Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 48 (27.11.1914)
- Date
- 1914-11-27
- Page
- Seite (574) (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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foulten die, die nach jahrelanger Mißhandlung für ihre Freiheit kämpfen, eine (Gelegenheit ergreifen wollen, um den einzigen Volksstauun zil mißhandeln, der (zu seinem Unglück) in ihrer Gewalt ist! Den einzigen Volksstamm, der weit mehr und weit länger gelitten als sie selbst. Obendrein der einzige, der zu kräftig ist, um sich durch Mißhandlung ausrotten zu lassen. Wie können die Polen, deren Staat seinerzeit zugrunde ging infolge Berräterei in eigener Mitte, die Beschuldigung des Verrats gegen einen Stamm ausschleudern, der nie sich selbst verraten und sogar in feiner tiefsten Erniedrigung nie den einzigen slawischen Stamm, der im Mittelalter ihren Kindern eine Zuflucht gewährt, verraten hat! Wahrscheinlich wird man gegen diese meine Auslassungen geltend machen, daß ich, der ich mich von den Ruthenen nie zu einem Vorwurf oder einem Angriff auf die Polen habe bereden lassen, jetzt infolge meiner Abstammung eine Sache verteidige, die sie nicht gern verteidigen hören. Meine persönliche Abstammung hat so wenig meine Handlungs- und Denkweise beeinflußt, daß ich in meinem ganzen öffentlichen Leben der Gegenstand ununterbrochener Angriffe in nationaljüdischen Zeitschriften und Blättern als eine Person gewesen, die Stammesgemeinschaft und vermeintliche Glaubensgemeinschaft ableugnet. Noch in diesem Frühling während meines Aufenthalts in Amerika wurde ich das eine über das andere Mal in den jüdisch-amerikanischen Zeitungen als der verstockte Verleugner der Juden angegriffen. Es war dies, wie das meiste, das gedruckt wird, nur Unsinn, es zeigt aber wenigstens, daß ich jedenfalls nicht im Namen meines Bluts, sondern im Namen meines Geistes bei dieser Gelegenheit das Wort ergreife. Meine Sympathien gelten nicht den Juden als Juden, sondern als unterdrückten und mißhandelten Menschen. Ich bin es, der vor einem Menschenalter geschrieben: „Man liebt Polen nicht, wie man Deutschland oder Frankreich oder England liebt, sondern wie man die Freiheit liebt. Denn was heißt das, Polen zu lieben, anders als die Freiheit zu lieben, eine tiefe Sympathie für das Unglück zu empfinden und den Mut sowie die streitbare Begeisterung zu bewundern! Polen ist das Sinnbild alles dessen, was die Besten der Menschheit geliebt und wofür sie gekämpft." Dieses waren meine Worte, und ich habe bisher bei ihnen stehen können. Soll ich mich schämen, sie geschrieben zu haben, jetzt, wo die Zukunft Polens bestimmt wird? Brr neue Cljrift. Roman von Peter Ujväri. Uebersetzt von Rosa Trencseni. (Fortsetzung.) man hörte schon, wie der Gast sich mit schlürfenden Schritten näherte. In einem christlichen Hause geziemt es dem Inden nicht, mutig auszntreten. Vor der Tür blieb er stehen, hier mußte er sich erst vorbereiten. Samuel Spitz — er war der Gast — rieb eifrig seine kotigen Stiefel an dem neuen Perserteppich, dann hustete er, erst leise, dann lauter, doch immer achtungsvoll. Dann nahm er aus der Tasche seines kurzen Pelzrockes ein großes blaues Taschentuch hervor und pichte sich mit Trompetentönen die Nase. Dann hüstelte er wieder und sog mit langen Atemzügen die Luft ein, wie ein Hecht, den man aufs Trockene gelegt hat. Er hatte eine tvichtige Sache vor, aber wenig Hoffnung, dieselbe dnrchzuftthren. Deshalb war ihm so beÄommen zumute. Aus eigenem Antriebe wäre er gar nicht hergekommen, seine Schüchternheit war viel zu groß, und dann fürchtete er auch für feine Reputation. Was würden die Juden von ihm sagen, wenn sie erfahren, daß er zum Meschumed gegangen, um etwas zu erbetteln? Sie werden ihn steinigen, wenn sie es erfahren, fein Hierherkommen ist ein großer Skandal. Aber was soll er machen? In dem kleinen Meierhofe, welchen er von Littauer gepachtet hat, ist die Kornkammer mit der Fechsung"") samt dem Samen zum Frühjahrsanban niedergebrannt. Wenn Littauer den Pachtschilling fordert, kann er den Bettelstab ergreifen. Gott wird ihm verzeihen, daß er hierher gekommen ist. Er blieb bei der Tür stehen und neigte sich nach rechts und links, wie eine Trauerweide, die vom Winde geschüttelt wird. „Sieh mal, du bist's, Samuel?" begrüßte ihn Littauer freundlich. „Komme doch näher, du weißt ja, daß ich dich gern sehe. Was macht deine Frau?" „Danke, Herr Littauer," stammelte Samuel Mut fassend, denn der herzliche Empfang ließ ihn Gutes hoffen. „Sie macht Vorbereitungen zum Sabbat." „Und wie geht es dir?" „Ich bin im Goles?) Herr Littauer." „Ich weiß es, ich weiß es. Duhast viel Verdruß gehabt, Samuel." „Sehr viel, sehr viel," entfuhr es mit einem tiefen Seufzer Samuels Brust. „Sehr, sehr viel. Alle Meschumodem gefugt."-) Ach! Jetzt war's mit allem aus. Um Samuel drehte sich plötzlich die ganze Welt. Hören und Sehen vergingen ihm. Sein Herz pochte heftig, wie das eines verfolgten Lämmchens, seine Ohren brausten. Jetzt mußte gleich die Welt untergehen. Doch Littauer nahm die volkstümliche Redensart nicht so tragisch. Er lächelte bloß: „Ra, na, Samuel. Dein Los wird sich schon zum besseren wenden," Samuel blickte bald auf die Zimmerdecke, bald auf den teppichbelegten Fußboden. Also ist die Welt wirklich nicht zusammengestürzt? Littauer hat ihn wirklich nicht hinausgeworfen? Er lächelt noch und tröstet, ermuntert ihn. Er hat ja immer gesagt, daß dieser Littauer ein sehr guter Mensch ist. Schade um ihn. Und tiefes Mitleid ergriff ihn um den ungläubigen Littauer. Mit Tränen in den Augen, voll warmen, zärtlichen Gefühls, in weichem, liebkosendem Tone, wie man zu einem kranken Bruder spricht, fragte er: „Und Sie, Herr Littauer, wie fühlen Sie sich?" „Danke, Samuel, ich befinde mich wohl." „Obe' de Neschome neboch . . ."") Littauer wurde auch jetzt nicht böse. Wie sollte er diesem einfältig-frommen Menschen böse fein, der ihn bemitleidet, weil er glaubt, daß er bemitleidenswert sei. Dafür verdient er eher ein gutes Wort. Also wollte er auch etwas sagen, was den gebeugten Mann aufrichten sollte: „Man muß nicht verzweifeln, Samuel. Eben heute war ich in den Feldern. Deine Herbstsaaten stehen wunderschön. Das nächste Jahr wirst du deine heutige Armut ganz vergessen haben. Du hast eine großartige Saat, schöner als meine, Samuel. Meine hat der Reif vernichtet, ich glaube, daß sic kaum den Samen bezahlen wird." **) Fechsung — Ernte. *) In der Verbannung. Bedeutet — in schlechten Verhältnissen. -) Allen Abtrünnigen sei es gelvü lischt. 8) Aber Ihre arme Seele!