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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-11-27 · Heft 48 (27.11.1914) · p. Seite (572)

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 48 (27.11.1914)
Date
1914-11-27
Page
Seite (572) (sequence 8)
Language
German
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dein polnischen Wahlkvmitee nur, daß der Betreffende den Juden nicht feindlich gesinnt sein dürste. Es ergab sich aber, das; das Wahlkomitee in seinem Hochmut mit ihnen überhaupt nicht verhandeln wollte, und es stellte vielmehr einen ausgesprochenen antisemitischen Kandidaten, Kucharschewski, ans, der öffentlich erklärte, daß er in die Duma gewählt zu werden wünsche, uni für die Ausrottung der Juden aus Polen wirten zu können. Es ist, nebenbei benrerkt, merkivürdig, zu beobachten, wie das Wort a u s r v t t e n, das vor NO Jahren irr den Tagen Bismarcks und Eduard v. Hartmaniis Gegenstand der Berdaminung und Verwünschung der Polen war, setzt zu Ehren gekourmen ist, und wie leicht es ihnen über die Kippen kommt. Ta die Juden einem solchen Mann selbstredend ihre Stimmen nicht geben konnten, baten sie dringend das Wahlkoinitee, einen anderen ihnen nicht feindlich gesinnten Kandidaten aufzusletlen. Diese billige Forderung wurde grob abgelehut und die Kandidatur Kucharschewskis aufrechterhalteu. Infolgedessen sahen sich die Juden gezwungen, sich nach einen; anderen Kandidaten aus polnischem Stamm umzusehen, der sich für die Stellung eigne und ihnen nicht feindlich gesinnt sei. Trotz zahlreicher Anfragen gelang es ihnen nicht, einen solchen Mann zu sinden. Da alle Versuche erfolglos gebliebei;, erklärte sich der Sozialdemokrat Jagello in; letzten Augenblick bereit, sich als der Kandidat der Juden aufslelleu zu lassen. Das einzige, das in;hren Augen für ihn sprach, lvar, daß er reinen polnischen Blutes war. Ta ihre leitenden Männer alle den; höheren; Bürgerstand angehören, teilten sie keinesivegs seine Anschauungen, die Verhältnisse zwangen sie aber, ihn zu stütze!;. Kord Beaconsfield "hat seinerzeit immer behauptet, der jüdische Stamm sei aus Neigung konservativ, eine törichte Staatskunst zwinge sie aber, statt die konservativen Instinkte des Stammes zu erinuutern, mit den weitestgehenden oppositionellen Elementen geineinschaftliche Sache zu inachen. Ties hat sich hier bestätigt. Jagello wurde gewählt. Tie leitenden Männer Russisch-Polens, die tatsächlich durch das gauze neue Jahrhundert die Juden bekäinpft hatten, obschvn im geheimen, un; die Sympathien der europäischen Geistesaristokratie nicht zu verscherzen, bedienten sich jetzt dieses den Juden aufgezwungenen Wahlsieges, um die Maske fallen zu lassen und offen als deren leidenschaftliche Feinde aufzutreten. Tie in tun; letzten 12 Jahren empvrgekommene sogenannte kooperative Bewegung, die im Grunde nichts anderes gewesei; war als eine anders benannte Bekämpfung des jüdischen Handels, wurde jetzt in eine systematisch und grausam durchgeftthrte Boykottierung der jüdischen Bevölkerung verwandelt. In; privaten wie im öffentlichen Leben wurde die offen ausgerufene Losung: Nicht bei Juden kaufen! Nicht mit Juden verkehren! An die Spitze dieser Beivegung stellte sich die Intelligenz Polens, darunter einige der angesehensten Schriftsteller, ausgesprochene Freidenker wie Nemvjewski, ja, wie Alexander Swientochowski. Das literarische Leben hat viele Umschläge anszuweisen, Verwandlungen, die an Gründlichkeit vor denen Svids nicht zurücksteheu. Es gehört viel dazu, um einem, der seit etiva 50 Jahren Zeuge der Eharakterlvsigkeit der Schriftsteller gelveseu, nur eine leise Verwunderung einznflößen. Das hätte ich aber vcrschivvren, daß ich je erleben würde, Alexander Swientochowski, den rücksichtslosesten Bekämpfer des Nationalismus, der in seiner Jugend für seine Ueberzcugung nicht wenig gelitten, als "Nationalisten zu sehen, daß ich je den Verfasser „Chawa Rubins" ms Antifsmitenhäuptling erblicken würde. Nicht nur das, was Alexander Swientochowski geschrieben, erhebt sich gegen ihn, sondern auch die Worte, die starken Worte, die er in seinen guten Tagen gesprochen. Die ganze polnische Presse stellte sich in den Dienst dieser Bewegung. Junge polnische Strolche ließ man sich vor jüdische Geschäfte aufstellen und die Frauen und Kinder christlichen Glaubens mißhandeln, die in diesen kaufen wollten. Mit Hilfe des bekannten Dumowski wurde eine neue Zeitung „Dwa Gro szi" gegründet, die schlechterdings zu Pogromen aufforderte. Es ist sofort zu blutigen Treffen gekommen. Polnische Studenten töteten in der Sliska-Straße in Marschau einen alten Juden. In der kleinei; Stadt Welun gossen die Bauern in der Nacht Naphtha über das Ha;;s eines Juden und steckten es in Brand, wodurch eine große Familie ums Leben kam. Aehnliches ist an verschiedenen anderen Stellen geschehen, bis die russische Regierung, um den polnischen Nationalismus nicht zu stärken, dieser Pvgrombewegung Einhalt gebot. Die polnischen Priester in den Dörfern hetzten von der Kanzel aus zur Boykottierung und zum Krieg gegen die Juden. --- Nach der Verkündung des Urteils in; Beilis-Prozeß in Kiew ivaren die polnischen Blätter fast die einzigen, die durch Laufzettel die Kunde verbreiteten, daß Beilis wohl freigesprochen, die Existenz des Ritualmordes als solchen aber hinlänglich bewiesen sei (!). Ja, der Freigeist Nemojeivski schrieb ein Buch, worin er die ungeheure Lüge behauptete, der jüdische Ritualinord sei eine Tatsache, und bereiste das ganze Land mit einen; agitatorischen Vortrag desselben Inhalts. Unter diesen Umständen wandten sich die Juden in Russisch-Polen an einzelne Männer, deren Namen so angesehei; ivaren, oder deren Charakter dermaßen über jeden Zweifel gehoben war, daß man ihre Worte nicht überhören konnte. Ladislaus Mickiewicz, der ausgezeichnete Sohn des großen Mickiewicz, der sein ganzes Leben in Paris verbracht, erst als Herausgeber und Uebersetzer der Werke seines Vaters, später als polnischer patriotischer Schriftsteller, berief mit anderen hervorragenden Männern zusammen eine große Versammlung in Warschau, um den inneren Frieden wiederherzustellen. Vergebens bat und beschwor er, zuletzt unter Tränen, seine Landsleute, die doch schon Feinde genug hätten, nicht obendrein als Feinde der Juden aufzutreten, die immer ihre Freunde gewesen. Kein einziges polnisches Blatt erstattete von dieser seiner Rede Bericht. Dies alles ist bor dem Krieg vor sich gegangen. Das vorläufige Resultat wurde der ökonomische Ruin der russischpolnischen Juden. Jetzt, während des Krieges, ist aber der blutige Judenhaß aufs neue mit weit kräftigeren Flammen aufgelodert, und die russische Regierung hat bisher nichts getan, un; dem Brand Einhalt zu tun oder ihn anszulöschen. Während der Mobilmachung verbreiteten mehrere polnische Blätter, u. a. „Glos L u b e l s k i", mit großen, fetten Lettern die beunruhigende Kunde: In England große Pog r v m e g e g en die Juden. Die englische Regier u n g h i n d e r t sie n i ch t. Die Lüge war bewußt. Es galt aber ein Beispiel zur Nachfolge anfzustellen. Da der Mangel an Gold und Silber sich geltend zu inachen anfiug, beschuldigten die polnischen Zeitungen die Juden, die edlen Metalle zu verstecken. Eine eingehende Untersuchung ergab aber, daß viele nichtjüdische Geschäftsleute (zum Beispiel der sehr reiche Pole Jgnaschewski in Lublin) Säcke voll Gold- und Silbern;;,nzeu stehen hatten, weshalb sie ziemlich hart bestraft wurden, dagegen wurde dies nicht von einem einzigen Juden festgestellt. Trotzdem beschuldigte man unter anderem die Juden dessen, in einem Sarg anderthalb Millionen Rubel in Gold in Deutschland eingeschmuggelt zu haben, und der Einspruch gegen diese Beschuldigung, der von den Vertretern und Rabbinern der

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