Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 48 (27.11.1914)
- Date
- 1914-11-27
- Page
- Seite (570) (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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bisweilen erleichtert, da mir an einigen Tagen ein Wagen zur Verfügung gestellt wurde. Dieser Besuch der Lazarette erweist sich als ein sehr wesentlicher Teil meiner Tätigkeit. Den Verwundeten wird ein Stück Heinrat gebracht und ihre Zuversicht gehoben; sie fühlen sich, wie ich oft bemerken konnte, schon dadurch aufgerichtet, daß auch zu ihnen, wie zu den Andersgläubigen, ein Seelsorger kommt. Darlehen steht, daß den Angehörigen der Verwundeten regelmäßig Nachricht gegeben werden kann; ich habe an manchem Tage eine ziemlich umfangreiche Korrespondenz auszusühren. In mehreren. Fällen habe ich leider auch Trauernachrichten an Angehörige schicken müssen. Bei den Beerdigungen, bei denen die Toten zumeist in einem Gesamtgrabe bestattet werden, habe ich. in Gemeinschaft mit dem evangelischen bzw. katholischen Geistlichen am Grabe gesprochen, nachdem ich neben ihnen dem Trauerzuge gefolgt war. Ich habe stets den Hinterbliebenen hiervon, wie von dem Ort und der Zeit der Beerdigung, wie auch vorher von der des Hinscheidens Nachricht gegeben. Bon Ehauny begann ich dann eine für längere Zeit berechnete Weiterfahrt, die mich zu den einzelnen Divisionen führen soll. In meinem ersten Bericht habe ich erwähnt, daß ich zunächst die einzelnen Generalkommandos ausgesucht hatte, um den allgemeinen Ueberblick zu gewinnen und von den obersten Stäben gekannt zu werden. Um noch näher an die Truppen heranzukommen, hat es sich mir als erforderlich herausgestellt, zu den einzelnen Divi-sionen und Brigaden, soweit möglich, mich zu begeben. Ich habe die gesamte vergangene Woche dem Beginn dieser Aufgabe gewidmet und se drei Tage bei zwei Divisionen zugebracht. Ick) habe zwei kleine Feldgottesdienste im Freien abgehalten und dort, wo die südischen Soldaten sich ganz vereinzelt bei einem Truppenteil befinden, diese seelsorgerisch ausgesucht. Daneben habe ich in den Feldlazaretten und Verbandplätzen nach jüdischen Verwundeten Nachfrage gehalten. Die Kreuz- und Ouerwege waren mit mancherlei Schwierigkeiten und Strapazen verbunden; manches Dorf, in dem ich Nachtquartier nahm, war durch Granaten fast völlig zerstört, und die wenigen Häuser, die noch ein Dach und einige Fenster hatten, waren selbstverständlich durch die, welche ständig zum Truppenteil gehören, bereits vorher besetzt wor-- den. Aber alle diese Mühen wurden durch das -liebenswürdige Entgegenkommen der Truppensührer, ganz besonders der Generale und der sonstigen höheren- Offiziere, erleichtert. Da den Pferden eine bei dem ungünstigen Wetter besonders erforderliche Ruhezeit gewährt werden muß, habe ich mich für einige Tage hierher, nach Nohon, begeben. Ich benutze diese Zeit, um die hiesigen fünf Lazarette zu besuchen; außerdem habe ich für Sonnabend 4 Uhr einen Gottesdienst ansetzen lassen. An einem der nächsten Tage will ich dann meinen Weg zu den weiteren Divisionen, fortsetzen. Ich habe noch nicht seststellen können, in welcher Weise meine Kollegen, die als Feldprediger einberusen worden sind, ihre Tätigkeit einrichten.. Nur mit einem ist es mir bisher gelungen, in Verbindung zu treten; dieser hat, auf Anraten des betreffenden Oberkommandos, seinen dauernden Standplatz in dem Hauptetappenort ge-! nommen. Nach den Erfahrungen, die ich bisher gewonnen habe, bej schränkt dies das Gebiet der Tätigkeit völlig. Es ist trotz aller Be- | schwerlichkeiten durchaus erforderlich, alle Teile der Armee aufzusuchen. Nur dadurch ist es uröglich, daß, wenn auch vielleicht nicht alle, so doch viele den persönlichen Eindruck und die persönliche Gewißheit davon gewinnen, daß ein Rabbiner unter ihnen ist. Es ist sehr wesentlich, daß die jüdischen Soldaten dies erfahren, aber ebenso auch, daß die Andersgläubigen es wissen. Für die Anerkennung des Judentums ist dies unstreitig von Bedeutung, und es braucht nicht erst daraus hingewiesen zu werden, daß jede Anerkennung der Juden doch zuerst und zuletzt von der Anerkennung des Judentums abhängt. Es ist auch für die Stellung des jüdischen Soldaten wichtig, daß seine Religion sichtbar neben den anderen steht. Es ist selbstverständlich, daß nicht alles geschehen kann, was der Wunsch und der Gedanke des Notwendigen tun möchten. Die jüdischen Mannschaften sind weithin verstreut, manches Regiment zählt nur zwei jüdische Soldaten; die verhältnismäßig größte Zahl, siebzehn, scheint in der Armee, der ich zugeteilt bin, das ... Regiment zu haben, das ich demnächst aufsuchen will. Für das Gebiet, das der jüdische Feldgeistliche zu verwalten hat, stehen zum Beispiel, nachdem ihre Zahl vor einigen Wochen erheblich vermehrt worden ist, 40 bis 50 evangelische Geistliche und eine nicht viel geringere Zahl katholischer im Dienste. Durch eine geeignetere Organisation hätte manches besser gestaltet werden können. Aber es ist ja zu hoffen, daß kein späterer Krieg es mehr gebieten wird, die Erfahrungen dieses Krieges nutzbar zu machen. Allein auch unter den obwaltenden Verhältnissen kann hier so manche Ausgabe ihren Platz finden. Ich behalte mir es vor, in meinem nächsten Bericht über den sehr günstigen Eindruck, den ich von den jüdischen Soldaten gewonnen habe. Mitteilungen zu machen. Darf ich auch von mir persönlich mitteilen, daß mein Befinden, auch an ungünstigen Tagen, stets gut war. Bericht III. Audignicourt, 30. Oktober 1914. ' Ganz ergeben berichte ich über meine Tätigkeit in der Zeit vom ' 15. bis 30. d. M.: Mein letzter Bericht hatte bereits daraus hingewiesen, daß, um an die jüdischen Mannschaften näher heranzukonunen, es erforderlich ist, die einzelnen Brigaden und Divisionen.aufzusuchen. Ich habe in den beiden vergangenen Wochen diese Aufgabe fortgesetzt; ich bin in dieser Zeit in acht verschiedenen Orten im Gebiet von drei Divisionen gewesen, und es war mir möglich, fünf Feldgottesdienste in Noyou-, Thiescourt, Chiry, Carlepont, Audignicourt abzuhalten. Die Zahl der Soldaten, die an dem Gottesdienste teilnahmen, schwankte zwischen acht und vierundzwanzig. Als Zeit muhte, mit Ausnahme des Gottesdienstes m Noyon, eine frühe Morgenstunde oder eine späte Abendstunde angesetzt werden, da es nur unter dem Schutz der Dunkelheit möglich! zu sein Pflegt, die Mannschaften aus den -Schützengräben herauszuziehen und dorthin wieder zurückzuführen. Der Platz war durch die örtlichen Verhältnisse bestimmt. Irr Nohon hatte der Stadtkommandant die große Kathedrale in seinen: Befehl angegeben; ich hatte aber gebeten, einen kleinen Saal in dem Hause, in dem ich einquartiert war, benutzen zu dürfen; die geringe Zahl der Soldaten hätte zu dem gewaltigen Raume zu sehr im Mißverhältnis gestanden, und er hätte zudem der Stimme ihren Ton genommen. An einem Orte stand mir ein Schulzimmer zur Rabbiner Dr. Baeck zurzeit Feldprediger bei den westlichen Armeen.