Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 49 (4.12.1914)
- Date
- 1914-12-04
- Page
- Seite (580) (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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er als vorläufiges sichtbares Zeichen der Anerkennung seiner Unerschrockenheit und Tapferkeit vor dem Feinde zwei Medaillen. Ein Dekret wurde ihm noch in Aussicht gestellt. Ueber Budapest kehrte der jugendliche Held zu seinen Eltern nach Czernowitz zurück, wo er die Heilung seiner erlittenen Verletzung abwartet. Samuel Holder, der, wie erwähnt, im 15. Lebensjahr steht, ist Schüler der fünften Klasse des deutschen Staatsgymnasiums in Czernowitz und war stets ein begabter, fleißiger Schüler. Er ist der Sohn des jüdischen Gastwirts Markus Holder, eines streng frommen Mannes, der sich recht kümmerlich ernährt. * Bon Greuel n der R u s s e n in den von ihnen besetzten Ländern melden zwei Blätter, die gewiß nicht der Judenfrenndlichkeit bezichtigt werden können, die „Tägliche Rundschau" und die „Deutsche Tageszeitung", folgendes: Gegen hunderttausend deutscher Kolonisten wohnen aus den von den Russen besetzten Gebieten Galiziens. Tausende von ihnen haben jetzt ihr schwer errungenes Hab und Gut verlassen müssen, um ihr nacktes Leben zu retten! Aus dem Kriegspressequartier wird, wie uns aus Wien gedrahtet wird, über die russische Gewaltherrschast in Galizien gemeldet: Fortgesetzt werden neue Gewaltakte der Russen in den besetzten Teilen Galiziens bekannt. Der Ort Kalisch wurde nach seiner Einnahme geplündert und späterhin flüchtig befestigt. Hierbei wurden sämtliche Juden während der jüdischen Festtage, insbesondere am Versöhnungstage, mit Ragaiken (Peitschen) zu Schanzarbeiten gezwungen. Die Ortschaften Dolina, Krechowice, Rozniatow, Eeniawa, Spas, Luhy wurden von drei Sotnien Kosaken besetzt, die durch zahlreiche Patrouillen die ganzen Gegenden unsicher machten. Diese drei Sotnien leben ausschließlich vom Raub. Rach Wien sind zwei Briefe ans Lemberg über einen Pogrom angelangt: vorn gewesenen Statthalter Grasen Poninski und vom Universitätsprofessor Dr. Kallenbach: Die Herren bezeugen, daß am 27. v. M. an der Boimstraße die russischen Soldaten mit Hilfe des Pöbels einen Judenpogrom ausführten. Vierzehn Personen wurden tot geschlagen, mehrere verwundet. So inaugurieren die Russen ihre Herrschaft in der Hauptstadt Galiziens: hoffen wir, daß sie nicht von Dauer bleiben wird. Flüchtlinge ans Sadagora erzählen, daß die Russen dort eine ganze Reihe jüdischer Einwohner teils ermordeten, teils gefangen wegschleppten. Aus 500 Wagen führten die Russen die ganze Habe der Bevölkerung von Sadagora mit sich fort. Die „Vossische Zeitung" berichtet: Die Jndenausweisungen ans Petersburg dauern, wie uns gedrahtet rvird, nach einem Bericht der „Reuen Zürcher Zeitung" fort. Dieser Tage wurden wieder große Hausdurchsuchungen vorgenommen. In einer Wohnung wurden fünf Juden, die kein Wohnrecht in Petersburg hatten, verhaftet und zur gerichtlichen Verantwortung gezogen. Ganz besonders widerlich mutet folgende Nachricht der „Täglichen Rundschau" an, die, wenn sie wahr ist, ein eigenartiges Licht auf die Versicherung der englischen Regierung wirft, der Herr Zangwill so naiv Glauben geschenkt hat. A n t i s e m i t i s m u s i m e ngli s ch e n H e e r. Am st e r da m , 19. November. Das führende Blatt der englischen Juden, der „Jewish Ehronicle", führt Klage über die schlechte Behandlung der Juden m\ englischen Heere. Eine Anzahl von Inden habe sich, so schreibt das Blatt, als Freiwillige ins Heer gemeldet, wurden aber nicht ausgenommen. Ein Rekrntierungsoffizier erklärte, er bedauere sehr, die Inden ablehnen zu müssen. Er tue es nur deshalb, weil die jüdischen Rekruten in der Armee von den Engländern in der gröbsten Weise beleidigt würden. Er werde sich aber bemühen, besondere jüdische Freiwilligenscharen zu bilden, um eine Berührung mit den Engländern zu vermeiden. Rach Angabe der englisch-jüdischen Zeitungen stehen in der nt Frankreich und Belgien kämpfenden englischen Armee etwa 19 000 jüdische Soldaten. In den Kämpfen von St.-Onentin, an der Oise und in Belgien, haben bisher ungefähr 25 Prozellt der englisch-jüdischen Soldaten den Tod auf dem Schlachtset de gefunden. * Die „Berliner Morgenpost" bringt folgenden Artikel:' Deutschland und die russischen Juden. Ein Brief des Grasen von Bernstorff. Ter deutsche Botschafter in den Bereinigten Staaten von Amerika, Graf v. Bernstorff, hat Herrn Bernstein, dem Redakteur der in Rew- Aork in mehreren hunderttausend Exemplaren erscheinenden jiddischen Zeitung „Der Tag" folgendes Schreiben zugehen lassen: „Geehrter Herr Bernstein! Sie teilen mir mit, daß Sie aus russischen Zeitungen entnehmen, deutsche Soldaten hätten in Russisch-Polen schwere Grausamkeiten sich zuschulden kommen lassen, speziell an der jüdischen Bevölkerung. Sie fragen mich, ob ich darauf etwas zu erwidern habe. Ich benutze gern die Gelegenheit, über diese Fragen mich zu äußern, die naturgemäß — besonders auch unter den zahlreichen Juden Amerikas — das ernsteste Interesse finden. Krieg ist kein Spiel, und es ist ganz zweifellos, daß alle okkupierten Länder unter seiner Last und seinen Schrecken zu leiden haben. Die deutsche Heeresleitung hat jedoch alles getan, um die unschuldige Zivilbevölkerung in den von ihren Truppen besetzten feindlichen Gebieten nach Kräften vor den Schrecken des Krieges zu schützen., Sie tut das ganz speziell in Russisch-Polen, wo sie auf eine Bevölkerung trifft, die aus den in Rußland unterdrückten nationalen Minderheiten gebildet wird. Die deutschen Armeen kommen nach Russisch-Polen als Verteidiger der deutschen Lan-desgrenzen. Sie finden dort diese Bevölkerung, die seit langem auf das schwerste unter dem russischen Regime leidet. Das Gefühl menschlicher Gerechtigkeit vereint sich hier mit der elementarsten politischen Klugheit, damit die Deutschen diese unterdrückten Völker fühlen lassen, daß in dem einrückenden „Feind" tatsächlich ein Befreier sich nähert. So haben die deutsch^ sterreichischen Okkupationsarmeen schon im. August ein Manifest an die Juden in Russisch-Polen gerichtet, das in hebräischer und jiddischer Sprache verbreitet wurde. Hier wird den Juden mit der Befreiung vom russischen Joch volle religiöse und bürgerliche Freiheit zugesagt, ihre Gleichstellung auf allen Gebieten des ökonomischen unb geistigen Lebens. Es ist bei Versprechungen nicht geblieben. Alan hat der jüdischen Bevölkerung, trotzdem an ihrer Loyalität dem feindlichen Rußland gegenüber doch nicht gezweifelt werden konnte, die Kriegslasten zu -erleichtern versucht. Man hat den ökonomisch schwachen Ortschaften die Kriegskontribution erlassen. Man hat nach Möglichkeit jüdische Häuser vor Zerstörung bewahrt. Alan hat jüdische Gefangene mit Rücksicht behandelt usw. Es liegen zahlreiche Berichte vor, die diesenguten Willen der Deutschen anerkennen. Deutschland hat seinen Juden alle bürgerlichen Rechte gegeben, die wenigen letzten Schranken werden mit diesem Kriege fallen. Deutschland bietet den Juden in Russisch-Polen offen und ohne Rückhalt alles, was sie unter dem russischen Regime entbehren mußten, wozu auch heute in Rußland nicht der geringste Anfang zu verspüren ist. Wie ist es da auch nur denkbar, daß die deutschen Truppen sich Grausamkeiten gegen die Juden zuschulden kommen lassen? Die weltbekannte deutsche Heeresdisziplin sollte nicht imstande sein, den Soldaten von Grausamkeiten fernzuhalten, gerade hier, wo neben der Menschlichkeit auch n-och schwerwiegende politische Absichten sie verbieten? Alle vorliegenden authentischen Nachrichten beweisen das Gegenteil. Die Absicht der russischen Kreise, die solche Tatarennachrichten hinaussenden, ist klar. Die Juden Rußlands zeigen in diesem Kriege einen bewundernswerten Patriotismus für ihr Heimatland, das sie unterdrückt hält. Die russische Regierung verspricht den Juden nun nicht etwa eine Besserung ihrer Lage, sie weist vielmehr darauf hin, daß die feindlichen Deutschen die Inden ja noch schlimmer behandln. So will sie jeden Keim einer möglichen Deutschfremidlichkeit in den russischen Juden ersticken, vor allem aber auch der ganzen Welt zeigen, daß sie mit ihren -eigenen Methoden auch in Europa nicht allein dasteht. Es-ist notwendig, diese Kampfart einmal niedriger zu hängen. Ihr ergebener - I. Beru-storfs.