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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-11-27 · Heft 48 (27.11.1914) · p. Seite (566)

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 48 (27.11.1914)
Date
1914-11-27
Page
Seite (566) (sequence 2)
Language
German
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0/66 die Fundamente der Moral in der Menschheit untergraben. Die Idee der Gerechtigkeit, daß es ewige Werte gebe, zu deren Schaffung und Erhaltung der Mensch mit Hemmung der rücksichtslosen Zerstörungslust des egoistischen Durchsetzungstriebes wirken müsse, wird zur Utopie, wenn sie nie und nimmer im Berkehrsleben der Völker gilt. Wirkt doch der Verkehr der Völker stark auf den Verkehr der einzelnen ein. Hier steckt die ungeheure Wichtigkeit des Kriegstatbestandes für Ethik und Religion. Diese — besonders auch das Judentum als Religion der Gerechtigkeit — dürfen an diesem Thema nicht schweigend vorübergehen, weil sie in den längeren Zeitkäufen des Friedens es zu beachten vergessen haben. Jesaja hielt die schließliche Beseitigung des Krieges fürmöglich, weil er eine theokratische Ordnung der gesamten Welt unter Führung Gottes in Israel voraussah. Hierin mag er sich geirrt haben. Auch ihm, dem großen Denker, war es klar, daß ohne Schiedsinstanz der ewige Friede nicht herstellbar sei. Eine schiedsrichterliche Instanz über den Völkern wird aber bei wichtigen Interessen wohl immer fehlen. Deshalb werden wohl Exekutionskriege nie ganz verschwinden können. Da kein Gericht, dessen Autorität das Recht erzwingt, die Interessen ausgleicht, wird wohl stets auch der loyalste Politiker einmal das Schwert ergreifen müssen, um Ansprüche des gerechten Ausgleichs der Völker und der gerechten Entwicklung zur Durchführung zu bringen. Aber müssen auch die Pläne illoyaler Machtversuche, egoistischer Erdrosselungsversuche immer wieder so stark werden, daß sie Weltkriege entflammen? Soll hier kein Fortschritt möglich sein, weil es am -internationalen Gerichte fehlt? Führt doch die egoistische Zerstörnngssucht in allem Verkehrsleben, dem nationalen wie dem internationalen, kaum jemals zu beständigen Verhältnissen. Das Beispiel der Kriege Napoleons I. hat es bewiesen, daß lebenswürbige Volksindividualitäten nicht unterdrückt werden können, sondern nach schweren Schlägen sich wieder erheben und rächen. Nur der auf dauernden Bestand gerichtete Sinn kann Gestaltungen von Bestand herbeiführen. Die egoistische Zerstörung aber zerstört schließlich ihre eigenen Gebilde. Dies gilt im nationalen Leben wie im Leben der Völker. Neben dem Gericht wirkt im nationalen Verkehrsleben auch das Rechtsgefühl zur Verhinderung egoistischer Gewalt. Dieses ist mit dem ethischen Gefühl identisch. Es ist nicht genügend Allgemeingut, um das Gericht entbehrlich zu machen. Aber, wo es vorhanden ist, wirkt es oft klarer als Gesetz und Gericht und ist imstande, Gesetz und Rechtsprechung sortzubilden. Das Rechtsgefühl betätigt sich bisher wesentlich nur im nationalen Recht, weil die Verhältnisse hier leichter als im verwickelten Leben der Völker übersehbar und einschätzbar sind. Leider ist es auch im nationalen Rechtsleben noch sehr schwach und das Rechtsleben in der Hauptsache egoistisch-wirtschaftlich orientiert. Mit diesem Geisteszuschnitt der Menschheit steht der Ausbruch von Gewaltkriegen im Zusammenhang. Das Rechtsgefühl muß durch unablässige Arbeit der ethisch Interessierten im ganzen gestärkt werden. Zunächst im nationalen Verkehrs- und Rechtsleben. Von hier aus muß es auch zu stärkerer Einwirkung auf das internationale Verkehrsleben gelangen. Die Geschichtswissenschaft mag in erster Linie Wissenschaft, das heißt Sammler und Sichter von Tatsachen, sein. Sie wird sich aber auch in den Dienst von Rechtswertgefühlen stellen und dann die historischen Kriege auf die ethische Ueberlegtheit der verfolgten Interessen hin prüfen müssen. Bei Erstarkung des Rechtsgefühls wird man wohl immer mehr dahin kommen, die Verwirklichung der wirtschaftlichen Ziele des einzelnen Volkes dem internationalen Wirtschaftsleben zu überlassen. Durch wirtschaftliche Maßnahmen des Volks, Gegenmaßregeln der anderen Völker und hierdurch schließlich veranlaßte Bildung von vertraglichen Ausgleichen lassen sich Kosmopolitismus und Nationalismus vereinigen. Der Vertrag führt im internationalen Leben wie im nationalen zum Recht, aber nicht die Gewalt. Haben wir es doch in der neuen Politik erlebt, daß sogar die Aufsaugung nicht mehr selbständig leistungsfähiger Menschheitsteile durch andere Völker oder Staaten im friedlichen Wirtschaftsverkehr erfolgen kann. Wäre die Geistesrichtung der kultivierten Menschheit auf Rechts-Verwirklichung der Gesamtheit gerichtet, so würden sich wohl gegen einen wirtschaftlichen U s u r p a t i o n s - krieg, wie ihn England jetzt gegen Deutschland führt, stärkere ethische Widerstände im eigenen Lande erhoben haben. Der Krieg dürfte in Zukunft nur noch als Ausnahme für solche Fälle bestehen bleiben, in denen wegen der Schwere der Gegensätze ernsthaftes Bemühen nicht zum Ausgleich wahrer L e b e n s i n t e r e s s e n starker Völker fuhrt. Doch an die Stelle ernsthaften Bemühens wird heute noch leichten und rücksichtslosen Sinnes der Versuch des Gewaltkrieges gesetzt. Vielleicht wird die Einsicht in die Möglichkeiten der Entwicklung der Völker und in die Bedeutung des ethischen Moments für das Völkerleben nach Ausgang des jetzigen Ringens wachsen. Dir Woche. Berlin, den 24. November UN4. as Größte, ja fast das einzige, was uns beschäftigt, ist der Krieg. Ob wir reden oder schreiben, unseren Geschäften nachgehen oder ausruhen, unsere Gedanken weilen immer im Westen und Osten bei den Tapferen und Unermüdlichen, die für uns kämpfen und leiden. Denn wenn auch glücklicherweise von keinem allerschwersten Leid, dem ungeheueren Weh einer Niederlage oder eines Rückzuges zu melden ist, so muß doch berichtet werden, daß zu den ungeheueren Mühseligkeiten und Strapazen, die den Verteidigern des Vaterlandes nun schon seit so vielen Wochen zugemutet werden mußten, auch noch die Kälte getreten ist. Ein früher und strenger Winter ist eingetreten wie im Jahre 1870. Hoffen und wünschen wir, daß unsere Helden ihn glorreich überstehen wie in jenem Kampfjahre. Den Siegesnachrichten aus dem Osten, die wir noch in den neuesten Nachrichten am Ende der letzten Nummer bringen konnten, vermögen wir einstweilen keine neuen anzureihen. Viele, allerdings mit großer Sicherheit austretende Gerüchte wissen von furchtbaren Verlusten der Gegner zu sprechen; die amtlichen Mitteilungen des Großen Generalstabs enthalten darüber noch nichts. Sie lauten zwar hoffnungsfreudig, aber sie künden einstweilen nur langsames und stetiges Fortschreiten. Dieses Fortschreiten ist um so erfreulicher, da es begleitet ist von festem Zusammenhalten und unbedingtem Vertrauen zu unseren Bundesgenossen. Deutschland und Oesterreich-Ungarn kämpfen Schulter an Schulter — das ist die Verkündung, die kleinen Eifersüchteleien und Nörgeleien gegenüber lebhaft betont wird. Die Türkei macht Fortschritte, sowohl gegen Rußland wie gegen England. Der „Heilige Krieg", wie er von dem Sultan gepredigt worden ist, soll nicht, wie ehedem, als ein Kampf des Mohammedanismus gegen die Christenheit ausgefaßt werden, sondern als ein Streit -der Bekenner des Islams gegen seine Unterdrücker England und Rußland. England, das schon längst die asiatischen und afrikanischen Besitzungen und Schutzländer der Türkei mit gierigen Augen betrachtet, Rußland, das so oft vergeblich seine begehrlichen Hände nach Konstantinopel als der wahren Hauptstadt seines weiten Reiches ausgestreckt hat, sollen in diesem Verlangen bekämpft

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