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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-11-27 · Heft 48 (27.11.1914) · p. Seite (569)

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 48 (27.11.1914)
Date
1914-11-27
Page
Seite (569) (sequence 5)
Language
German
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sim kollegium der Provinz Brandenburg ein, bis er am 7. Mai 1903 von der Stadtvervrdnetenversammluiig fast einstimmig z>lm Berliner Stadtschulrat gewählt wurde. Das Berliner höhere Schulwesen ist unter Michaelis zu seiner heutigen Blüte ansgebaut worden. Mit größtem Pflichteifer widmete er sich allen schultechnischen Fragen und verstand es, mit der Zeit mitzugehen. In seine Amtszeit fällt die Umgestaltung und Neuorganisation des höheren Mädchenschulwesens, die gerade für Berlin bei der Eigenart der hiesigen Schulverhältnisse viel Umsicht und Takt erforderte. Ein besonderes Verdienst hat er sich um das städtische Fach- und Iortbildungsschnlwesen erworben, das unter seiner Leitung vorbildlich für ganz Deutschland geworden ist. Im Dezember 1911 wurde ihm der Titel eines Geheimen Regierungsrates verliehen. Auch wissenschaftlich hat sich Michaelis nach verschiedenen Richtungen hin mit Erfolg betätigt. Er war ein gründlicher Kenner der Philosophie alter und neuer Zeit und hat unter anderen für die „Philosophische Bibliothek" Kirchners „Wörterbuch der philosophischen Grundbegriffe" in seinen letzten Anslagen neu bearbeitet. Der Verstorbene hatte viel mit Angelegenheiten der jüdischen Lehrer zu tun. Stets bezeugte er in solchen sein Wohlwollen und bekundete sein humanes Wesen. Wenn er nicht so viel sörderte, wie man jüdischerseits von ihm wünschte, so lag dies weder an ihm noch an seinen gleichgesinnten Kollegen, sondern an den Verfügungen höherer Instanzen, an die er gebunden war. Er selbst verkehrte mit manchen Juden in intimer Weise. Er war ein vorurteilsloser Mann, von einer merkwürdigen Schlichtheit und rührender Bescheidenheit. Voll Eifer und Aufopferung in seinem Amt, ganz seiner aufreibenden Tätigkeit hingegeben, ein Muster eines pflichttreuen preußischen Beamten, ein ernster, edler, reiner Mensch. Ehre seinem Andenken! * Wir schließen diese Uebersicht mit der Mitteilung, daß Herr Gottfried Sender, Lehrer an der jüdischen Lehrerbildungsanstalt in Berlin, der vor Antwerpen das Eiserne Kreuz zweiter Klasse empfing, vor einigen Tagen das Eisern e Kreuz erster Klasse erhalten hat. Wir beglückwünschen den tapferen und kühnen Mann von ganzem Herzen. Berichte des jfeldgeiltljchen Labbmer Lr. löaeck sn den Vorltsnd der jüdischen Gemeinde. Bericht I. Z. Zt. A., 27. 9. 14. anz ergeben berichte ich über die erste Woche meiner Tätigkeit als Feldgeistlicher; ich bitte, die äußere Form dieses Schreibens mit den schwierigsten äußeren Verhältnissen entschuldigen zu wollen, denn ich benutze einen Koffer als Tisch. Ich habe am 13. d. M. Berlin verlassen. Um bis zu dem augenblicklichen Sitze des Oberkommandos der I. Armee, dem ich überwiesen bin, zu gelangen, waren Bahn- und Wagensahrten nötig, die Tage erforderten. Während dieser Zeit habe ich nur einmal ein. fünfstündiges Nachtquartier machen können. Diese Fahrten, die über L.—N.—Ch.—C—St.-Q. führten, haben aber das Gute gehabt, mich mit verschiedenen Truppenteilen zusammenzuführen und mich damit für meine Tätigkeit vorzubereiten. Meine eigentliche dienstliche Tätigkeit begann demgemäß erst mit dein 20. d. M. Auf Grund von Besprechungen, die ich mit einem Adjutanten des Oberkommandos, und von Unterhaltungen, die ich mit einigen evangelischen und katholischen Divisionspfarrern hatte, habe ich mir folgenden Arbeitsplan für die erste Woche aufgestellt, i>en ich auch habe durchführen können. Ich habe mich für je zweieinhalb Tage zu den Kriegs- und Feldlazaretten und zu den Truppenteilen mit festen Standorten verweisen lassen. Dies erforderte, daß ich immer wieder das Quartier wechselte und täglich von 7 Uhr früh bis 7 Uhr abends fahrend und reitend unterwegs war, von Ort zu Ort. Aber es wurde dadurch erreicht, daß man mich im Gebiete der Armee möglichst rasch und möglichst weithin kennen lernte, und daß ich selbst möglichst bald einen Ueberblick über ineine Tätigkeit gewann. Die Tätigkeit ftnbct ihre große Schwierigkeit in der weiten räumlichen Ausdehnung und in der Vereinzelung der ji'ldischen Mannschaften. Die Linien des Gebietes, das der jüdische Feldgeistliche amtlichzu verwalten hat, erstreckensich nach verschiedenen Richtungen, über 40 bis 70 Kilometer, über oft sehr schwierige Wege hin. Zudem befinden sich zurzeit die Truppen fast sämtlich in Stellung in den Schützengräben, und es ist nicht überall nwglich, an sie heran-' znkommen. Cs ist viel Geduld erforderlich. Meine wesentliche Ausgabe bestand so in dem Besuche der Feld- und Kriegslazarette. Ich habe sie zu einem großen Teil, bisher neun, besucht, und ich habe m. fast allen jüdische Verwundete angetrofsen, denen es offenbar eine große Wohltat war, besucht zu werden. Den Angehörigen aller, die ich traf, habe ich briefliche Nachricht gegeben. Einen Gottesdienst habe ich bisher aus den geschilderter! Gründen nicht abhalten können. Ich begebe mich aber heute nach C., wo mehrere große Lazarette sind, in. denen ich nach jüdischen Verwundeten fragen Null. Dort, in C., ist auch eine etwas größere Anzahl von jüdischer: Mannschaften und Aerzten. Ich habe daher bereits alte Anordnungen getroffen, mn dort am Dienstagabend und am Mittwochvormittag den Jom-Kipprrr-Gottesdienst abzuhalten. Außerdem hat das Oberkommando auf mein Ersuchen einen Tagesbefehl erlassen, daß alle jüdischen Mannschaften, soweit die Kriegslage es gestattet, von Dienstag 5 Uhr bis Mittwoch 7 Uhr abends dienstfrei bleiben und zu gernei-usamem Gebet sich zusammentun sollen. Ich habe, soweit es möglich war, an der Hand der Feldgebetbücher einzelnen Soldaten die Anleitung zu solchen Gottesdiensten gegeben. Wenn ich über den Erfolg mich aussprechen darf, so ist er am größten bisher in ideeller, moralischer Beziehung. Ich habe es beobachten können, wie sehr die jüdischen Mannschaften das bloße Bewußtsein erhob, daß ein Rabbiner sich bei den Truppen befindet. Bon den Kommandostellen erfahre ich jedes Entgegenkommen und . Persönliche Liebenswürdigkeit. Die kommandierenden Generäle erkundigen sich persönlich nach der Art imb dein Erfolg meiner täglichen Arbeit. Bericht II. Nohon, 15. Oktober 1914. Ueber meine Tätigkeit in der Zeit vorn 28. September bis znrn 13. Oktober berichte ich ergebenst: Am 28. September siedelte ich von Allemant nach Chauny über, um dort die Feier des Versöhnungstages abzuhalten. Durch die Kommandantur -wurde hierfür ein abgegrenzter Teil der Kirche „Notre Dame" bestimmt, da alle sonstigen größeren Räume der Stadt durch Lazarette und Einquartierungen belegt und alle freien Plätze von den Lastwagen besetzt sind. Ich setzte einen zweimaligen Predigtgottesdienst an, Dienstag, den 29. September, BA Uhr abends, und Mittwoch, 9 Uhr vormittags. Aus die Bitte der versammelten Mannschaften hielt ich dann noch um 4K> Uhr einen Neitagottesdienst mit Predigt ab. Alle drei Gottesdienste waren in gleicher Weise von den in Chauny stehenden (etwa 85 bis 40 Mann) Mannschaften verschiedener Dienstgrade und Aerzten besucht. Der zur Verfügung gestellte mittlere Teil der Kirche, abseits vom Altar und den anderen sakramentaler: Stellen, mit Kerzen beleuchtet, bot einen stimmungsvollen Raum. Die Gebete und die Predigten — an die Mussaphpredigt schloß ich die Seelenfeier au -- sprach ich von. der niedrigen Kanzel aus; vor ihr waren Stühle für die Versammelten aufgestellt. Zu meiner Freude waren in der kleinen Schar auch mehrere Angehörige unserer Gemeinde. Ich hatte die Empfindung, daß der Tag allen nahe trat; mich und wohl auch alte anderen hat es besonders ergriffen, wie in jedem der Gottesdienste die Sätze des „Owinu malkenu" lallt nachgesprochen wurden, wie arn Schluß der Seelenfeier das Kaddisch von einigen wiederholt wurde und wie arn Schluß des Nei'lagebetes die Sätze des Glanbeusbekenntnisses den Ausklang bildeten. Erwähnen rrröchte ich rwch, daß vor dem Schlußgottesdienste der Cur« der Kirche, der des Deutscheil etwas kundig ist, an mich die Bitte richtete, dem Gottesdienst beiwohnen zu dürfen und sich als Andenken dann ein Feldgebetbuch ausbat. Ich blieb in Chauny eine Woche, um die zahlreichen dort befindlichen Lazarette wie auch die der Umgegend zu besuchen. Chauny, wie allch Noyon, wo ich mich jetzt befinde, silid Hauptsamnlelstellen für die Verwundeten. Die Wege nach der Umgegend waren mir dort

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