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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-11-27 · Heft 48 (27.11.1914) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 48 (27.11.1914)
Date
1914-11-27
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
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ber jedermann zur äußersten Pflichterfüllung mahne, auch hierin Wandel schaffen werde. Reicher Beifall lohnte freit Redner für seine interessanten Ausführungen. 2/D Breslau, 20. November. Im Südpark wird gegenwärtig von der jüdischen Gemeinde ein neues Haus der Louis-Burgf e l d - Stiftung errichtet. Das Haus ist als Einzimmerwohnungsbau gedacht und ist für alleinstehende Frauen bestimmt. Der 790 Quadratmeter umfassende Neubau wird inmitten eines 7000 Quadratmeter großen Grundstücks gebaut, das sich an die städtischen Anlagen des Südparkes anlehnt. In den Geschossen liegen die Einzimmerwohnungen, im ganzen 34 Stück. Jeder Wohnung ist eine Zweckentsprechende große, modern eingerichtete Küche angeschlosseu, außerdem liegen in jedem Geschoß zur Benutzung der Hausbewohner noch einige Baderäume. An dem Neubau wird bereits seit dem Sommer gebaut. Das Haus gehört zu jenen wenigen größeren Bauten, die auch während des Krieges fortgeführt werden. Der Termin der Fertigstellung kann jedoch noch nicht bestimmt werden. Der Architekt ist der Regierungsbaumeister a. D. Ehrlich, Breslau. 2/D Forst (Lausitz), 20. November. Der in Nr. 46 dieser Zeitung erschienene Bericht über die Einweihung des neuen Gotteshauses der hiesigen Gemeinde muß dahin ergänzt werden, daß diese sich nicht auf „eine kurze Gebetsweihe beschränkte", sondern es ist auch hier ein Weiheakt vollzogen worden, wie er in jüdischen Gemeinden allgemchi üblich ist. Zunächst wurden einige daraus bezügliche Psalmen mit Chor und Harinoniumbegleitung gesungen; sodann wurden unter den üblichen Gesängen die Gesetzrollen seitens der Vorstandsmitglieder, der Herren Pick, Justizrat Z u ck e r m a n n und Dr. Miodowski, ausgehoben und nach einem feierlichen Umzug wieder eiugehoben. Der Prediger der hiesigen Gemeinde, Herr M. Pulver in a n n, hielt dann die Weiherede. (Wir haben in Nr. 11 den Inhalt der Rede mitgeteilt. Die Redaktion.) Nach zwei weiteren Psalmen wurde die heilige Lade geöffnet und ein längeres Gebet für Kaiser und Reich soivie für unser tapferes Heer verrichtet, und mit Psalm 150 war die erhebende Feier beendet. M. Hamburg, 20. November. Herr Dr. med. T. Wolfs, ein angesehenes Mitglied unserer Gemeinde und einer der hervorragendsten Spezialärzte unserer Stadt, der als Stabsarzt ins Feld gezogen war, ist in Flandern gefallen. Die Leiche wurde nach hier gebracht, und es fand im Krematorium in Ohlsdorf eine erhebende Trauerfeier statt. Auf dem Sarge lagen außer den vielen Kränzen und Blumen, die als Zeichen der Liebe und Verehrung von Verwandten und Freunden gespendet worden waren, Helm und Säbel des Entschlafenen. Aus einem schwarzen Kissen ruhte das für bewiesene Tapferkeit verliehene Eiserne Kreuz, und daneben stand ein schlichtes weißes Soldatenkreuz, lvie es die Gefallenen in Feindesland auf ihr Grab bekommen. Es trug unter den Worten „E i n H e l b" den Namen des Gefallenen, den Namen seiner Truppe und den Todestag. Dieses Kreuz war zusammen mit dem ausgegrabenen Leichnam, vom Kriegsschauplatz nach hier befördert worden. Unter den zahlreichen Leidtragenden bemerkten wir u. a. die Herren P r of e s s o r e n D r. B r a u e r, D r. S a e n g e r, D r. R n m p f, T r. A l l a r d und viele andere Berufskollegen, Mitglieder der Bürgerschaft. Als Vertreter des Stadtkommandanten von Hamburg und Altona war Herr Hauptmann v. Stechow erschienen, ferner Herr Hauptmann Dr. Mensching, viele Offiziere und zwei Gefreite, die die Leiche aus dem Feindesland begleitet haben. Der Hamburger Kriegerverein nahm mit der Fahne an der Tranerfeier teil. Nachdem der Chor des israelitischen Tempelverbandes „Stille deinen bitteren Kummer" vorgetragen hatte, hielt der Schwager des Verblichenen, Reichstags- und Landtagsabgeordneter Justizrat Waldstein, die Gedenkrede. Er schilderte den Mut und die Tapferkeit des Verblichenen. Ein Soldat, der uns als Führer zu seinem Grabe diente, sagte uns: „Der Herr Doktor habe so sehr für die Verwundeten gesorgt, er habe nicht gewollt, daß sie lange ohne richtige Hilfe blieben, und so habe er sich die Verwundeten immer selbst ans den Schützengräben herausgeholt." Deshalb habe er auch als einer der ersten das Eiserne Kreuz bekommen. Ter General habe ihm in das offene Grab die Worte nachgerufen: „Dieser hier i st uns all e n e i n V o r b i l d g e w e s e n als M e n s ch, Soldat und Kamerad." Dieses Heldentum ruhte auf dem Grunde einer unbegrenzten Menschenfreundlichkeit, eines nimmermüden Pflichtgefühls, eines lebendigen Dranges, anderen zu helfen! Wir wollen ihn glücklich preisen, daß er auf der Höhe des Lebens den schönsten Tod fand, den Tod für das Vaterland und für seinen ärztlichen Beruf. Möge auch dieses Menschenopfer neben den ach so vielen anderen dazu beitragen, dem Vaterland einen ruhmvollen äußeren und inneren Frieden zu schaffen und zu sichern. Als Vertreter des ärztlichen Vereins widmete Herr D r. G u st. Cohen dem Entschlafenen ein herzliches Abschiedswort. Unter dem Gelange des Tempelchors „Es ist bestimmt in Gottes Rat" sank der Sarg in die Tiefe, um die irdischen Ueberreste dem Flammentod zu übergeben. X. Z. Köln, 20. November. Am Mittwoch, den 18. d. M., vormittags, wurde Leonhard Tietz, der Seniorchef und Gründer des bekannten Warenhauses, zu Grabe getragen. Wohl nur selten hat der Jsraelitenkirchhof in Deutz ein so zahlreiches Trauergeleite gesehen, wie bei dieser Beerdigung. Die schwarzbehangene Leichenhalle, deren düsteres Halbdunkel durch Kerzenlicht, Blattpflanzen und Kränze gemildert war, konnte die Zahl der Trauergäste nicht alle fassen. Neben dem mit frischen Maiglöckchen und Veilchen ganz bedeckten Sarge standen des Verstorbenen Sohn und Schwiegersohn in Uniform; sie waren ans dem Felde an das Sterbelager des Vaters heimgekehrt. Neben ihnen nahmen der Bruder und Schwager des Dahingeschiedenen die Beileidskundgebungen des Trauergefolges .entgegen. Die Trauerfeier leitete Oberrabbiner Tr. Frank mit einem Gebet ein und widmete dann dem Heimgegangenen einen Nachruf, dem er das Bild aus dem ersten Buche der Heiligen Schrift voranstellte, wie dereinst Trauer das ganze Volk ergriffen hatte, als der Patriarch Jakob gestorben war und seine Söhne den Leichnam von Aegypten nach Palästina geleiteten. Mit beredtem Munde schilderte der Redner. die Trauer der Gattin und Angehörigen des Entschlafenen und der zahllosen Freunde und Klienten, denen der Verlust des Verstorbenen eine unersetzliche Lücke hinterlasse. Der lautere Charakter des Verewigten, sein Wohltätigkeitssinn und seine humanitäre Betätigung, fein Bürgersinn und sein kaufmännisches Genie hätten seinen Namen unvergänglich gemacht. Sein Schaffen gehöre auch noch der Zukunft an. Für Tausende habe sich an ihm das Wort Gottes an Abraham bewährt: Werde ein Segen. Von zwölf Glaubensgenossen wurde darauf der Sarg hinaus aus den Friedhof getragen, geleitet von Tausenden von Mitbürgern, in deren Mitte vom Personal des Kaufhauses herrliche Kranzspenden getragen lvurden. An der Gruft sprach Rabbiner Dr. Rosenthat, die üblichen Gebete, ein Chor von Angestellten des Kaufhauses sang ein Grablied, und alsbald wölbte sich dann der Hügel, bedeckt von Kränzen, über einem reichen Leben, geadelt durch Fleiß und Bürgersinn. Grsterreich-Aligsrn. K. Wien, 20. November. Der V o r st a n d d e r B u d a p c ft c r jüdi f ch ni Religionsg e m e i n d e überbrachte vor einigen Tagen der Erzherzogi n A u g u st e als Beitrag für den Auanste-Fonds einen kostbaren Thoraschmuck von Gold und Silber und einen kunstvoll gearbeiteten antiken silbernen Tempelbecher mit Untertasse. Auf die Ansprache des Präsidenten der Religionsgemeinde antwortete die Erzherzogin mit Worten herzlichen Dankes, besichtigte sodann ntit großem Interesse die beiden Kronenaussätze, das Brustbild soivie den Thorazeiger („Jad") und ließ sich vom Rabbiner Dr. Adler die Bedeutung dieser Gegenstände erklären. Der Becher, den die jüdische Neliaionsaemeinde der Erzherzogin spendete, ist in Silber getrieben. Die Spitze des Deckels zeigt die zehn Gebote, während die Tasse die Aufschrift trägt: „Zum Andenken an die historischen Tage. Dem Schutzengel der verwundeten Soldaten und leidenden Frauen, der Schutzfrau Ungarns. Im November 1914. Tie Pester israelitische Religionsgemeinde." Rabbiner Dr. Adler hielt ebenfalls an die Erzherzogin eine schwungvolle Ansprache und sprach in hebräischer Sprache den Segen über diese hohe Frau. Der Wiener Gemeinderat verlieh seinem langjährigen Mitgliede Karl M o r i tz Nt a y e r anläßlich dessen 70. Geburtstages das Bürgerrecht der Stadt Wien. Diese Verleihung des Bürgerrechtes an den altli beraten Gemeinderat K. M. Mayer, der zu den entschiedensten und eifrigsten Gegnern Dr. Luegers und der von ihm geschaffenen christlich-sozialen Partei gehört, wird allenthalben als ein Anzeichen anfgefaßt, daß die politischen Gegensätze in der Wiener Rathausstube sich zu mildern beginnen, und daß zuversichtliche Hoffnung vorhanden ist, daß sie nach Beendigung des Krieges gänzlich schwinden werden. Seit fast zwei Dezennien lvnrde das Wiener Bürgerrecht niemandem verliehen, der nicht zur herrschenden Partei der Christlich-Sozialen gehörte. In

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