Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-11-20 · Heft 47 (20.11.1914) · p. Seite (559)

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 47 (20.11.1914)
Date
1914-11-20
Page
Seite (559) (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3229123-3229171--70881-3283252
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

auf.tönernen Füßen stand. Sechzehn Jahre hatte ihm Frankreich, wenn auch zähneknirschend, Gefolgschaft geleistet; im Jahre 1869 wurde der Gehorsam ausgekündigt. Die liberalen Wahlen im Frühling des genannten Jahres zeigten, daß das Kaiserreich zu Ende gehe. Seine Rettung suchte der Kaiser im Krieg. Nicht Frankreich, das damals noch weniger den Krieg wollte als heute. Der Anlaß war leicht gesunden. Es war die hohenzollernsche Thronkandidatur in Spanien. Die hochmütige Art, in welcher der französische Gesandte Benedetti dem alten Kaiser Wilhelm in Ems begegnete, fand die einzig würdige Antwort: die Kriegserklärung. Und das war das zweite Moment des Jahres 1870, das lebhaft in meiner Erinnerung steht. Es ist die menschlich edle, herzgewinnende, hoheits'volle Persönlichkeit des alten Königs Wilhelm I. Ganz Preußen fühlte sich verletzt durch die Kränkung, die dieser ehrwürdigen Gestalt zugefügt worden; die Unbill, die er erlitten, galt jedem als eigene Schmach; den König zu rächen, mit ihm zu ziehen, die Beleidigung zu sühnen, die dem Führer angetan wurde, das wurde das Streben Tausender. Auch ein Drittes kam dazu, um die Begeisterung in jenen Julitagen des Jahres 1870 hell auflodern zu lassen: das war der Traum der deutschen Einheit, die unbesiegliche Sehnsucht nach dem deutschen Kaisertum. Der deutsche Bund war 1866 gesprengt. Wohl gab es Verträge aller Art, welche den Norddeutschen Bund mit den süddeutschen Staaten einigte und verband. Aber man wußte damals, wie man es heute weiß, was Verträge bedeuten. Eine Einheit konnte nur geschmiedet werden durch Blut und Eisen, und wir ahnten es alle: sie mußte kommen. Unsere Väter und Großväter hatten von deutscher Einheit gesprochen; sie hatten sie verlangt in Rede und Schrift, und viele hatten deswegen büßen müssen — jetzt im Drange der Geschehnisse, im Kampf gegen den Erbfeind mußte sie erobert werden. Wohl zagte mancher, wir in Berlin wollten zuerst an die Bundestreue Sachsens nicht recht glauben und waren bange wegen der Haltung Süddeutschlands. Was war das ein Jubel, als die Sachsen und die mitteldeutschen Staaten ohne jedes Zögern ihre Pflicht erfüllten, als die süddeutschen Staaten — Bayern voran, aber die übrigen mit nicht geringerem Enthusiasmus — mit Preußen gemeinsame Sache machten. Und neben der Einheit das ersehnte Haupt. Der Deutsche verlangt nun einmal einen Repräsentanten seiner Größe und Macht. In Wilhelm I. war sie gefunden. Durch seine Ritterlichkeit und Bescheidenheit, durch seine Einfachheit und Schlichtheit, durch seine.Leutseligkeit und Festigkeit hatte er die Herzen aller gewonnen. Der geborene Kaiser, nicht bloß der später von den deutschen Fürsten gewählte. Der Liebling des Volkes! Was die Sänger schon in den Freiheitskriegen gesungen, was Heine — Heinrich Heine, der von törichten Nichtskennern als undeutscher Französling geschmäht wird — in seiner wehmütig lockenden, schmelzenden Weise gewünscht und geahnt hatte: „Komme du bald, o Kaiser", das sollte zur Wahrheit werden. Diese drei Momente: Haß gegen Napoleon, das Verlangen nach der deutschen Einheit, die Sehnsucht nach dem Kaisertum, das waren die bestimmenden Ursachen zu der nationalen Begeisterung, die uns 1870 erfüllte. Ich bin noch nicht alt genug, um die vergangene Zeit auf Kosten der gegenwärtigen zu loben, und halte die Augen glücklicherweise noch offen genug, um die Größe der heutigen Bewegung zu erkennen. Heute haben wir nicht an einem Napoleon Rache zu nehmen, wir brauchen nicht mehr den Traum der deutschen Einheit zu träumen, sondern sonnen uns an ihrem Glanze: das deutsche Kaisertum ist zur Wirklichkeit geworden, ein mächtiger Schutz und Schirm allen Deutschen weit und breit. Andere, nicht minder ideale Gründe haben dieses neue herrliche 'Aufflackern allgemeiner Begeisterung erweckt. Wir Alten preisen uns glücklich, daß es uns vergönnt j war, zweimal solche Zeiten zu erleben. Herrlicheres kann keinem j Menschen gegönnt sein. Nach der Kriegserklärung des Jahres 1870 folgte die allgemeine Mobilmachung. Wie oft hatten wir Jünglinge — wir waren alle fortschrittlich gesinnt — das Militärregiment befehdet und vom einseitigen Parteistandpnnkt der Regierung | gezürnt, die unsere freisinnigen Forderungen nicht nur nicht j befriedigte, sondern schroff ablehnte; wie jubelten wir damals, i als wir sahen, daß alles so erstaunlich klappte, wie alles sich j in mustergültiger Ordnung vollzog. Es gab auch damals j keine Parteien mehr, und gerade die, welche am lautesten gegen die Militärreorganisation, das unsterbliche Werk des Königs Wilhelm und der Seinen, sich gewehrt hatten, waren; die ersten, welche die Mustergültigkeit dieser Neilordnung anerkannten. Die Mobilmachung hatte auch für mich die Folge, daß ich j mich stellen mußte. Ich war zurückgestellt worden, nun aber , nicht bloß pflichtmäßig, sondern auch von patriotischem Eifer > erfüllt, bereit, dem Rufe zu folgen. Aber ich wurde zurücki gewiesen. Es kam zu einer Szene, die mich halb lachen, halb weinen machte. Ich mußte mich mit vielen anderen in einem; mäßig großen Raum ausziehen und trat, in paradiesischeur; Kostüm, vor den Tisch, an dem die gestrengen Offiziere mit; einem Arzt saßen oder standen. Gesprochen wurde nichts;; ein Blick des Arztes auf meinen damals höchst dürftigen! Körper — die Zeiten haben sich geändert — ein mitleidiges! oder verächtliches Winken mit seiner Hand; ich war als unbrauchbar entlassen. Ich dachte daran, mich in einem Bureau oder sonstwie Zll j betätigen, denn eine Beteiligung am Samariter- oder; Sanitätskolonnendienst machten meine damalige Schwächlich- I feit und meine mir leider verbliebene hochgradige Kurzsichtig-! keit unmöglich; aber das Angebot war damals wie hellte größer als die Nachfrage. So mußte ich in Berlin bleiben. Aber untätig war ich; nicht. Eine große wissenschaftliche Arbeit, die ich übernommen i hatte, machte langwierige Arbeiten im Geheimen Staats-; archiv nötig; dort saß ich viele Stunden des Vormittags ganz j in der Nähe des alten I. G. Droysen, der ein ständiger unermüdlicher Archivarbeiter war und der, wie ich, trotz aller patriotischen Aufregung, Arbeit als das richtigste Heilmittel der Unruhe ansah. Sehr bald nach dem Anfang des Krieges übernahm ich die Vertretung eines ins Feld gezogenen Fachgenossen an der jüdischen Knabenschule und Lehrerbildungsanstalt und freute mich dieser neuen Tätigkeit. Ich habe de junger Lehrer — ich unterrichtete in Delltsch und Geschichte - nicht modernen Theorien gehuldigt, die jetzt von manchen als höchste Weisheit ausgekramt werden. Es lag mir fern, und keiner forderte es von mir, ausschließlich oder vorzugsweise Kriegsgeschichte vorzutragen, oder nur patriotische Lieder auswendig lernen, oder vaterländische Dramen lesen zu lassen. Noch weniger ließ ich nkich darauf ein, mit den Knaben und den Jünglingen — meist Ausländern, von denen einige ebenso alt oder älter waren als ich selbst — die Neuigkeiten zu erörtern oder Zukunstspläne zu entwickeln. Wenn auch besonders große Ereignisse nicht unbesprochen blieben und Hinweise auf die große Epoche und das, was die nächste Zeit bringen würde, nicht fehlten, ich hielt mich an meine Pflicht. Der ist kein Pedant und kein des großen Moments Unwürdiger, der auch in großen Momenten das Nächstliegende bedenkt. Knaben und Jünglinge zu fördern in den Aufgaben ihres Pensums, ihre Gedanken abzulenken von der inneren

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.