastisch vor die Seele geführt. Tie gleiche Großherzigkeit und Vorurteilslosigkeit gegen die Unglücklichsten der Unglücklichen hat Kaiser Wilhelm soeben erst wieder bewiesen durch die Freilassung einer größeren Anzahl von gefangenen jüdischen Angehörigen des russischen Heeres. Solche Züge erklären es, warum die Herzen aller polnischen Juden dem Kaiser entgegenschlagen, und rechtfertigen die hochgespannten Hoffnungen, die sie an seine Person knüpfen. Die Erfüllung dieser Hoffnung wird voraussichtlich schon die allernächste Zeit bringen, wenn die Niederringung Rußlands eine vollendete Tatsache geworden ist. Dann wird die Welt an der Erlösung der 5 Millionen aus der russischen Hölle erkennen, daß der Sieg Deutschlands immer zugleich ein Sieg der Humanität ist, wird Deutschland einen beträchtlichen Zuwachs an treu ergebenen und seiner Geistesart nachstrebenden Söhnen erhalten, die durch ihre Leistungen aus allen Gebieten menschlicher Arbeit sich würdig ihrer Freiheit zeigen werden, und in den Ehor der Siegeslieder, die dem ruhmgekrönten Kaiser ertönen, wird sich die Stimme der endlich Erlösten mischen, die ihren erhabenen Befreier mit den Worten ihres Psalmensängers feiern: „Er erbarmt sich des Armen und Leidenden Und rettet die Seelen der Dürftigen. Von Bedrückung und Gewalt erlöst er ihre Seele, Und teuer ist ihr Blut in seinen Augen." Von den Juden in MMtrn. Bo» Rabbiner Dr. B. 6 v c n i rj s b c r ger , Berlin. * s sind jetzt >3 Jahre her, daß in dem russischen Grenzstädtchen Wystiten, nahe an der preußischen Grenze, ein verheerender Brand ausbrach, dem eine große Anzahl der dortigen Gebäude zum Opfer fiel. Unser hochherziger Kaiser, dessen Güter in der Nähe lagen, sandte sofort Nahrungsmittel und eine größere Summe Geldes und ließ sie durch seinen königlichen Forstmeister, Herrn v. Saint Paul, unter die Unglücklichen verteilen. Die armen Juden, denen die kaiserliche Gnade auch zugute kam, waren dem hohen Spender besonders dankbar. Als der Kaiser später selber nach den: Orte kam, brachten sie ihm eine aufrichtige Huldigung dar und beteten für sein Heil in ihrer Synagoge. Der „Gesellige" in Graudenz brachte damals die Mitteilung von der Wohltat des Kaisers und knüpfte daran eine hämische Bemerkung über die Lebensanschaunng der Wystitener Juden, der ich in dem damals von mir redigierten „Jeschurun" mit dem Vorwurf antisemitischer Gesinnung an den „Geselligen" sofort widersprach. Dieser drohte mir mit einer Anzeige wegen Verleumdung, wenn ich meine Kritik nicht richtigstellte. Ich aber hielt meine Behauptung mit ausführlicher Beweisführung aufrecht und konnte bald einen Brief veröffentlichen, den ich als Antwort auf meine diesbezügliche Anfrage von dem obengenannten Herrn v. Saint Paul erhielt. Durch den jüngsten Sieg unserer braven Truppen am Wystitener See ist mir die Angelegenheit wieder ins Gedächtnis gekommen. Und ich halte es für angebracht, das Schreiben des Genannten, der später zum königlichen Forstrat ernannt wurde, jetzt an dieser Stelle zu wiederholen. Es lautet: Nassawen, den 12. Oktober 1901. Mein Herr! Auf Ihre Anfrage, ob es richtig ist, wie in einen, der Tageblätter des Ostens verlautete, daß die hochherzige kaiserliche Mildtätigkeit insofern auf unfruchtbaren Boden ge- , fallen sei, als die großartig beschenkte, größtenteils jüdische Bevölkerung Wystitens sich nunmehr vollends auf die faule Bank gelegt hätte und gar nicht mehr arbeiten wollte, widere ich Ihnen folgendes ergebenst:

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