Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 48 (27.11.1914)
- Date
- 1914-11-27
- Page
- Seite (575) (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Na, jetzt bricht wirklich die Welt um ihn zusammen. Jetzt ist alles zu Ende. Jetzt kann er gehen. Wozu ist er denn hergekommen? Hat er doch auch Litt-auers Saat gesehen, hat selbst geschen, daß sie nicht den Samen bezahlen wird. Auf tausend Joch Feld wird er nichts -haben. Ihm selbst ist nur eine Fechsung von zehn- Joch zugrunde gegangen. Und er soll jetzt von Littauer eine Gefälligkeit verlangen, von ihm, dessen Schaden hundertmal größer ist als der seinige? Nein, das kann er wirklich nicht. Das -wäre eine Niederträchtigkeit. Es ist sogar seine Wicht, den Pachtschilling so früh, wie möglich zu erlegen. Er kann ja bezahlen. Die vier Ochsen, welche er jetzt nicht weiter mästen kann, weil auch das Futter verbrannt ist, müssen ohnehin verkauft werden. Also wird er sie verkaufen. Gleich künftigen Montag wird er sie verkaufen und Dienstag das Pachtgeld bringen. „Herr Littauer, seien Sie ganz beruhigt. Dienstag bringe ich Ihnen das Pachtgeld. Ich werde Ihnen das Geld bringen, Herr Littauer. So soll ich leben, wie ich es Ihnenbringen werde." Der Aermste war dabei totenbleich geworden und mußte nach Atem ringen. Aber er sagte immerfort: „Ich werde das Geld bringen. Die vier Oechslein verkaufe ich. Die können mir ja doch nicht heraushelfen." „Na, na, Samuel, das muß man erst bedenken. Du hast großen Schaden gehabt, du -kannst auch nicht ohne Geld bleiben." „Nein, nein. Ich werde es bringen, Herr Littauer." Und, als ob ihm der Boden unter den Füßen heiß gewvrden wäre, trachtete er schnell hinauszukommen. „Nun, deshalb mußt du nicht davonlausen," sagte Littauer. „Ich muß gehen, Herr Littauer, es ist schon spät." „Ei nun, wohin eilst du denn so?" „In den Tempel, Herr Littauer." „Ach so." „Und ich will nicht zu spät kommen. Heute will ich nicht zu spät kommen." „Was gibt es denn heute im Tempel?" „Gar nichts. Aber ich muß dort sein. Denn, Sie belieben es vielleicht zu wissen," setzte er mit scheuem Lächeln hinzu, „heute ist . . . Sie belieben es doch zu wissen." „Was ist heute?" fragte Littauer neugierig. Samuel sann nach. Ob er es wohl sagen durfte. Er hatte Furcht, daß er wieder eine Taktlosigkeit begehen könnte. Er blickte auf Littauer und prüfte dessen- Mienen. Sein Gleichmut beruhigte ihn. „Ich habe Jahrzeit, Herr Littauer." Littauer wurde ein wenig bettoffen. Irgendwas hatte ihn peinlich berührt. Er wußte nicht, warum Samuels- Worte auf ihn wirkten, als ob sie eine längst -begrabene Erinnerung aus seiner Seele gewaltsam gelöst hätten. „Ich muß Kaddischh sagen," fuhr Samuel fort. „Sie belieben sich zu erinnern." Wirklich fing Littauer an, sich zu erinnern. Er sah Samuel Spitz mit verträumten Blicken -an. Bei Samuel Spitz regte -sich die Eitelkeit. Warum sollte er nicht erwähnen, was ihn so -oft mit Stolz erfüllt hatte und ihm noch jetzt in der Erinnerung Wohltat, daß er mit diesenr reichen, mächtigen Littauer vor die Bundeslade treten durfte und beide zusammen den Kaddisch sagten, als ob sie Brüder wären. Und mit seinem -einfältigen Lächeln sprach er es aus: „Unsere Jahrzeit ist auf denselben Tag gefallen, Herr Littauer." Littauer erbebte. Sein Herz schlug laut, und es überlief *) Gebet für das Seelenheil torr Derstorbeneo, -das die -Söhne an den Sterbetagen der Eltern sagen.! ihn mit Eiseskälte. Dieser Samuel löste wahrhaftig begrabene Erinnerungen ans seiner Seele. Samuel hatte recht. Auch er hat an diesenr Tage um seinen guten Vater geträllert. Und er konnte das vergessen. Noch nie hatte er es vergessen. Eine tiefe Traurigkeit bemächtigte sich Littauers Seele. Langsam ließ er seine Blicke über die Wand schweifen und suchte in ihnen jene Erinnerungstafel, welche mit genauer Berechnung auf ein ganges Menschenleben hinaus die Jahreswenden des Sterbetages der Eltern oder anderer geliebter Toten feststellt. Dies ist in jedem jüdischen Hause die teuerste Reliquie. Auch Littauer besaß eine solche Tafel. Es war eine künstlerisch ausgeführte Arbeit. Mit großen, hebräischen Lettern war darauf geschrieben-, daß -der ehrenwerte Jakob ben Chajem im fünftausendsechshundertzweiunddreißigsten Jahre der Weltschö-Psung am fünften Tage des Monats Adar gestorben ist und die fromme Fr-ad-el damals und damals. Und der Sojfer") hatte einen grabmalförmigen Rahmen itut die Jnzchrist herum gezeichnet und eine Trauerweide, die als Hintergrund -diente. Seine Augen suchten sie vergebens, die Tafel war verschwunden. Agnes Maria hatte dieselbe mit den anderen kompromittierenden Sachen hinausgewvrfen: mit der Mesuse, dem Tallis, -den Tefilin, dem Totenhemd") mit alleiil, lvas dem Juden wert und teuer ist. Sein Herz krampfte sich zusammen. Noch me -empfundenes Weh überkam ihn. Als ob man ihn beraubt, als ob man ihn geschändet hätte. Ist denn dieser entsetzlichen- Frau gar nichts heilig? Wird sie ihm auch die kindliche Pietät abgewöhnen? (Fortsetzung folgt.) Litrrarilchr Mitteilungen. Um de n S o h n. Roman von Artur Landsberger. 1914. München, Lei Georg Müller. 7. Auflage. Ich verfolge die Entwicklung des Herrn Landsberger mit großer Aufmerksamkeit. Nicht bloß, weil ich ihn für einen sehr fähigen jungen Schriftsteller halte, sondern weil ich die Hoffnung noch nicht aufgebe, daß er -uns, nachdem er so viele jüdische Karikaturen und Böfewichte geschildert hat, auch -einen -erfreulichen jüdischen Roman liefern wird. Der gegenwärtige hat mit Juden nichts zu tun, außer daß Seite 283 angedeutet wird, daß die Familie der Geheimrätin in der vierten Generation Juden sind. Der Inhalt des Romans ist rasch erzählt: Ein braves Mädchen, das den Sohn einer Gehei-urrätin liebt, wird durch die Familie von dem jungen Alaune entfernt und geht schließlich in den Tod. Im Grunde ist dieser Tod -kaum nötig, denn die Geheimrätin, die erst -allmählich Kenntnis von den höchst üblen Machinationen ihrer Familie -erfahren hat, geht in sich und scheint schließlich bereit, den Liebesbnnd ihres Sohnes zu befördern. So ist im Grunde der Selbstmord nicht etwa eine Tat der höchsten Verzweiflung, hervorgerusen durch die Erkenntnis des Mädchens, daß ihr nichts anderes zu tun übrigbleibt, sondern ein Akt der Großmut, daß sie freiwillig auf ihr Lebensglück verzichtet in der Absicht, dem Geliebten die Freiheit wiederzugeben. Man erkennt aus dieser Inhaltsangabe leicht, daß der Vorwurf des Romans mehr an das 18. als an das 20. Jahrhundert gemahnt. Denn ein gesellschaftlicher Unterschied zwischen einem hübschen, durchaus unbescholtenen Mädchen, der Tochter eines Oberpedells, und -dem Sohne einer reichen, aber bürgerlichen Geheimrätin gilt heutzutage keineswegs mehr als unüberbrückbar. Mch die ganze Art der Verwandtensippe und des von ihnen benutzten Mittelsmannes, der Gegensatz zw'ischen -Kleinbürgerlichkeit und Vornehmheit, ist weniger dem wirklichen Leben entnommen, sondern erinnert vielmehr an Jfslands Rührstücke und ein klein wenig auch an' den Sekretär Wurm in Schillers „Kabale und Liebe". Nicht nur. der Inhalt des Romans ist unmodern, unvereinbar mit -unseren Verhältnissen, sondern auch die Form des Romans ist höchst 5) Schreiber. 6) Die religiösen Juden lassen sich das Totenhemd noch bei Lebzeiten anfertigen. An großen Festtagen, beten sie darin.