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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-11-20 · Heft 47 (20.11.1914) · p. Seite (562)

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 47 (20.11.1914)
Date
1914-11-20
Page
Seite (562) (sequence 10)
Language
German
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--6/62 glauben, u. zll bereu Natnrallcistung sie in jedem $all : zugelassen werben müßten, wenn sie foldjß ohne Verletzung; ihrer Religions- und Sittengrundsätze übernehmen zu können vermeinen sollten, welches wohl der- Fall sein könnte. Wenigstens würben sie die Nachtdienste, nach Anleitung der erwähnten Juden-Ordnilng, außer den Sabbathtagen, wo; man ohnehin solche von ihnen nicht fordern könnte, selbst - in natura durch ihre Glaubensgenossen verrichten wollen, j u. dadurch git mancherlei Unordnungen Anlaß geben. So! bringend notwendig scheint uns diese Beiziehung der Juden j zu den Wachtdiensten überhaupt noch nicht zu sein, um solche j auf Kosten u. Gefahr der allgemeinen Ordnung n. Ruhe einführen zu wollen.! Zloar ist nicht zu leugnen, daß der hiesigen Bürgerschaft! gegenwärtig die beschwerliche Wachtdienstleistung sehr hart falle, indessen würde die Erleichterung für sie durch die Beiziehung der Judenschaft nicht bedeutend sein, weil zu den täglich auf die Wache ziehenden 72 Mann, die Juden nur 0 Mann beistellen sollen. Wir sehen uns jedoch veranlaßt, bei Ew. König!. Majestät alleruntertänigst anzufragen, ob ohngeachtet der bisher bestandenen Observanz die Juden zur Leistung der Stadtwachtdienste während der Abwesenheit der Garnison, u. zu deren Bezahlung in Gelbe angehalten werden sollen. Ansbach'sche Kriegs- und Doniainen-Kammer. Darauf erfolgte der folgende Bescheid: Berlin, den 18. Nov. 1805. Mir finden die in Eurem Bericht vom 28. Cd. v. M. gegen die Beiziehung der dortigen Juden zu den Stadtwacht-! diensten, oder statt deren Naturalleistung zu gebende Geldbeiträge, aufgestellten Gründe sehr richtig. Solange sie nicht wirkliche Bürger, sondern blos geduldete Einwohner sind, kann ihnen die Wachtleistung nicht anvertraut werden. Tie Naturalleistung des Wachtdienstes würde Aussehen u. Unordnung zur Folge haben u. wird ihnen dies nicht gestattet, so kann auch keine Wachtgelderzahlnng von ihnen gefordert werden. Wenn die Abgaben der Juden für den Schuz als blos a.edultete Einwohner nicht beträchtlich genug sind, so müssen solche erhöht werden, bis die gänzliche Reform der Inden, die sie zu Staatsbürgern macht, eintritt, und darüber sind bereits Eure Borschläge gefordert. Ihr habt hienach dem dortigen Magistrat das Erforderliche zu eröffnen. gez. v. Hardenberg.! Daufeu wir es dem Beründerer der Zeiten, daß die Inden der Gegenwart überall im deutschen Vaterlande zum Ehrendienste eines Stadtwächters „in natura" zugelassen werden, ohne die Erregung öffentlichen Aufsehens und die Störung der öffentlichen Ordnung aus solcher Veranlassung befürchten zu müssen. Srr neue Lhritt.! Roman von Peter UjvLri. Uebersetzt von Rosa Treuesöni. (Fortsetzung.) j Paperlap," versetzte Littauer leichthin. Was kümmert j mich die Ueberzeugung? Kümmert sich vielleicht der! Bischof darum? Er will ein Schäfchen mehr. Ich aber > will eine Unternehmung, und so sind wir quitt. Die anderen! Bewerber versprechen zwanzig Perzent Preisnachlaß, ich ver- : spreche einundzwanzig. Zwanzig Perzent in Geld und ein , Perzent in Religion. Das, mein Sohn, ist ein ehrliches Geschäft." i Auch der Frau entgegnete er in ähnlicher Art. „Mich unterrichte nicht. Ich weiß, was ich weiß. Ich habe Praxis in solchen Dingen. Wenn der Mensch sich Helsen will, so muß er nicht gleich Konkurs ansagen. Als vor achtundzwanzig Jahren mein Schnittwarengeschäft nicht prosperieren wollte, habe ich nicht Konkurs angesagt, sondern ein neues Firmenschild ausgehängt, damit die Bauern glauben sollen, daß ein neuer Mann im Laden sitze. Nun, jetzt ändere ich mtd) nur die Firma, das ist alles." Aber wie leichten Sinnes er auch vor seiner Taufe gesprochen hatte, gab er sich doch, nachdem er Christ geworden war, zuweilen stillen Betrachtungen hin. Oft empfand er eine Art von Betroffenheit, wenn er an seinen Vater dachte, der als armer Hausierer die polnischen Grenzdörfer durchwandert hatte und dort erschlagen wurde, weil ihn das Volk beschuldigte, daß er die Brunnen vergiftet und dadurch die Choleraepidemie verursacht habe. Es war ein braver, frommer Jude gewesen, Gott habe ihn selig. Gewiß hat er sich jetzt im Grabe umgedreht. Das waren indes nur vorübergehende Gefühle. Er liebte keine sentimentalen Anwandlungen, noch weniger aber unangenehme Regungen. Nun aber hatte er auch manchen unangenehmen Gedanken, den er zwar nicht schmerzhaft, nur beunruhigend empfand. Dennoch mußte er etwas tun, um sein Gewissen zu besänftigen. Darum war er im Bade unter den Juden gewesen. Er gedachte, jene zu versöhnen und sich 31t beruhigen. Nun fühlte er, daß ihm weder das eine, noch das andere gelungen war, und fürchtete, daß er sich lächerlich gemacht habe. „Ich war ein Esel," brummte er vor sich hin. „Was geht mich ihr Bad an? Was geht mich die jüdische Gemeinde an?" Die Juden fragten dasselbe: Was geht den Meschimed ihr Bad an? Was geht ihn die jüdische Gemeinde an? Und aus dem Bade gingen sie geradenwegs zum Rabbiner, um zu hören, ob es erlaubt sei, das Bad von Littauer anzunehmen und allch fernerhin für rituelle Zwecke zu verwenden. Auf der Gasse stritten sie ganz laut darüber. Aus ihrem erregten Gehaben ersahen die Leute, welchen sie begegneten, daß sich in der Kille eine besondere Sache ereignet habe, und wer nichts Besseres zu tun hatte, schloß sich dem Zuge an, so daß die Schar schließlich bis auf fünfundzwanzig Personen anwuchs. Natürlich wurde dadurch auch der Lärm größer, doch dieser dämpfte sich plötzlich, als sie vor dem Hause des Rabbiners anlangten. Es war klug von ihnen, denn der Hausbocher des Rabbi und sein Schammes maßen die lärmenden Leute mit feindlichen Blicken. Beide waren hier mächtige Potentaten: der Hausbocher war der Minister, der Schammes der Oberhofmeister des Rabbiners, ohne deren Hinzutun niemand vorgelassen wurde. Denn man muß wissen, daß Rebbe Reb Herschele kein gewöhnlicher Mensch war. Rebbe Reb Herschele war der Enkel eines großen Zadik. Er las in den Geheimnissen der Welt wie in einem offenen Buche. „Reb Elkele," redete Herr Gutlohn den Schammes unterwürfig an, „wir möchten gern beim Rebbe vorsprechen." Mit beißendem Spotte entgegnete Reb Elkele: „Esoij! Fa Kebules Schabbes! Un wenn efscher gur e größerer Balbus drinnen is?"^) Die Leute wechselten Blicke. Der hundertjährige Blumenstein, der bloß achtzig Jahre alt war, blinzelte mit den Augen, als ob er schon alles wüßte, stieß Reb Salme an und flüsterte ihm ins Ohr: i) So? Vor dem Eingang des Sabbat? Und wenn etwa ein größerer Herr drinnen ist?

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