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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-11-27 · Heft 48 (27.11.1914) · p. Seite (568)

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 48 (27.11.1914)
Date
1914-11-27
Page
Seite (568) (sequence 4)
Language
German
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Der „Frankfurter Zeitung" entnehmen wir folgendes: F ü r st P a u l Dolgo r u k o w ü b e r die r u s s i s ch e n I u d e n. In dem führenden Moskauer Blatte „Rußkija Wjedoutosti" schreibt der Fürst wie folgt: „Der Sturm, der über unser Land her-einbrach, wirft auch Blitzlichter aus mancherlei Erscheinungen unseres Volkslebens, an die wir uns leider gewöhnt lpibeu. Dazu gehört besonders unser Verhalten zu den Völkerschaften, deren Schicksal von dem Schicksal Rußlands nicht zu trennen ist. Hinsichtlich der Polen ist eine neue Politik schon an maßgebender Stelle als notwendig bezeichnet worden. Es ist auch die Zeit gekommen, die Lage der Juden in den Vordergrund zu rücken. Der Gegensatz zwischen den S t a a t s p f l i ch t e n der Inden und ihrer rechtlose n 3tell u n g hat schon immer bestanden, er spitzt sich jedoch in .Kriegszeiten derartig zu, daß man zu dieser Frage nicht mehr schweigen kann. Hunderttausende Juden vergießen ihr Herzblut für die Größe Rußlands, und dennoch sind sie der Rechte beraubt, die andere russische Untertanen nur durch ein Verbrechen einbüßen können. Dieser Zustand, der die freie Wahl des Wohnortes und der schulmäßigen K i n d e r e r z i e h n n g ansschließt, wird jetzt zu einer besonderen Qual. Polen und das Südwestgebiet — der eigentliche Ansiedlungsrahon der Juden verwandelte sich in die erste Arena des Krieges. Handel und Industrie wurdet! vernichtet, die Leute fahnden vergebens nach dem Stückchen Brot, und der Feind veranlaßt zur Flucht. Aber wohin? Diesseits und jenseits des Schlachtfeldes und in den anderen „Ansiedelungsgebieten" wütet die Schlacht. Ter übliche Rettungsanker der Juden - die Mswandernng — ist jetzt unmöglich. Und die ans Deutschland und Oesterreich herausgejagten russischen Juden werden auch noch m die Heimat zurückgetrieben. In der Verzweiflung suchen viele von ihnen freiwillig den Tod. Das große Rußland mit demgroßen Volk ititb der großen Seele hat Raum und Brot genug für alle seine Söhne. Viele von den Elenden haben an -anderer: Orten bemittelte Verwandte, die als Gildekanfteute oder Akademiker das Wohnrecht erworben haben, die sie gern mlfnehmen würden; viele würden auch anderweitig eine Verdienstmöglichkeit finden. Aber laut dein herrschenden Gesetz darf der Jude sich nicht außerhalb seines „Ansiedelungsgebietes" aufh-alten! Tausende von j ü d i s ch e -n V er \v undeten sind jetzt über ganz Rußland verstreut! Die Angehörigen dürfen aber auch für kurze Zeit nicht z u i h n eu ko m m en und ihnen sterbend die Augen schließen, weil sie kein „Wohnrecht" haben. Rur mit Umgehung des Gesetzes ist solch ein Liebesdienst durchführbar. Ebenso schwer lastet gegenwärtig auf den Inden die Erziehungsfrage. Eine ganze Reihe von L e h r - a n st alten ist geschlossen. Den Eltern ist anheimgestellt worden, die Ender anderen Schulen zuzuführen, wobei laut einem Zirkular des Kultusministers auch die Ausnahme jüdischer Schüler über die festgestellte Norm hinaus gestattet ist. Diese Vergünstigung vermag jedoch nicht ausgenutzt zu werden, weil sie an das Wohnrecht der Juden gebunden ist. Im übrigen wird die strenge prozentuale Norm in sämtlichen mittleren und höheren Unterrichtsanstalten beobachtet. Durch den Krieg ist auch diese Lage der Dinge unerträgli ch geworden, denn sonst ging die jüdische Jugend nach Deutschland und Oesterreich, um die Bildungsstätten zu besuchen. Und was sollen die jüdischen Studenten beginnen, die ihr Studium im Auslande begonnen haben? Vergebens klopfen sie an die Pforten unserer Hochschulen, obschon dort genug freie Plätze jetzt vorhanden sind. Viele t>on ihnen werden ihr Studium nicht vollenden und ihrem Vaterlande nicht dienen können, dem es doch so sehr an intelligenten Arbeitern mangelt! Ist das alles nötig für das große Rußland, das sich berufen fühlt, Stämme und Völkerschaften vom Joche zu befreien? Die volle Anfh e b u n g d e r n a t i o n a l e n B e s ch r ä n k u n g e it sollte durch ein Gesetz festgelegt und jedenfalls eine Milderung derselben während der Kri-egszeit angeordnet werden." Dieser Appell an das Gerechtigkeitsgefühl der russischen Staatsleiter wird wohl ebenso wirkungslos bleiben wie alle früheren Versuche, das Los der russischen Juden menschlicher zu gestalten. Man hat zu Beginn des Krieges einige unverbindliche Versprechungen gemacht, weil man die jüdischen Soldaten brauchte: aber Versprechungen, auch solche des Zaren, sind ja in Rußland am wohlfeilsten, und niemand denkt daran, sie zu halten. Tie „Kölnische Zeitung" gibt einer Zuschrift über die Zweckmäßigkeit von Repressalien gegen die in Deutschland lebenden Russen Raum. In dieser Zuschrift wird mit Recht daraus hingewiesen, daß von diesen Repressalien fast nur Polen und Juden betroffen werden, deren Festsetzung oder Beschränkung in ihrer persönlichen Freiheit der russischen Regierung völlig gleichgültig ist. Im Gegenteil ist es bekannt, daß die Polen, besonders aber die Juden, in den letzten 20 Jahren in geradezu entsetzenerregender Weise unter barbarischen Bedrückungen gelitten haben. Ihre schlechte Behandlung seitens der deutschen Behörden werde in Rußland um so mehr Genug-! t u u n g erwecken, als sie dazu benutzt werden könnte, die rus-! fischen Juden in den Grenzprovinzen sowie die Polen von j einem freundlichen Entgegenkommen gegen die deutschen Trup-! pen abzuschrecken. Zu diesem Zweck ist der russischen Regie-! rung jedes Mittel recht, und es ist bekannt, daß das russische Militär bei Wiederbesetzung der von den Deutschen geräumten Orte blutige Greuel verübt hat. Die deutsche Reichsregierung hat aber ein Interesse daran, Polen und Juden zil zeigen, daß ein Erfolg unserer Waffen für sie Freiheit, Sicherheit der Persönlichkeit und Anschluß an eine höhere Kultur bedeutet. Als ebenso zweischneidig müßte vielfach die Anwendung von Repressalien auf Balten erscheinen, . deren manche trotz russischer Staatsangehörigkeit doch von deutschfreundlicher Gesinnung sind. Das „Hamburger Fremdenblatt" hört, daß die deutsche Regierung der Anregung, bei Vergeltungsmaßnahmen gegenüber russischen Staatsangehörigen die Polen, Finnländer und die Juden günstiger 31t behandeln, wohlwollend gegenüber- ' steht. *; Aus Konstantinopel wird gemeldet: Unter den ausländischen Juden des türkischen Reichs ist eine lebhafte Bewegung im Gange, die ottomanische Staatsbürgerschaft anzunehmen. In Palästina und Syrien allein j haben in den letzten Tagen über 5000 Juden — meist! russischer Staatsangehörigkeit — ihre Ottomanisierung : nachgesucht. Um diesen Bestrebungen entgegenzukommen und j der jüdischen Bevölkerung ihr besonderes Wohlwollen zu bej künden, hat die türkische Regierung angeordnet, daß auslän-! dische Juden auf Wunsch sofort und ohne weitere Förmlichj ketten in den ottomanischen Staatsverband aufzunehmen sind, j Sonst ist die Einbürgerung ausländischer Staatsangehöriger! in der Türkei unter anderem an einen fünfjährigen Aufent-! halt im Lande geknüpft. Man erwartet hier, daß Zehntausende! ausländischer Inden in Konstantinopel und in den Provinzen > von dieser Vergünstigung Gebrauch machen werden. * Der Todesfall, von dem wir im nachstehenden berichten, wird auch in unseren Kreisen gerechte Trauer erwecken. Die „Voss. Zeitg." schreibt: Stadtschulrat Professor Dr. Michaelis ist mit 21. November nach kurzem Leiden gestorben. Das Hinscheiden des verdienten Mannes wird in der Berliner Bürgerschaft, vor allem bei der Lehrerwelt, der er ein fürsorglicher Freund und Berater war, aufrichtiges Bedauern erwecken. Ein geistvoller Pädagoge, ein tüchtiger Organisator, ein Mann von umfassendem Wissen tind weitem, vorurteilsfreiem Blick, hat er es verstanden, dem höheren Schulwesen Berlins seinen altbewährten Ruf zu erhalten. Karl Michaelis war 1852 in Berlin als Sohn des Professors am Friedrich - Werderschen Gymnasium und Lektors der Stenographie an der Berliner Universität Dr. Gustav Michaelis geboren. Auf dem Friedrichs-Gymnasium vorgebildet, studierte er an der Berliner Universität Philologie, Germanistik, Mathematik und Philosophie, wurde später Hilfslehrer am Grauen Kloster und 1876 ordentlicher Lehrer am Werderschen Gymnasium. 1890 wählte ihn der Berliner Magistrat zum Direktor der neu eröfsneten 7. Realschule. Im November 1900 trat Michaelis in das Schul-

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