Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 49 (4.12.1914)
- Date
- 1914-12-04
- Page
- Seite (578) (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3229123-3229173--70910-3283283- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
5/78 Th. Momnisen 'j und Th. Ziegler") seltsam genug anmutet. Wir haben in zahllosen edlen Beispielen den Beweis erbracht, daß Deutschtum und Judentum sich glücklich vereinen, daß man die vielgenannte „restlose" Assimilativn nicht bis zum Ueberdruß empfehlen sollte. Tenn selbst die Vielgestaltigkeit der Bekenntnisse wird einer großen und. starken Gemeinschaft keinerlei Abbruch tun. Ein seltsames Gesetz der Geschichte will es, daß wir immer Vorkämpfer der Kultur gewesen sind, Verfechter einer aufwärts führenden Entwicklung. Es lvar nicht unsere Schuld, wenn uns der im Vordertreffen unter Gefahren erstrittene Lieg vielfach geneidet oder strittig gemacht wurde. Daß aber in der Feststellung dieser Erscheinung Gefahren wurzeln, soll nicht verschwiegen werden, wie cs nicht entschuldigt, daß man die Früchte unserer Arbeit uns mutwillig entreißt. Wir glauben die Vorboten einer neuen verheißungsvollen Epoche zu schauen. Lv wichtig rurd entscheidend die Mehrung des deutschen Namens ist, so wenig ist zu übersehen, daß "t unseren Waffengefährten die Völker Oesterreich-Ungarns zählen, lind daß in diesen Tagen die Türkei auf den Plan getreten ist, lim ebenfalls gegen unsere Todfeinde zu streiten. Das ist bedeutsam genug. Damit ist eine gewaltige Vereinigung aller Kultnrreligivnen geschaffen: eine ernste Mahnung für alle beteiligten Mächte, jedes religiöse Empfinden sorglich zu achten: im Krieg lind im Frieden. Nicht die Zahl ist maßgebend und bestimmend, sondern allein der Geist, der aus dem Grunde der Kulturgemeinschaft Großes wagt. Großes leistet und damit die nationale Zukunft derer verbürgt, die in der Stunde der Not ihre BundeStreue besiegelten. Wir brauchen uns nicht in dieser großen Zeit in kleinlicher Banguis zu verzehreil, nicht in linfruchtbaren Fragen an die Zukunft, die niemand löst. Die Hoffnung ans ein größeres Deutschland, das herrlich auserstehcn soll, wirkt den Glauben, daß aus der Duldung und der Duldsamkeit, dem Traum vergangener Monde, erblühen wird der Sieg der Gerechtigkeit, den allein wir begehren im Hunde der „K n l t u r t r ä g e r". Sir Woche. B e rl i n, den 2. Dezember 1914. er fünfte Monat des Krieges hat begonnen, nnd noch immer ist keinerlei Entscheidung in Aussicht. Von Friedensverhandlungen ist mehrfach gesprochen worden, aber diese Nachrichten stellen sich meist als törichte Erfindungen oder böswillige Angaben der Gegner heraus. Tie letzte Woche 4 hat der deutschen Seite mehrfache Triumphe gebracht: die große Schlacht im Osten in der Gegend von Lodz und Lowitz, die noch nicht beendet ist, hat den Deutschen ungeheure Vorteile verschafft: mehr als 40 000 Gefangene und eine j außerordentliche Zahl von Geschützen nnd Maschinengewehren. Da aber die Russen neue Verstärkungen erhalten haben, so ist einstweilen weder ein Durchbruch durch ihre Heere, noch ihre Ueberslügelung gelungen. Nach den Berichten der ö st e r r e i ch i f cf) c n Heeresleitung sind gleichfalls die Unternehmungen gegen die Russen von Erfolg begleitet gewesen, aber das Eingeständnis, daß Ezernowitz auss neue geräumt ist und die Berichte über wiederholte Kämpfe in Galizien lassen die Lage nicht übermäßig günstig erscheinen. So oft auch von einem Z u s a m m e n b r u ch in Serbien die Rede lvar, noch ist Serbien nicht bezwungen, nicht einmal Belgrad genommen, und trotz der ungeheuren Ver- Z „Auch eilt Wort über unser Judentum." Reden und Aussätze. Berlin 1905. S. 410 ff. 2) „Die geistigen Ltrvmungeu Deutsch!unds im 19. Jahrhundert." Kapitel XV. Abschnitt: Der Antisemitismus. uiste, die Serbien geiviß erlitten hat, scheinen -- inan weiß nid)t aus welchem Wege große russische Verstärkungen in das unglückliche Land gebracht zu sein. Im Westen sind, nach den Mitteilungen unserer Heeresleitung, denen wir unbedingten Glauben beimessen, obgleich fast jede Nachricht von den verbündeten Feinden bestritten oder in das Gegenteil verkehrt wird, manche kleine Fortschritte zu verzeichnen, aber ein wirklich großer Schlag ist nicht geschehen. Günstig kann man die Angst deuten, die sowohl in England als in Frankreich herrscht. In England zittert man vor Luftschiffen und bangt vor einer Invasion. Die Vernichtung zweier großer Schiffe durch deutsche Unterseeboote, und zwar in der Gegend von Havre und der Untergang eines dritten großen Schisses erschüttert selbst in England die Legende von der Ueberlegenheit der englischen Seemacht; die Nichtausführung des oft verkündeten Entschlusses, die Regierung von Bordeaux nach Paris zu verlegen, beweist jedenfalls, daß die Franzosen eine Annäherung der -deutschen Truppen an die Hauptstadt Frankreichs für möglich halten. Aber ein wirklich starker Vorstoß im Osten, im Norden Frankreichs, den wir seit Monaten ersehnen, eine Besetzung der französischen Küste, von wo ans ein Vorstoß nach England geschehen könnte, ist bisher nicht erfolgt. Trotz aller bis auf diesen Augenblick nicht erfüllter Hoffnungen lassen wir den Blut keineswegs sinken. Jeder Tag kann die Lage ändern, ein wirklich entscheidender Erfolg im Osten kann die Situation im Westen aufs günstigste beeinflussen. Aber ivir haben in langen und bangen Wochen und Monaten gelernt, die Kräfte der Gegner für sehr bedeutend, ihre Widerstandskraft für außerordentlich groß zu halten. Neue Gegner erstehen immer noch: Portugal scheint endgültig den Lockrufen oder dein Gebote Englands zu folgen. Uns ängstigt zwar weder dieser neue Feind, noch die von Zeit zu Zeit, zwar schwächer als früher, aber noch immer laut genug ertönenden Jubelrufe unserer Gegner; nicht ohne großen Schmerz, wenn auch ohne Angst, vernehmen wir das von England, Rußland und Frankreich ausgestoßene Hilfeschreien an Japan; es wäre überaus bedenklich, wenn wirklich japanische HilfSscharen nach Europa gebracht würden. Höchst widrig ist es, daß Amerika, das neutrale Land, das Deutschland gegenüber strikt auf dem Boden der Neutralität verharrt und sich auch durch das Vordringen Japans in China nicht autz seiner Ruhe aufstören läßt, Kanonen und Munition in großen Mengen an Frankreich liefert. Auch die Erschöpfung Rußlands, weniger an Menschen - denn wann sollte dieses Riesenreich an Menschen Mangel leiden aber an Material, eine Hoffnung, die man seit lange hegt, weil Rußland, wie man sagt, von seinen Bundesgenossen ja von aller Verbindring abgeschnitten ist, und weil seine Verluste an Kriegsbedarf ganz außerordentliche sind, ist leider nicht so groß, wie man wünscht: nach allen Niederlagen speit es neue Massen aus, und schon manchmal mußte einem Vordringen unsererseits eine Rückwärtsbewegung folgen. Freilich, wir kämpfen glücklicherweise gegen Liesen Koloß in seinem, nicht in unserem Lande; unsere Provinzen sind nicht bedroht, außer den Grenzgebieten Ostpreußens, aber ein fürchterlicher Feind bleiben diese unzähligen Massen noch immer, Massen, die sich stets erneuern. Wir hoffen und harren, ohne Angst, in Zuversicht und Glauben, aber wir sehnen uns nach einem entscheidenden großen Erfolge, der die Vorbedingung eines endlichen Aushörens der Schrecken sein müßte, wie sie ähnlich die Weltgeschichte seit Jahrhunderten nicht durchlebt hat. *