Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 48 (27.11.1914)
- Date
- 1914-11-27
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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78. Jahrgang Nr. 48 Berlin, 27. November 1914 eilung des Judentums. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis-. durch den Buchhandel oder die Post (in Berlin und Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 ITT. — Postscheckkonto 324:. Begründet von Rabbiner Dr. Ludwig PHMppson Unter Leitung des Geheimen Regierungs-Rats Professor Dr. Ludwig Geiger Verlag: Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46-49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW, Jerusalemer Straße 4M9, zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Krieg und Ethik. Von M. Lewinski. — Die Woche. LßKlIJUTL. Berichte des Feldgeistlichen Rabbiner Dr. Baeck an den Vorstand der jüdischen Gemeinde. — Zustände in Russisch-Polen. Von Georg Brandes. — Feuilleton: Der neue Christ. Roman von Peter Ujvnri. Uebersetzt von Rosa Treueseni. — Literarische Mitteilungen. — Sprechsaal. Der Gemeindebote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums"). Berlin, Königsberg i. Pr., Posen, Lissa i. P., Breslau, Forst (Lausitz-, Hamburg, Köln, Wien. — Bon Nah und Fern. Krieg und Lthik. Non M. L e w i n s k i. er Krieg ist über die Mehrzahl der geistig arbeitenden Menschen als ungeheure Ueberraschung hereingebrochen Obgleich sich am politischen Himmel schon lange Wetterwolken zeigten, wollte man an den großen Weltkrieg nicht glauben. Der Gedanke schien dem Geiste des Geistesarbeiters des zwanzigsten Jahrhunderts so zuwider, daß seine Verwirklichung nicht möglich schien. Wesentlich anders ist die Stimmung vieler jetzt nach Ausbruch des großen Weltbrandes geworden. Da konnte man in einer Berliner Wochenschrift lesen, daß der Krieg durchaus nicht im Widerspruch zu den Vorstellungen über die Ziele der Menschheit stehe. Es sei nicht die Aufgabe des deutschen Volks, im Ruhebett zu verstechen. Der Gedanke des ewigen Friedens ersehne die tatenlose Ruhe des Friedhofs. Ter frische Krieg gehöre zur Betätigung echter Menschlichkeit. Aber auch bei anders Gestimmten, die bisher dem Gedanken des ewigen Friedens angehangen sein mögen, stieg der melancholische Zweifel ans, ob die Verwirklichung dieses Gedankens denn möglich sei; nicht vielmehr eine Utopie sei, die mit den in der Menschheit waltenden Gesetzen im Widerspruch stehe. Was erschreckte uns so sehr an dem Gedanken des Weltkriegs? Das Blut und die Verwüstung? Das wäre kein reifer Jdeengang, sondern weichliche Sentimentalität. Denn jeder Betrachtende muß wissen, daß ohne Zerstörung keine Umwälzung und kein Aufbau möglich ist. Ohne Kampf gibt es keine Durchsetzung, ohne Beseitigung keine Umänderung und Erhöhung. Ist dies im Leben überall so, so kann der Krieg nicht ans dem Grunde entsetzlich und verwerflich sein, weil die in ihm sich vollziehende Entwicklung eine besonders plötzliche ist und das Mittel der Zerstörung in ihm a u s c i n m a l in besonders großem Umfange zur Anwendung gelangt. In Wahrheit liegt auch nicht hierin das Erschreckende des Krieges für den geistig-sittlich orientierten Menschen, sondern in dem Zusammenstoß mit der Idee der Gerechtigkeit, die ihrerseits die eigentliche Idee der Ethik ist. Im nationalen Rechtsleben sehen wir einen beständigen Ausgleich der Interessen durch den Verkehr sich vollziehen. Das Vertrags- und Verkehrswesen strebt auf die Berücksichtigung der Gesamtheitsinteressen hin. Allerdings gibt es auch innerhalb des nationalen Wirtschaftslebens egoistisch-zerstörende Gewalt. Aber sie wird durch eine andere Gewalt rückgängig gemacht. Für die Fälle, in denen jemand es versucht, den vertragsmäßigen Ausgleich der Interessen zu durchbrechen, ist von der Gemeinschaft eine Staatsgewalt etabliert, die durch Richterspruch und Zwangsvollstreckung den Gewaltakt des einzelnen zum Heile und zur Förderung der Gesamtheit beseitigt. Da bringt uns fast ein jeder Krieg zum Bewußtsein, wie anders cs iin internationale n Verkehrsleben zugeht. Sehen wir im nationalen Leben Gewalt, so erfreuen wir uns entweder der staatlichen gerechten Exekution; oder aber wir harren, wenn der Gewaltakt ein egoistisch-zerstörender ist, auf die Retorsion. Im internationalen Leben fehlt die richterliche Instanz. Sie lvird im wesentlichen stets fehlen. Denn wenn es sich um wesentliche Interessengegensätze großer Volksgeureinschafteu handelt, wo sollte da der sicher Unparteiische sein, dem man den Richterspruch zum Ausgleich der Interessen anvertrauen könnte? Wenn im nationalen Leben der Staat Gewalt übt, so Nüssen wir, daß ein Richterspruch vorangegangen ist, und vertrauen infolgedessen ans die Gerechtigkeit der Gewaltübung. Entsprechend kann auch im internationalen Leben die Gewaltübung eines Volkes durch Krieg sich als Erekutiou des gerechten Ausgleichs der Interessen darstellen. Ter Krieg kann die Vollstreckung eines Anspruchs der Gerechtigkeit sein, der in Ermangelung einer Gerichtsinstauz zwar nicht richterlich bekräftigt, wohl aber empfunden ist. Aber es fehlt jede Garantie dafür, daß die Gewaltübung durch Krieg im einzelnen Falle in W a h r heit diesen Charakter trage. Es fehlt auch jedes Vertraue n dazu, daß solch ein Krieg geführt werde. Wir kennen den menschlichen egoistischen Charakter. Deshalb befürchtet der sittlich orientierte Mensch bei jeden: Krieg, daß er nur der Ausbruch der rohen Gewalt, der egoistischen Zerstörnngssucht sei, der den Gedanken an ein Ganzes der Menschheit, eine sich ergänzende Gesamtheit von Völkern, von sich weise und die zerstörende Durchsetzung der einzelnen Volksindividualität, gleichgültig was für die Gesamtwelt daraus entstehe, versuche. Nicht ohne Grund haben die Schöpfer der Ethik, die Propheten, besonders Jesaja, der Begründer der Idee der Gerechtigkeit, den Krieg als eine Gefahr für die Idee der Moral empfunden. Jesaja träumte von einem endlichen ewigen Völkerfrieden, den er als Ethiker für notwendig hielt, weil ihm die Zerstörungskriege Assyriens einen Widerspruch gegen die Idee der Gerechtigkeit zu enthalten schieneil. Wird der Krieg in egoistisch-zerstörender Absicht geführt, so lverden dadurch