Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 47 (20.11.1914)
- Date
- 1914-11-20
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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78'“Nr " Mr Gemdindevate. Ber,""Z0“rl,H Betlsglr zur „Allgemeinen Leitung de§ Judentums". korrrlpondrn?m und Mschrichten. Srutschland. 22 Berlin, 17. November. Die kurze Zeit der Russenh e r r s ch a f t i n O st P r e u ß e n und die blutigen Kämpfe, die sich dort abspielten, haben eine ganze Anzahl einst blühender jüdischer Gemeinden zerstört. Andere wiederum sind in ihrer Existenz stark > gefährdet, falls ihnen nicht Hilfe zuteil wird. Gemeinden, wie Eydt- | kühnen, bisher mit 160 Seelen, Stallupünen mit 142 Seelen, Gum- > binnen mit rund 150 Seelen, Marggrabowa, Neidenburg, Ortels- > bürg, Lyck und andere sind fast ganz verschwunden. Zahlreiche j jüdische Kultusbeamte haben nicht nur ihre Stellung, sondern auch alles Hab und Gut verloren. Ihrer hatte sich schon gleich nach der Vertreibung der Russen aus Ostpreußen der ostpreußische Provinzialverbaiid jüdischer Genieinden angenonunen, dem von Berlin und einigen anderen Grohgemeinden Beiträge für diesen Zweck zuflossen. Aber die Stellungen, die jene bedauernswerten Opfer des Krieges verloren haben, können erst wieder geschaffen werden, wenn die jüdischen Gemeinden, in denen sie fungierten, wiederaufgebaut sein werden. In den Mitteln, die jüngst der preußische Landtag für die Hilfeleistung des zerstörten Teiles von Ostpreußen in dem ansehnlichen Betrage von 200 Millionen Mart bewilligte, sind nach der Gesetzesvorlage auch solche für die Kirchengemeinschaften enthalten. Diese staatlich zur Verfügung gestellten Mittel sollen nun, wie wir erfahren, auch für den Wiederaufbau der zerstörten jüdischen Gemeinden nutzbar gemacht werden. Der Deutsch-Israelitische Gemeindebund hat sich mit dem Provinzialverband der jüdischen Gemeinden Ostpreußens bereits in Verbindung gesetzt und sich mit ihm gemeinsam an die Staatsregierung gewandt, um aus den vom Landtag zur Beseitigung der Kriegsschäden in Ostpreußen bewilligten Mitteln einen angemessenen Beitrag auch für die Wiederherstellung der während der Russenherrschaft vernichteten jüdisch-religiösen Gemeinwesen zur Verfügung zu erhalten. Es ist anzunehmen, daß dieser Antrag die wünschenswerte Berücksichtigung findet und daß in den zerstörten ostpreußischen Ortschaften und Städtchen die jüdischen Gemeinden bald wieder neuerstehen werden. - Berlin, 17. November. Die Rechtsfrage, ob ein jüdischer Angestellter an den hohen jüdischen Feiertagen dem Geschäft fernbleiben kann, unterlag der Entscheidung der 4. Kammer des Berliner Kaufmannsgerichts. Der Kaufmann R. hatte seine Buchshalterin G. sofort entlassen, weil sie ohne Erlaubnis am jüdischen j Neujahrsfeste nicht ins Geschäft gekommen war. Ihre Entschuldi-! gung, daß sie diesen Tag getreu der Ueberlieferung in ihrer Fannlie j heilig hatte, wurde vom Chef nicht angenommen. In der Verhand>! lung machte der Beklagte geltend, daß dann die jüdischen Angestellten auch jeden Sonnabend fehlen könnten, denn dieser Tag sei der heilige Tag für das Judentum. Das Kaufmannsgericht entschied, daß die Klägerin zu Unrecht sofort entlassen sei. Von einem Fernbleiben an jedem Sonnabend könne gar keine Rede sein, dies Verlangen werde auch nirgends gestellt. Hingegen müsse dem jüdischen Gehilfen die Möglichkeit gegeben werden, seine hohen Feiertage durch Enthaltung der Werktagsarbeit zu heiligen. Als ein solch hoher Feiertag sei das Neujahrsfest anzusehen. E. S. Berlin, 17. November. Am 12. d. M. sprach im Verein für jüdische Geschichte und Literatur Geheimer Negierungsrat Professor Dr. L. Geiger vor einer zahlreichen Zuhörerschaft über „Krieg und Kultur". Der Vortragende führte etwa folgendes aus: Kultur besteht nicht nur, nach der Auffassung vor 70 Jahren, lediglich in der Pflege des Geistes, sondern auch im Fortschritt der Landwirtschaft, der Industrie und des Handels. Hierzu scheint der Krieg in schroffem Gegensatz zu stehen. Ackerbau, Viehzucht leiden sehr, ganze Landstrecken werden verwüstet auf lange Jahre hin. Der Welthandel ist lahmgelegt, und unter dieser Wirkung stockt der Innenhandel. Einigermaßen wurde zwar die Arbeitslosigkeit eingedämmt, aber viele, teilweise ältere Personen, sind aus ihrem Beruf geworfen und finden nur notdürftig anderweitig Unterkommen. Als leerer Begriff gilt nun das Völkerrecht. Gute Geschäfte machen nur die Rüstungsindustrie und die Armeelieferanten. Neben der Zerstörung und Schädigung materieller Werte leidet auch die Wissenschaft durch den Krieg. Es sei nur an die Vernichtung der kostbaren Bibliothek in Löwen erinnert. Nur durch Vereinigung internationaler Vereinigungen kann der wissenschaftliche Großbetrieb gedeihen. Diese so lange bestandenen Bande hat der Krieg jäh zerstört. Obwohl nun ausländische Akademien ihre deutschen Mitglieder ans der Liste strichen, vergalt dies nicht die Berliner Akademie der Wissenschaft mit Gleichein. Wie viele Lehrer und Hörer der Hochschule stehen im Felde. Fast ganz ausgrschaltet ist die Hervorbringung ivissenschaftlicher Bücher. Aber die Wissenschaft muß wie seither international bleiben. Leider zerschneiden hervorragende deutsche Gelehrte und Künstler die Bande mit dem Ausland. Dies ist unklug, denn Nur leben nicht auf einer einsamen Insel, uns selbst genügend. Die internationalen Beziehungen in Wissenschaft und Kunst werden sicherlich nach dem Krieg wieder aufleben, anderseitig würde ein Zeitalter der Unkultur anbrechen. Leider zutigt der Krieg auch bei uns allerlei unliebsame Erscheinungen. Warum der oft lächerliche Kampf gegen eingebürgerte Fremdwörter? Die Presse, anfangs sehr, and) jetzt noch stark durch den Mangel an Anzeigen in ihrer Erwerbsquelle geschädigt, wird vielfach nur zum Nachrichtenblatt für den Krieg. Aber auch das Feuilleton verdient Berücksichtigung nicht nur im Interesse darbender Schriftsteller, sondern auch vieler hiernach so sehr begehrender Leser. Wäre jetzt nicht die Zeit, gute Bücher zu lesen, die altbewährt und nicht der Tagesmode unterworfen sind? Eine viel gelesene Zeitung stellte kürzlich eine Umfrage an, welche Bücher jetzt lesenswert seien. Auf Goethe, Geschichtswerke und Kriegsbücher wies man hin. Dabei fehlte Schiller, der Dichter des Idealismus, ebenso fehlten die Geisteshelden des Auslandes. Trotz der Kriegsfurie feiern die Lyrik, das Theater und die Musik nicht ganz. Zwar werden Sndermanns „Kaiserlied" und die Kriegsgedichte von R. Dehmel und G. Hauptmann nickt zu ihren Ruhmesperlen gehören. Mächtiger erfaßt schon L. Thomas Gedicht auf Ludwig Frank und erst recht die Poesie der jüdischen Dichter Julius Bab und Ernst Lissauer, dessen Ruf gegen England so recht das Empfinden des deutschen Volkes wiedergibt. Warum ist das Bnrgtheater in Wien geschlossen, irnb warum bietet das Berliner königliche Schauspielhaus so wenig ernste Stücke? Auch die Meister des Auslandes dürfen nicht fehlen - die lebenden mögen einstweilen fehlen. Nicht so aber Shakespeare, den liebevolle deutsche Geistesarbeit nach l.bbjähriger Vergessenheit zum Dichter der Welt gemacht hat, und der unvergleichliche Satiriker Moliöre. Gar zu sehr hat man die jetzt so deutschfeindlichen Dichter Maeterlinck und Shaw überschätzt, mögen sie daher der Vergessenheit anheimfallen! Nach den Proben zu urteilen, mutet Karl Hauptmanns, des Urenkels Schillers, Drama „Wenn die Toten singen" wie Töne ans einer höheren Welt an. Lange wird es wohl dauern, ehe sich die Tonkunst und die bildende Kunst wieder erholen. Auf di-? Ethik hat der Krieg manche üble Wirkung gehabt. Die Lüge ist das Grundübel des Krieges. Was hierin namentlich die englische Presse leistet, ist bekannt. Sollte die deutsch? hiervon gänzlich frei sein? Anderseitig fördert der Krieg auch di? sittliche Kultur, gewaltige Entfaltung der Tapferkeit, Entbehrungen, hochherzige Aufopferung in einer solchen Weise, daß die Alten schier Neid empfinden. Seien wir sparsam, aber nicht geizig, uin nicht die Arbeitslosen zu vermehren, kargen wir nicht mit Werken der Barmherzigkeit! Wir alle müßten die Kunst des Wartens lernen, denn da- Krieg eilt nicht von Sieg zu Sieg, auch Rückschläge sind unausbleiblich. Geduld ist eine Tilgend, welche von Hoffnung lebt. Sprachlich hängt mit Geduld Duldsamkeit zusammen. Neben wir sie im „Burgfrieden" gegen die Schwächen der Gegner. Wenn auch der Krieg die Kehrseite der Religion ist, so belebt er doch den Aufschwung nach oben und sucht da Hilfe und Trost, wo die Menschen versagen. Zerstört sind die internationalen religiösen und wohltätigen Vereine der Inden. Tieftraurig ist. daß ein so gefeierter Manu wie Israel Zangwill gegen Deutschland hetzt. Mögen in der gemeinsamen Leideuszeit die inneren' Streitigkeiten unter den Inden schweigen! Möge jeder das Seine tun! Dann wird auch der Krieg für das Judentum zur Quelle des Segens werden. Neben weiten Allsblicken verstand e? der Redner in meisterhafter Weise, Gedanken und Gefühle, die wohl alle Zuhörer täglich bewegen, lichtvoll und doch wieder schlicht zum