Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 49 (4.12.1914)
- Date
- 1914-12-04
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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78. Jahrgang Nr. 49 Berlin, 4. Dezember 1914 eilung des Judentums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Pre'is; durch den Buchhandel oder die Post (in Berlin und Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 NI. — Postscheckkonto 32%. Begründet von Rabbiner vr. Ludwig Philippson Unter Leitung des Geheimen Regierungs-Rats Professor vr. Ludwig Geiger Verlag: Rudolf Mossc, Berlin, Jerusalemer Strasse 46-49 Alle Zusendungen für Reduktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW, Jerusalemer Straße <t6-<*9, zu richten. Verlag vcn Rudolf Mosse, Berlin. „Kulturträger." Von Stadtrabbiner Dr. Behrens, Göt- LßULJUlL. tilgen. — Die Woche. — Ludwig Haas. Von L G. — Felix Perles über die polnischen Juden und Deutschland. — Von den Juden in Mystiken. Von Rabbiner Dr. V. K venigsberger, Berlin. — Die amerikanischen Juden und der Krieg. Bon Arthur Meyerowitz, New Jork. — Tie jüdische Feldseelsorge im deutschen Heer. — „Die fünf Frankfurter iu französischer Beleuchtung." Von L. G. — Feuilleton: Der neue Christ. Roman von Peter Njvuri. Uebersetzt von Rosa Trencsoni. — Während der Schlachten. Von Manuel Schnitzer. — Sprechsaal. Der (Herrieirrdebote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums"). Berlin, Posen, Breslau, München, Nürnberg, Frankfurt a. M., Wien. — Von Nah und Fern. „Kulturträger." Bon 3ta5ti'ül)t>int'v Dr. B e h r c » s , Göttingcn. vr Jahren ivar der Begriff des Kulturträgers Gegenstand interessanten Geplänkels in der parlamentarischen Vertretung unseres engeren Vaterlandes. Man entsinnt sich der Debatten, die damals geführt wurden. Das Ziel, das damals den leitenden Männern vorschwebte, wurde nicht erreicht. Die Aenderung des Wahlrechts auf der Grundlage einer geistigen, kulturellen Auslese wurde nicht durchgesetzt. Man kann diesem Versuch heute, wo er nur noch geschichtliches Interesse und Verständnis beansprucht, Achtung nicht versagen. Die Geschicke unseres Vaterlandes werden heute durch ehernen Spruch entschieden, durch jene namenlosen Opfer an Gut und Blut, von denen der Kaiser bei Ausbruch des Krieges sprach. Jetzt ist keine Muße für feingeistige Untersuchungen und Bestimmungen. Willig ist das deutsche Volk dem Rufe seines Kaisers und dem Wege seines Schicksals gefolgt, eine Verbrüderung vollzieht sich auf dem Schlachtfeld und in den friedlichen Gefilden der Heimat. Still und geräuschlos enthüllt es in dieser wahrhaft großen Zeit das Heldentum, dessen Keime in ihm schlummern und nun zur Reife erwachen. Der Krieg ist ein großer Zerstörer, gewiß, das ist sein Element und seine natürliche Eigenart, aber er ist in seiner Weise ein Erzieher, der sittliche Werte enthüllt und eine neue Epoche der Kultur aubahnt. Gegenüber all den großen Werten, mit denen unsere Feinde nns zum Tode zu Hetzen vermeinen, bleibt die Tatsache bestehen, daß die Grundlagen der Gesittung, der Kultur, der Manneszucht vornehmlich in den Reihen der Deutschen und ihrer Verbündeten zu suchen sind. Selbst der Ernst unserer Tage entbindet sie nicht der Verpflichtung, wie im Schatten des Friedens, so jetzt auf feindlichem Boden dem deutschen Namen Ansehen und Achtung, der deutschen Kultur gesteigerten Ruhm zu werben und mit dem Schwert zu erobern. In höherem Maße noch als bisher wird Deutschland der Brennpunkt alles Lebens des Geistes und der Technik, des Wagemuts und des frohen Schaffens werden. Alle Bürger seines Reiches sind in des Wortes edelstem Sinne „K u l tu r - träge r". Dessen werden sie in pflichttreuer Arbeit und Hingebnng sich freuen, der Ernst der Aufgabe wird sie vor Ueberheblichkeit und vor gemächlicher Ruhe bewahren, die, wie ivir sehen, „das Grab des Glückes sind". Es kann in diesem Zusammenhänge nicht unseres Amtes sein, über die daraus entspringenden politischen Folgerungen nachzusinnen. Was die Zeit zur Reife bringt, wird sie z» rechter Stunde ans Licht stellen. Niemand begehrt einen Dank, der tat, was ihm der Augenblick befahl. Das Vaterland über alles, das ist die heilige Losung, mit der wir unterschiedslos in den Kampf zogen. Was selbstverständlich ist, bedarf bei uns nicht der Hervorhebung, nicht der Begründung. Mag die Geschichte in treuem Erinnern festhalten, was unsere Brüder, unsere Söhne Großes vollbrachten im Augenblick der Gefahr. Wenn Juden sich auszeichnen und tollkühn ihre Brust dem Tode weihen, so sind wir die letzten, die viel Aufhebens davon machen. Fürs Vaterla.nd und seine höchsten Güter sterben, das ist uns noch immer eine tiefe Sache des Herzens gewesen. Unsere Gesinnung, unsere Treue gegen Kaiser und Reich ist so echt, daß sie keiner Versicherung und Beteuerung bedarf, daß wir selbst gegen vereinzelt noch austauchende Anwürfe uns nicht zu verteidigen brauchten. Das deutsche Volk wird nach außen und nach innen durch diesen Krieg wachsen an innerer Kraft und edlem Selbstbewußtsein und wird mit Leichtigkeit die Meute abschütteln, die mit tönernen Worten und mit innerer Hohlheit einen Kampf gegen uns führt. Wo so viel Hoheit und Kraft und Selbstsicherheit vorhanden ist und tausendfältig sich bewährt, da ist weder eine Zersetzung des Volksgeistes zu spüren noch auch möglich, da braucht mau sich nicht mit unangebrachtem Mißtrauen zu wappnen noch auch gegen Fehler sich zu wehren, die auszumcrzen schon der gute Geist des Judentums selbst besorgt sein wird. Im Kampf der Leidenschaften sind Mißverständnisse nicht zu vermeiden. Das ist für Minderheiten peinlich, weil sie darunter z» leiden haben. Nicht übertriebene Empfindlichkeit legt uns den Wunsch nahe, daß die Zukunft Engherzigkeit und Kleinlichkeit gegen uns auslösche. Wir ersehnen einen Frieden, unter dessen Segnungen alle Volksgenossen Gerechtigkeit und Billigkeit unterschiedslos gegeneinander üben. Denn alle werden sie in höchstem Wetteifer als „Kulturträger" dem Vaterlande dienen. Würde man einmal mit Liebe in unsere religiösen Bestrebungen sich versenken, würde man begreifen, daß nur in Schrift und Rede aus unsere Glaubensgemeinde einwirken, würde man die Größe unserer Bekenntnisse und die Macht unserer religiösen Ueberlieferungen würdigen, wir sind sicher, daß gar manches unterbliebe, was uns im öffentlichen Leben und in der Gesellschaft bedrückt. Manch unerbetcncr Rat wäre uns nicht erteilt worden, vor allem nicht von Männern, die wir wegen ihres wissenschaftlichen Ansehens verehren; es wäre manches Wort nicht gesprochen, das uns beispielsweise bei