Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 48 (27.11.1914)
- Date
- 1914-11-27
- Page
- [Seite] (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3229123-3229172--70900-3283272- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
jüdischen Gemeinde in Warschau erhoben wurde, wurde zwar in russischen, aber nicht in einem einzigen polnischen Blatt veröffentlicht. Dies alles waren Vorbereitungen zu den Pogromen. Es ivurden aber außerdem viele andere getroffen. Die Antisemiten ließen eine auf Jiddisch abgesaßte Proklamation drucken, worin die Juden zu Aufruhr gegen Rußland ausgefordert wurden. Sie sorgten dafür, diese auf den Straßen der verschiedenen Städte in die Taschen der nichtsahnenden Juden stecken zu lassen; dieselben Personen, die die Papiere verteilt, zeigten dann nachher die Betreffenden bei der Polizei an. Ein jeder, bei dem die Proklamation gefunden wurde, wurde erschossen. Endlich wurden die Juden, ganz wie im Mittelalter, sowohl inündlich als schriftlich der Vergiftung der Brunnen bezichtigt. Starben Kosaken oder andere russische Soldaten, so beschuldigten die Polen die Juden, durch Vergiftung von Brunnen deren Tod verursacht zu haben. Die Hauptbeschuldigung war jedoch die der Spionage, die allgemeinen Glauben fand, und sie wurde in Anwendung gebracht, sowohl wenn österreichische Truppen in eine Stadt oder ein Dorf kamen, als wenn russische Truppen die österreichischen versprengten. Das Resultat war dasselbe. Eine passende Anzahl Juden wurde von Russen wie von Oesterreichern gewissenhaft niedergeknallt. Es gibt aber Verzeichnisse derjenigen Personen, die wirklich als Spione demaskiert worden sind. Ein Potocki fand sich unter ihnen und mußte dies mit dem Leben büßen; in diesen Verzeichnissen findet man aber keinen einzigen jüdischen Namen. Der Beschuldigung wird immer Glauben geschenkt, weil der Jude seit bald zwei Jahrtausenden als Judas charakterisiert worden ist. Erst im letzten Jahrzehnt des vorigen Jahrhunderts fiel Kapitän Alfred Dreyfus als ein Opfer der alten Legende. Nun wird sie gegen die Juden in Russisch-Polen wieder aufgewärmt. Die Pogrome haben sich kraft dieser Judasbeschuldigung und kraft der vielen anderen entsetzlichen Beschuldigungen über große Teile Russisch-Polens verbreitet und greifen daselbst immer mehr um sich, während sowohl Galizien als Posen für die Hetzen, an denen man es nicht hat ermangeln lassen, unempfänglich gewesen sind. Biele Hunderte unschuldiger Menschen sind dem als Opfer gefallen. Hier sei einiger Beispiele unter vielen Erwähnung getan: In der Stadt B e ch a v a, die von den Oesterreichern erobert wurde, haben sich die Polnischen Führer, unter diesen ein sehr bekannter Gutsbesitzer, an den österreichischen Kommandanten gewandt und die Juden der heimlichen Verbindung mit dem russischen Heer beschuldigt. Tie Oesterreicher töteten infolgedessen einen 67jährigen Mann namens Wallstein und seinen 17jährigen Sohn. Da kurz darauf die Oesterreicher vertrieben ivurden, beschuldigte derselbe Gutsbesitzer — dem russischen Kommandanten gegenüber — die Juden in der Stadt der Verbindung mit den Oesterreichern und behauptete, sie hätten ihnen alle Lebensmittel eingehändigt, um sie den Russen zu entziehen. Infolgedessen ivurden viele Juden erschossen und ihre Häuser abgebrannt. In den Städten I a n o w und K r a s n i k wurden die Juden bezichtigt, Minen zum Verderben der Russen gelegt zli haben. Die Juden, unter ihnen viele Kinder, wurden dann an den Telegraphenstangen aufgehängt und die beiden Städte zerstört. Die Stadt Sa mosch wurde von österreichischen Sokoltruppen erobert, diesen schönen, schlanken Männern, die niemand, der sie bei ihren Hebungen in der Hauptstadt Galiziens gesehen, vergessen ivird. Als sie von dem russischen Heer vertrieben ivurden, bezichtigten die Polen die daselbst ansässigen Juden, mit den Oesterrcichern unter einer Decke gesteckt 31t haben. Zwölf Juden wurden verhaftet und, als sic alles leugneten, zum Tode verurteilt. Fünf von ihnen ivurden aufgehängt; mitten in der Vollstreckung erschien ein russischer Pope mit einem Madonnenbild in der Hand und schwor mit der Hand Nils dem Bild darauf, daß die Juden luischiildig seien, und daß das Ganze ein Anschlag des polnischen Judenhasses sei. Er bewies, daß die Polen daselbst die Oesterreicher selbst unterstützt, und daß es sogar eine Telephonverbindung init Leinberg gebe. Die sieben Juden wurden dann freigelasscn — die fünf w a r c n bereits aufgehängt. In der Stadt I n s e f v >v ivurden die Juden beschuldigt, die Brunnen vergiftet 31t haben, wodurch Hunderte von Kosaken ums Leben gebracht ivorden seien. 78 Juden wurden getötet, viele Frauen genotzüchtigt, Häuser rmd Buden geplündert. Aehnliche Vorgänge sind zu Hunderten vorgefallen und kominen noch täglich vor. In den Gouvernements Warschau, Radonr, Petrikviv, Kielce sind somit größere oder kleinere Pogrome mit Mord, Notzucht und Plünderung vorgekvinmeu. Nur einzelne russische Gouverneure, so Korff in Warschau, Kelepovski in Lublin, sowie die Gouverneure in Wilna, Petrikow und Grvdnv haben, obwohl zu spät, gegen die Pvgrome das Wort ergriffen, aber weder die Regierung noch die Polen nehmen diese Warnungen ernst. Augenzeugeil haben mir berichtet von jüdischen Soldaten, die in den verschiedenen Lazaretten wahnsinnig danieder liegen, nicht infolge der unvermeidlichen Schrecknisse des Krieges, sondern infolge der Pogrome, deren Zeugen sie in den Städten, durch die sie marschierten, ivurden. Sie verwechseln ihre eigenen nächsten Verwandten mit denen, zu deren Ermordung oder Notzüchtigung und darausfolgenden Ermordung sie Zeuge gewesen sind, glauben, die Mutter oder Schwester oder die Geliebte in dieser Situation vor Augen zu haben. In ihren Phantasien sehen sie immer dasselbe. Die Verfolgung der Juden seitens der russisch-polnischen Antisemiten unter diesen Zeitumstünden ist um so odiöser, als 360 000 jüdische Soldaten, hierunter viele Freiwillige, uu russischen Heer dienen und als die Opserwilligkeit der Juden gegen das Heer und das Rote Kreuz bisher keine Grenzen gekannt hat. In den großen Gemeinden sind besondere Spitäler für russische Soldaten — ohne Rücksicht ans Konfession von Juden und für jüdisches Geld gegründet. Nicht wenige jüdische Soldaten haben bereits die höchsten militärischen Auszeichnungen bekommen. Während sonst immer die Juden Russisch-Polens beschuldigt wurden, mit den Russen zu sympathisieren — wozu sie ja übrigens keinen besonderen Anlaß gehabt — wurde neulich in „Politiken" von A. Warinski, der in Rußland zu den Schwarzen gerechnet wird, die Anklage gegen sie erhoben, daß der Versuch der Deutschen, die Polen zu gewinnen, „nur airf die daselbst ansässigen russischen und polnischen Juden den gewünschten Eindruck gemacht, weil diese Elemente infolge einer psychologischen Verwandtschaft mit den Preußen das Bedürfnis haben, sich an die Seite Deutschlands zu stellen". Diese Anklage und ihre Begründung wird wohl den Gipfelpunkt bezeichnen. Der Jude soll und muß Judas sein. Gehl es nicht auf die eine Weise, so muß man es auf die andere Weise versuchen. Mit keinem Wort erwähnt Herr Warinski. wie viele Juden freilvillig in den Krieg gezogen sind, aus lauterer Begeisterung für Polen. Sie haben nicht glauben können, so wie ich es für meinen Fall nicht glauben kann, daß dieser letzte Ausschlag des Nationalismus in Russisch-Polen anderes oder mehr ist als eine vorübergehende Epidemie. Wie konnten russische Polen aus die Dauer den Mächten untreu werden, auf die sie sich allein haben berufen können, den Mächten, die ihnen allein Interesse zuwandten. Wie