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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-12-04 · Heft 49 (4.12.1914) · p. Seite (579)

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 49 (4.12.1914)
Date
1914-12-04
Page
Seite (579) (sequence 3)
Language
German
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--S £79 Aus dem uns zur Verfügung gestellten Brief eines Kavallerierittmeisters an die Eltern eines in Gefangenschaft geratenen jüdischen Einjährigen-Unter Offiziers teilen wir folgendes mit: „Meine Eskadron lag am 15. Oktober den ganzen Tag über an einer exponierten Stelle . . . Wir erhielten Befehl, den Feind aus . . . zu vertreiben. Unsere Eskadrons gingen vor, erhielten aber am Osteingange von . . . aus einer vom Feinde errichteten Barrikade derartig Feuer, daß an ein Vordringen nicht weiter gedacht werden konnte. Das Gelände war wegen Hecken, Drahtzäunen, tiefen nassen Gräben nicht zu betreten, so waren wir auf die etwa 12 Meter breite Straße angewiesen. Wir mußten wieder zurück und bezogen 300 Meter weiter rückwärts eine Stellung. Da auch in der linken Flanke Schüsse fielen, mußte zur unmittelbaren Sicherung ein Posten ausgesandt werden. Ihr Herr Sohn hat schon des öfteren derartige Aufträge zu meiner vollsten Zufriedenheit allsgeführt rrnd mit großer Schneid; deshalb befahl ich ihm die Ausführung der Flankendeckung etwa 100—150 Meter von der Eskadron entfernt. Das Feuer verstummte allmählich. Tie Eskadron erhielt Befehl zurückzugehen, da zwei Jägerkompagnien von uns in Anmarsch waren. Der Befehl ging dllrch die Eskadron, es kamen auch die Mannschaften mit Ausnahme Ihres Herrn Sohnes. Es war mir eine sofortige Feststellung der Anwesenheit meiner Mannschaften während des Rückmarsches nicht möglich, und so erfuhr ich erst, als wir zu unseren Handpferden kamen, von dem Fehlen ihres Sohnes . . . Ein Nachsuchen war nicht möglich, da der Gegner anscheinend sehr stark war. Ich kann nur vermuten, daß Ihr Sohn in französische oder englische Gefangenschaft geraten ist. Wir haben von den Lazaretten keine Meldung von einer Verwundung . . . Wir vermissen in Ihrem Sohn, von dem wir sicher hoffen, daß er noch lebt, eine äußerst tüchtige Kraft, die er im Feldzuge voll und ganz entfaltet hat. Seine Ernennung zum Unteroffizier hat er seinen Verdiensten zu danken, und ich hatte noch vor, ihn zu einer Ordensauszeichnung vorzuschlagen. Er hat als Soldat voll und ganz seine Pflicht getan und seinem Vaterland und seinem König in diesen ernsten Tagen als ganzer Mann gedient." # In einem längeren Artikel feierte der Kriegsberichterstatter der „Neuen Freien Presse" vor einigen Tagen lNr. 18041 vom 14. November) die Ruhmestaten des fünfzehnjährigen jüdischen Gymnasiasten Samuel Holder aus Czernow itz. Der junge Holder hat das Märchen von der Furcht und Feigheit der Juden, und namentlich der polnischen Juden, derart glänzend widerlegt, daß seine geradezu staunenswerten Heldentaten es verdienen, wenigstens auszugsweise hier wiedergegeben zu werden. Samuel Holder ist am 0. November vom Kriegsschauplätze zu seinen Eltern nach Czernowitz zurückgekehrt. Er kam nicht gern zurück, er wollte weiter in den Reihen der Kämpfer stehen, wollte sich von seinen tapferen Kameraden nicht trennen, aber er mußte aus den Reihen scheiden, weil er wiederholt verwundet wurde. Was dieser junge Krieger erlebt hat, hört sich wie ein spannender Roman an. Als die kriegerischen Ereignisse sich vor den Toren von Czernowitz abzuspielen begannen, meldete sich Holder freiwillig zum Sanitätsdienste. Man nahm seine Dienste an, und am 23. August hatte er bereits Gelegenheit, Proben seiner Verwendbarkeit abznlegen. Er verriet besonders viel Geschicklichkeit, so daß man ihn ausforderte, sich der Sanitätskolonne des österreichischen Infanterieregiments 41 anzuschliehen. Am 25. August ging er mit dem Regiment ab und teilte d-efsen Schicksale bis zu den ersten Oktobertagen. In der Zeit vom 29. August bis zum 3. September nahm er an den Kämpfen bei Halicz teil. Hier wurde er durch einen Gewehrschuß verwundet und mußte ins Spital nach Stanislau gebracht werden, wo er fünf Tage blieb. Obwohl er noch nicht ganz geheilt war, muhte er entlassen werden, weil er sich -dem Regiment weiter anschließen wollte. Vergebens versuchte man ihn zurückzuhalten, er weinte und flehte die Aerzte an, ihn ziehen zu lassen, damit er die Spuren seines Regiments nicht verliere. Man ließ ihn also ziehen. Er ging mit dem Train ins Feld ab. Etwa Mitte September langte er bei Kumarno an, wo ein vierzehntägiger Kampf wütete. Als das Regiment am Kampfplatze erschienen war, tobte bereits der Kampf vier Tage. Die tapferen Einundvierziger griffen ein. Holder, der mittlerweile ein tüchtiger Schütze geworden war, erlangte bereits nach dem Kampfe bei Halicz die Zugführercharge. Be: Kumarno kämpfte der kleine Holder in den ersten Reihen mit. Hier gerieten die Gegner hart aneinander, und ein erbitterter Kampf entspann sich um die Fahne. Zuerst hatte sie ein Kadett, dann wurde sie für einen Augenblick von einer feindlichen Gruppe ergriffen. In diesem kritischen Moment trat Oberst Mayerhosfer an die Spitze, hielt eine feurige Ansprache an die Soldaten und stürmte ihnen voran. Ter Sturm gelang. Der Oberst selbst rettete die Fahne. Aber diese Tat büßte der tapfere-Führer mit seinem Leben. Die Feinde stürzten sich darauf neuerlich auf die Fahne. Da trat der kleine Holder hervor, entriß in einem Handgemenge die Fahne und lief mit ihr davon. Er übergab sie den Hauptleuten Rochol und Bodok. Bei diesem Kampfe geriet der junge Holder mit 365 anderen Kameraden in Gefangenschaft. Etwa 150 russische Soldaten führten sie durch weite, öde Felder, mehrere Stunden, bis sie in ein Dorf gelangten, wo sie in einer Baracke untergebracht wurden. Die Russen legten ihre Gewehre ab und stellten sie in Pyramiden vor dem Hause auf, -während sie selbst auf die Suche nach Schnaps gingen. Zwei Soldaten hielten Wache. Holder war unter den Gefangenen die einzige Charge. Nach kurzer Beratung faßte man den Beschluß, sich zu befreien. Die zwei Postensoldaten wurden rasch überwältigt, und als die Russen zurückkehrten, kam es zu einem starken Handgemenge. Die Russen wurden zum Teil niedergemacht, während ein anderer Teil sich flüchtete. Bier von ihnen wurden gefangen. So wurden die Gefangenen befreit, während jene, die sie in Gefangenschaft führten, nunmehr Gefangene waren. So entging Holder der Gefangenschaft, worauf er und die anderen zu ihrem Regiment zurückkehrten. Nach den Kämpfen bei Kumarno trat das Regiment den Marsch nach Russisch-Polen an. Und auch hier nahm Holder an den Kämpfen teil, die namentlich bei Sabierczow sehr heftig waren. Ter Kampf war heiß itnb erbittert, aber der Feind wurde zurückgeschlagen. Hier wurde Holder neuerlich schwer verwundet. Den Hergang der Verwundung schildert er wie folgt: Wir führten Verwundete in sechzehn Automobilen nach Krakau. Auf deul Wege sahen wir mehrere Pferde, die an Bäume angebunden waren. Wir glaubten anfänglich, es seien die Pferde unserer Ulanen. Aber als wir näher tarnen, sprangen aus den Gebüschen etwa hundert Kosaken mit Lanzen hervor, umd machten auf uns einen Ueberfall. Unsere Kameraden gingen sofort zrrm Angriff über, viele Kosaken wurden verwundet, andere gingen drrrch. Einer von ihnen schlich sich von der Seite an das Automobil heran, auf dem ich neben dein Regimentsarzt Tr. M. saß. Gegen diesen führte der Kosak einen tödlichen Lanzenhieb. Ich wurde gleichfalls am Fuß verletzt. Aber es gelang uns dvch, die Automobile mit den Verwundeten zu retten. Sehr erschöpft kamen wir in Krakau an. Auf dem Bahnhof in Krakau wurde Holder verbunden und in ein Spital gebracht, wo er 14 Tage blieb. Hier erhielt

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