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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-12-04 · Heft 49 (4.12.1914) · p. Seite (581)

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 49 (4.12.1914)
Date
1914-12-04
Page
Seite (581) (sequence 5)
Language
German
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Ludwig Haas. V\^te sein badischer LandSmann und Kollege Ludwig Frank hat sich auch Dr. Ludwig Haas, der bekannte demokratische Politiker und fortschrittliche Reichstagsabgeordnete für Karlsruhe, gleich nach Kriegsbeginn als Kriegsfreiwilliger gemeldet. Der „Unteroffizier des Landsturms" wollte nicht nur zur Bahnbowachung dienen, sondern er, der in Bern und Basel mitgearbeitet hatte, um das Verhältnis zu Frankreich freundschaftlicher zu gestalten, wollte nun, da das Vaterland angegriffen war, an die Front vor den Feind. Mit dem neugebildeten Regiment „Karlsruhe 109" kam er auch sehr bald in die schweren Kämpfe um Hpern, wo er mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet wurde. Schon nach wenigen Tagen hatte die Kompagnie keine Offiziere mehr, und so bekam er, der indessen Vizefeldwebel geworden war, als Offizierstellvertreter die Führung der Kompagnie. Mir haben schon früher einmal das Bild des verehrten Mannes gebracht, stellen aber gern unseren Lesern den wackeren Kämpfer für Recht und Freiheit noch in Uniform vor. L. G. Mix Kerles über die polnischen Juden und Deutlchlsnd. n einer sehr bemerkens- \ werten Schrift*) weist Felix -V' Perlies nach, daß das polnische Judentum eine Enklave deutscher Sprache und deutscher Gesinnung im Osten darstellt. Die Juden, - aus Deutschland auswandernd, um den Verfolgungen zu entgehen, denen sie -dort ausgesetzt waren, wurden in Polen freundlich aufgenommen und behielten deutsche Sprache und deutsche Kultur bei. Ihre zuerst günstige Lage wurde im 17. Jahrhundert durch mannigfache Verfolgungen schlimmer und nach den Teilungen Polens, namentlich in dem an Rußland fallenden Teile, geradezu entsetzlich. Der preußische Teil wurde germanisiert; der unter österreichischer Herrschaft verbleibende verharrte in ziemlicher Barbarei; in dem an Rußland gefallenen sollte das grausame Programm des Oberprokurators des heiligen Synods Pobjedonoszew durchgeführt werden: „Ein Drittel der Juden soll verhungern, ein Drittel auswandern, ein Drittel zur griechisch-orthodoxen Kirche übertreten." Perles zeigt, daß die Durchführung in den beiden letzten Punkten nicht den gewünschten Erfolg hatte. Er schildert im einzelnen die entsetzlichen Qualen, die die Juden zu erleiden hatten, ihre zum Teil äußere Roheit, dabei aber ihre tiefe.religiöse Bildung.' Er konstatiert: „Sie kennen keine trotzige Auflehnung *) Der Krieg und die polnischen Juden in 'ihrem Verhältnis zu Deutschland. Von Felix Perles. Preis 80 Pfennig. Der Reinertrag ist für das Ryte Kreuz bestimmt. Königsberg in Pr., Verlag von Gröse & Unzer. 1914. Reichstagsabgeordneter Dr. Ludwig Haas. gegen ihre Bedrücker. Von den Millionen getretener polnischer Juden ist nur ein kleiner Prozentsatz ins Lager der Revolutionäre übergegangen. Heute freilich beten sie im stillen inbrünstig für den ihnen Befreiung verheißenden Sieg der Deutschen und Oesterreicher." Perles will die polnischen Juden nicht von allen Vorwürfen befreien, die man' ihnen gemacht hat. Aber er weist nach, daß zum Beispiel ihre Verschlagenheit nur durch die russischen Gewaltmaßregeln erzeugt ist. Er rühmt ihren starken Bildungstrieb, der sich in Uebersetzungen vieler Werke aus anderen Sprachen, in einer selbständigen poetischen Literatur kundgibt und namentlich in den zahlreichen Bemühungen, auf deutschen Universitäten sich eine höhere Bildung anzueignen. Sollten polnische Landesteile des russischen Reiches mit dem Deutschen Reiche in irgendwelcher Weise verbunden werden, so könnte das am leichtesten, ja vielleicht nur mit Hilfe der dortigen Juden geschehen. Ohne bestimmte Einzelvorschläge zu machen, hebt Perles folgende Gesichtspunkte hervor: Die erste und unaufschiebbarste Pflicht ist die körperliche Regenerierung, hinter deren Dringlichkeit alle anderen Aufgaben für den Augenblick zurückstehen müssen. Die wichtigsten Mittel zur Erreichung dieses Zieles wären Verteilung der Juden auf das flache Land, Schaffung gesunder Wohnungen und vor allem Zuführung der Jugend zur Landwirtschaft. Die kulturelle und religiös-sittliche Bildung ’ würde sich dann ohne Schwierigkeit im Laufe eines Menschenalters bewerkstelligen lassen. Je weniger sprunghaft und überstürzt sich die Ueberleitung der Juden vom Ghetto zur Luft der Freiheit vollziehen wird, desto leichter werden sie ihre Fehler oblegen, und desto sicherer werden ihre Vorzüge sich erhalten und ihre Fähigkeiten zu fruchtbarer Entfaltung gelangen. Nm ihre Vorurteile zu überwinden, muß man selber unbefangen an sie herantreten und ihnen Vertrauen entgegenbringen. Sind doch die meisten unerfreulichen Seiten ihres Wesens gleichsam nur die Narben eines langen und ehrenvollen Kampfes für ihre Ideale, die ihnen nicht für die Güter und Ehren dieser Welt feil waren, und verdienen daher wohlwollende Nachsicht. Speziell ihre religiösen Eigentümlichkeiten müssen möglichst geschont werden, damit nicht mit der gewaltsamen Loslösung der Schale auch der edle Kern zerstört werde und so die ungeheure in ihrer Religion liegende Kraft verloren gehe. Ein liebevolles Verständnis, wird nicht nur ihre Fehler milder erscheinen lassen und zugleich schneller beseitigen, sondern auch ihre guten Seiten herausfinden und ohne Rückhalt anerkennen. Die Furcht vor der Begabung der Juden, die schon teils groteske, teils traurige Formen angenommen hat, ist gerade in diesem weltgeschichtlichen Moment am allerwenigsten angebracht. Denn bei den ungeheuren Verlusten an kostbarem Menschenmaterial, die der Krieg mit sich bringt, ist eine solche Summe unverbrauchter, lange

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