Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 48 (27.11.1914)
- Date
- 1914-11-27
- Page
- Seite (571) (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Verfügung, an den drei andereil fand der Gottesdienst im Freien ffcfltt. Die Ordnung desselben ist in der Regel die folgende: Verlesung eines Psalms und eines kurzen Bibelabschnittes' aus der Thora- oder der Prophetenvorlesung der Woche (hebräisch und deutsch), danach die Predigt, hierauf, iit kürzerer Form unter Zugrundelegung des Feldgebetbuchs, das Morgen- bzw. Abendgebet, als Abschluß ein freies deutsches Gebet, endend mit dem Priestersegen und dem Kaddischgebet. Nach dem Gottesdienst bleibe ich mit den Mannschaften noch eine Zeitlang gesellig zusammen; ich lasse mir auch die Adressen der Eltern an geben, um diesen über das Ergehen ihres Sohnes eine kurze Nachricht geben 51t können. Den Ort des Gottesdienstes setze ich im Einvernehmen mit den Divisions- bzw. Brigadestäben mit Rücksicht darauf fest, daß die Soldaten keine zu weiten Wege — nicht über 50 Minuten — bis zu diesem Platz zurückzulegen haben; um weitere Wege zu ersparen, ziehe ich es vor, einen doppelten Gottesdienst stattfinden zu lassen. Um ein Bild von den äußeren Verhältnissen -eines solchen Gottesdienstes zu geben, sei es gestattet, des Beispiels halber einen solchen zu schildern: Am 15. d. M. fand abends 8K Uhr Gottesdienst in Carlepont statt. Ich kam von den: Standorte der Division, wo ich tags zuvor die erforderlichen Vereinbarungen getroffen hatte, am Vormittag bereits dorthin, um alles Novo endige vorzubereiten. Der Ort C. ist durch die Kämpfe der früheren Wochen fast.ganz zerstört; ich wühlte als Platz für den Gottesdienst daher «einen kleinen, mit Bäumen umgrenzten Platz in dem Schloßpark, der sich von der Hauptstraße des Ortes aus eine niedrige Hügellehne hinaufzieht. Von Pionieren, die im Ort ihr Quartier haben, wurde dort eine Kanzel rasch errichtet und mit Tücher,\ und Zweigen ausgeschmückt. Als Treffpunkt lvar den Mannschaften der Platz vor der Dorfkirche angegeben; in der Nähe war ein Posten ausgestellt, um zurechtzuweisen. Ich erwartete dort die Mannschaften, und wir gingen gemeinsam zu dem Raum der Kanzel, der durch eine Laterne erhellt war; die Soldaten stellten sich im Halbkreise um die Kanzel auf. Ringsumher war das nächtige Dunkel; nur für wenige Augenblicke brach die Mondsichel durch die Wolken hindurch und warf ihr Licht auf die nahen Baumgruppen. Schon das Schweigen der Natur, in das von Zeit zu Zeit das Rollen eines fernen Schusses herüberdrang, gab eine ernste Andacht. Der Gottesdienst lvar um 9 Uhr beendet — seine Dauer ^beträgt in der Regel etwa •% Stunden —, und ich blieb in einen, Hause, in welchen, ich einen großen Tisch und Stühle vorgesunden hatte, mitten in der Unordnung, der Trümmer mit meiner kleinen Gemeinde noch etwa eine Stunde zusammen, um die Fragen und Sor- ' gen, welche alle bewegen, zu besprechen. Danach wurden die Mannschaften durch Vorgesetzte in ihre verschiedenen Stellungen lvieder zurückgeleitet. In ähnlicher Weise verliefen auch die anderen Gottesdienste. Für einen derselben war eine besondere Feierlichkeit geplant; der Brigadekommandeur, der in dem Ort stand, hatte die Mitlvirkung einer Regimentskapelle angeordnet, und ich hatte mit dieser als Einleitung und Schluß der Andacht -einige neutrale Musikstücke verabredet. Wenige Minuten nach Beginn des Gottesdienstes begann jedoch eine Beschießung eines in der Nähe befindlichen feindlichen Turms durch feindliche Geschütze, so daß auf den Wunsch des anwesenden Offiziers der Gottesdienst abgebrochen wurde; ich habe ihn dann an einem anderen gesicherteren Platze lvieder ausgenommen und in schlichterer Weise zu Ende geführt. Etwa zwei Drittel der Mannschaften, mit denen ich in den beiden letzten Wochen zusammen war, bestand aus Hamburgern; neben ihnen waren zu meiner Freude auch einige aus unserer Berliner Gemeinde. Bei den militärischen Behörden habe ich stets sehr großes und liebenswürdiges Entgegenkonunen gefunden. Die Schwierigkeit besteht immer nur darin, daß jedes Ziel den weiten Weg und infolgedessen die geraume Zeit erfordert. Ost vergehen zlvei Tage, bis die Zahl der jüdischen Mannschaften in den einzelnen Truppenteilen festgestellt ist und auf Grund dessen ein zentral gelegener Ort für den Gottesdienst bestimmt werden kann. Ich benutze diese Zwischenzeiten zunr Besuch der Feldlazarette und zur Erledigung der unlsangreichen Korrespondenz im Interesse der jüdischen Soldaten. Von den jüdischen selbst habe ich in den sechs Wochen, die ich nun bereitshier weile, schon so viele aus den verschiedenen Gegenden Deutschlands und aus den verschiedenen Truppenteilen gesehen, daß es mir vielleicht gestattet ist, ein Urteil auszusprechen. Ich stütze mich dabei nicht nur auf meine Beobachtungen, sondern auf das Urteil von einigen Offizieren, die sich, ganz unaufgefordert und unangeregt, mir gegenüber aussprachen. Sie rühmten, uneingeschränkt, an ihren jüdischen Mannschaften die Tüchtigkeit und Zuverlässigkeit, die Furchtlosigkeit und die stete freiwillige Bereitschaft wie die Gewandtheit und die soldatische Intelligenz. Das, was ich selbst sah, und was ich aus sonstigen Gesprächen heraushörte, stimmt damit überein; ein gewisser Stolz, mehr als die bloße Pflicht zu tun, Mut, Geschicklichkeit, klarer, offener Blick sind bei fast allen zu finden. Auch das konnte ich immer lvieder beobachten, daß sie sich als Kameraden ebenso wie als Vorgesetzte bewähren. Bezeichnend ist, daß sie besonders zahlreich in Vertrauensposten zu finden sind, so als Ordonnanzen, Besehlsempfänger, Schreiber in den höheren Bureaus, Dolmetscher usw., daneben auch als Burschen von Offizieren, andererseits aber auch, soweit sie Unteroffiziere und Vizefeldwebel sind, als tatsächliche, fast selbständige Leiter einzelner Abteilungen. Ich habe auch das beobachten können, wie rasch Söhne wohlhabender Familien sich in Entbehrungen und Mühen Hineinsanden und auch darin in Reih und Glied standen. Als charakteristisch« möchte ich ans Grund häufiger Beobachtungen eines noch hervorheben: es ist das eigentümliche Zartgefühl, das die jüdischen Soldaten der fremden Bevölkerung gegenüber aufweisen; ich habe es oft sehen können, wie sie beinahe zu Beschützern und Vermittlern für dieselben werden. Es ist ein eigener, vornehmer Zug, der in das Gesamtbild hineinkommt. In den nächsten Tagen will ich lvieder einige der großen Kriegslazarette aufsuchen und dann meine Wege 31t den einzelnen Truppenteilen fortsetzen. * Nachtrag zu den Berichten von Dr. B a e c!. Meine Leser werden mir Dank wissen, daß ich die vorstehenden Berichte;cm dieser Stelle wiederhole. Es ist für uns, die wir zu Hause bleiben mußten, rührend und erhebend, die Kunde von dieser anstrengenden und erfolgreichen Tätigkeit unseres Geistlichen zu erhalten. Wir schätzen und verehrten in Dr. Baeck den strengen Gelehrten, den Meister des Wortes, den geistreichen Redner, der! aus alle Denkenden einen großen und mächtigen Eindruck! macht. Null lernen wir in ihm einen jener eifervollen Geistlichen kennen, der die größten Strapazen mit heiterer Rühe erträgt, der wie ein echter und wahrer Priester die Segnungen seines heiligen Amtes überall hinträgt, der durch seinen Zuspruch erbaulich wirkt, und der durch diese würdevolle Art unserer Religion Achtung auch in den Kreisen Andersgläubiger verschafft. Möge es dem vortrefflichen Mann gegönnt sein, mit voller Frische -und Kraft sein verantwortungsvolles Amt zu üben. Gesunde zu stärken und zu erbauen. Kranke zu trösten, die Angehörigen der Verwundeten zu beruhigen und unserer Gemeinschaft, der er stets eine Zierde war und bleiben soll, die würdige Berücksichtigung und Achtung Zll verschaffen und zu erhalten. Ein Friedensm-ann zog er in den Krieg, aber er ist ein rühmlicher Kämpfer mit den Waffen des Geistes attxb des Glaubens. Seine und seiner wackeren Mitstreiter Tätigkeit bleibe gedeihlich lmd trage reiche Früchte! I- 0. Lultsnvr in NuMch-Kolen. Von Georg Brandes. II. Tatsachen. m Jahre 1912 sollte man in Warschau einen Abgeord- \ neten in die Duma wählen. Die Bevölkerung der Stadt zahlt zwischen 700 000 und 800 000 Seelen. Da hiervon etwa 300 000 Juden find, und darunter die Majorität der Wahlberechtigten, hatten diese es in ihrer Gewalt, einen jüdischen Abgeordneten zu wählen. Aus polnischem Nationalgefühl verzichteten sie jedoch auf dieses ihr Recht, weil sie wünschten, daß Warschau als Hauptstadt im Königreich Polen von einer Person vertreten werde, die nicht nur von Gesinnung, sondern auch von Abstammung Pole sei. Sie forderten von