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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-11-20 · Heft 47 (20.11.1914) · p. Seite (560)

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 47 (20.11.1914)
Date
1914-11-20
Page
Seite (560) (sequence 8)
Language
German
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- Unruhe auf das, was sie erlernen müssen, scheint vielleicht nüchtern gegenüber-der sogenannten idealen Patriotischen Aufwallung, aber es ist iin Grunde idealer, selbst in erregten Zeiten, sich die Ruhe zu wahren und dem kommenden Geschlecht zu gewähren, als Kriegsberichte zu lesen und zu besprechen. Und doch: wie zitterten wir, gerade so wie heute, wenn Nachrichten länger ausblieben, als unsere Ungeduld zulassen wollte, wie jubelten wir bei den Kriegsberichten. Dann kamen die schönen Zeiten, da Schlag auf Schlag die Kriegsdepeschen folgten. Wir wohnten in der Rosenthaler Straße, und unser Hauswirt, ein sehr vermögender Fabrikant, patriotisch wie wir, aber als Abonnent der Wvlffschen Depeschen früher im Besitz der Telegramme als wir, ließ sich nicht nehmen, uns die Depeschen herauszumelden, oder forderte uns auf, zu ihm herunterzukommen, um die Blätter zu lesen. Dort in der schönen Gartenstube — der prächtige Garten stieß unmittelbar an den Svphienkirchhvf und bot einen Platz idyllischer Ruhe -- haben wir manche Stunde in vaterländischen Gesprächen zugebracht. Stets stand die Flasche Rotwein aus dem Tisch, und während die Frauen - die stattliche Gattin und die jungen schönen Töchter — Scharpie zupften (auch etwas, ivas die heutige Generation weder kennt noch braucht), schlürften die Männer den Trank der Feinde, die sie nicht leiden konnten. Aber oft genug hielt es den Ungeduldigen nicht zu Hause. Des Abends pilgerte ich häufig mit einer befreundeten Familie in Leys Biergarten auf der Schönhauser Allee, wo ineinerseits inehr Politisiert als Bier getrunken wurde. Und dann kam der große Tag, da die Nachricht der Schlacht von Sedan in Berlin eintraf. Alles strömte unter die Linden. Man reichte die Depeschen von Hand zu Hand. Man blieb bei Unbekannten stehen, jubelte mit ihnen, fragte und erzählte, hörte und staunte. Ich habe in vielen Augen, in denen von Männern und Greisen, die Freudentränen schimmern sehen, inan fühlte sich, alle zusammen, wie eine einzige glückliche Familie. Mit dem Tage von Sedan war der Höhepunkt erklommen. Nur einmal noch, bei der Kaiserproklamation und dann natürlich bei dem Einzug der Truppen, den ein jeder mit ansah, wie im Freudenrausch, erhob sich die Stimmung zu ähnlicher Höhe. Aber viele gab es, die nach Sedan, nach der Gefangennahme des Kaisers Napoleon, das Ende herbeiwünschten. Man hatte mit Napoleon Krieg geführt - er war gestürzt; die Einheit Deutschlands hatte man erkämpfen wollen --- sie war gesichert; daß die Kaiserkrone das Haupt des sieggekrönten Königs Wilhelm zieren müßte, war eine selbstverständliche Folge der kriegerischen Ereignisse. Ich habe die Empfindung, als wenn das Leben Berlins, ganz abgesehen davon, daß die Stadt unendlich viel kleiner war als heute, viel weniger aufgeregt gewesen wäre als heute. In einer Beziehung war das ganz natürlich. Es war kein Weltkrieg, sondern nur ein Krieg mit einer einzigen Macht. Unsere Lstgrenze war nicht bedroht, Oesterreich verhielt sich ruhig, England neutral. Der Handel brauchte nicht beschränkt werden, die Börse feierte nicht, und nachdem die erste fieberhafte Unruhe gedämpft war, entwickelte sich alles stiller als in normalen Zeiten, aber nicht in so Plötzlicher Lahmlegung aller Verhältnisse. Es war eine herrliche Zeit, die in der Rückerinnerung vielleicht noch verklärter erscheint, als sie den Mitlebenden vorkam. Müßig wäre es, zu untersuchen, welche Zeit größer war, die damalige oder die heutige. Uns ist es eine Wonne, zweimal einem solch elementaren Ausbruch patriotischer Glut zu erleben.;<!*!*! Damals krönte ein vollkommener Sieg die Anstrengungen und Mühen. Uns alle beseelt nur der eine Wunsch, daß uns Deutschen ein ähnlicher ganzer Triumph beschieden sei. Eine Welt steht gegen uns in Waffen, unsere ganze Existenz steht auf dem Spiel, aber wir harren und vertrauen, daß die große Sache ein ihr würdiges Geschlecht finden und daß die unsäglichen Opfer den Erfolg haben werden, den sie verdienen: eine gedeihliche, große, herrliche Zukunft. Tepljtzer Ladebriefs1}* II. . Nachdruck verboten. Juli 1914. ährend ich im Korrespondenzraum des hiesigen Kurhauses meiner Mitarbeiterpflicht genüge, fällt mein Auge auf das mir gegenüber an der Wand hängende, gut gemalte Porträt Kaiser Wilhelms I. Das Bild, in reichem Goldrahmen, trägt die Widmung: „In dankbarer Anerkennung den Bürgern von Teplitz, welche so fürsorglich im August 1878 das Herrenhaus Persönlich unter ihre Obhut genommen haben." Der alte Kaiser wohnte, kurz nach dem fluchwürdigen Attentat des Nobiling, im Herrenhause. Das Herrenhaus, wie das daran stoßende Fürstenbad, zugleich aber auch in unmittelbarer Nähe (am Kurgarten anstoßend) liegt das jüdische Restaurant „Goldnes Schiff"; alles dies ist dem Fürsten Elary zugehörend. Dieser Magnat besitzt ein Schloß, dicht am Badeplatz gelegen; das Schloß hat einen herrlichen, großen Park, in welchem am Vormittage zwischen 11—1 Uhr täglich die Kurkapelle konzertiert. Vor dem Schloß steht ein künstlerisch wertvoller Brunnen, der „Dreifaltigkeitsbrunnen", aus dem 17. Jahrhundert stammend. Gegenüber dem Brunnen, noch am Schloßplatz und Ecke der Grüneringstraße, steht ein einstöckiges Haus. Die an der Front befindliche Marmortafel enthält die Inschrift: Hier wohnte Arthur Schopenhauer im Juli 1816. Teplitz zählt 28 000 Einwohner, darunter ist ein Fünftel Juden. Trotz dieses starken jüdischen Einschlages in der Bevölkerung treten die jüdischen Bürger nur wenig hervor. Neben den mehr als zwanzig praktizierenden jüdischen Aerzten befindet sich ein jüdischer Apotheker. Es gibt jüdische bedeutende Hüttenbesitzer, wie die Rindskopfsche Glashütte in Aussig. Herr Rindskopf ist Stadtrat in Teplitz. Mehrere Fabrikanten in der Textilbranche, Molkereibesitzer und besonders viele Kaufleute sind Juden. Freilich wohnen in den ehemaligen Ghettogäßchen noch viele Trödler; doch leben in diesem ehedem abgeschlossenen Stadtteil gegenwärtig mehr Christen als Juden. Das „Goldne Schiff", das bereits eingangs erwähnte, ist das am stärksten frequentierte jüdische Restaurant. Es ist von der Gemeinde subventioniert, da Wert daraus gelegt wird, daß jüdische Kurgäste koscheren Mittag- und Abendtisch in guter Stadtlage finden. Nebenbei befinden sich noch einige Garküchen und jüdische Selchereien, welche Abonnenten für Mittag- und Abendessen annehmen. Die hier beginnenden Ferien werfen ihre Schatten voraus. Täglich ziehen neue Kurgäste in die Tore von Teplitz ein. Die Promenade sieht belebter aus. Auch das Ausland steuert äußerlich hervorstechende Tpyen bei. Außer dem Kaftanträger aus Polen sieht man mondaine Jüdinnen mit ausgesprochen südrussischem „Jüdisch". Auch die afrikanischen Kolonien haben einige Eingeborene hierher entsandt. Es sind Mischlinge. Eine halbe Stunde von hier, mit der Straßenbahn zu erreichen, liegt die 400 m tt. M. gelegene Sommerfrische „Eich- ’) Unlieb verspätet. . Die Redaktion. * t

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