Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-11-20 · Heft 47 (20.11.1914) · p. Seite (558)

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 47 (20.11.1914)
Date
1914-11-20
Page
Seite (558) (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3229123-3229171--70880-3283251
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

6/58 so wird man sich mit Recht wundern. Die polnischen Juden haben als Vaterlandsfreunde empfunden und gelitten. Bereits im Jahre 1794 kämpfte unter Kosciuszko ein Regiment jüdischer Freiwilliger, dessen Oberst im Jahre 1809 siel. Im Jahre 1830 lehnte die beschränkte polnische Nationalregierung das Gesuch der Juden um Eintritt in das Heer ab. Als sie sich dann erdreisteten, um Zulassung zu dem polnischen Volksunterricht einzukommen, bestrafte sie Nikolaus I., indem er 36 000 Familien nach den Steppen Südrnßlands wegsühren ließ, wo sie die Kinderausschreibung betraf. Alle ihre kleinen Knaben vom sechsten Jahre an wurden unter Kosakenaussicht nach Archangelsk geführt, um daselbst zu Matrosen ausgebildet 31t werden. Sie starben massenhaft unterwegs. Das Unglück, das die Einwohner Polens verschiedener Konfessionen gleichmäßig betraf, bewirkte lange, daß der Judenhaß, der immer in den Massen lauert, schlummerte. Der größte Dichter Polens, Adam Mickiewicz, ging so weit, daß er in seinem vorzüglichsten Werk, dem Nationalepos Polens, P a n labe u s z (1834), einen jüdischen Gastwirt zu einer der sympathischsten Hauptpersonen des Gedichtes macht. Er wird schon im vierten Gesang als musikalisches Genie, als der große Meister auf dem nationalen Instrument, dem Cynibal, eingeführt, und Mickiewicz läßt seine Dichtung den Höhepunkt erreichen lmb schließen, wo Iankiel Dombrvwski selbst den Dombrowski-Marscy Vorspielen läßt, ja die ganze Geschichte Polens symbolisch vom Jahre 1791 bis 1812, dem Jahre, in welchem das Gedicht spielt, dem Napoleonjahre. Um das Jahr 1800 waren die Juden in Warschau tatsächlich den Katholiken gleichgestellt, und da im Februar 1801 ail zwei großen Plätzen in Warschau von den Russen auf die fnieuben Volksmassen geschossen wurde, die das Vaterlandslied (Z dymorn pozarow) sangen, fühlten die Juden das Bedürfnis, durch eine unzweideutige Kundgebung ihre nationale Gesinnung an den Tag 51t legen. Sie folgten in großen Mengen ihren Rabbinern in die katholischen Kirchen, ebenso wie die Ehristen in großen Mengen in die Synagogen zogen, um dasselbe Web daselbst anzustimmen. Dieser letzte Zug, die Prozession der beiden Glaubensgemeinschaften der einen in die Kirchen der anderen unter Absingung desselben ergreifenden Liedes, machte auf einen großen nordischen Dichter, Henrik Ibsen, einen so tiefen Eindruck, daß er in Unterredungen immer wieder hiervon sprach als von dem Größten und Schönsten, das er je erfahren. Und jetzt ist unter dem Wirbelsturm von Wahnsinn, den der Rationalismus über Europa gejagt, dies alles verscherzt, hat sich von religiöser Versöhnung in flammenden Rassenhaß gekehrt. Lrinnerungen aus dem Jahre 1870. Von Ludwig Geiger. (Ans dem „Berliner Tageblatt".) ls im Jahre 1870 Preußen den Krieg mit Frankreich beginnen mußte, war ich 22 Jahre alt und lebte seit fünf Monaten in Berlin. Ein geborener Breslauer, war ich infolge der Uebersiedlung meines Vaters nach Frankfurt am Main (1803) freier Reichsbürger geworden, hatte aber, dem Beispiele meines Vaters folgend, die gutpreußifche Gesinnung bewahrt. Das lvar in jenen sturmvollen Jahren nicht leicht und nicht ganz ungefährlich. Tenn wenn auch unsere Frankfurter Jugendgenossen uns im deutschen Patriotismus glichen bei dem Kampfe gegen Dänemark und sich gleich uns in vaterländischen Gedichten versündigten - das Jahr 1860 trennte uns von den Kameraden und namentlich von den Verwandten. Denn sie alle waren Stockfrankfurter, ihr Haß gegen Bismarck und Preußen war allgemein, und wir mußten während der Okkupation und später, da die freie Stadt zu einer preußischen gemacht wurde, viel Schlimmes hören. Die Einnahme Frankfurts habe ich allerdings nicht miterlebt, denn ich studierte im Sommer 1866 in Heidelberg — Nachrichten aus der Heimat erhielt ich eine Zeitlang über Paris, weil der Weg zwischen Frankfurt und der Universitätsstadt gesperrt war --- aber nach dem Friedensschluß schlugen genug böse Worte an mein Ohr. Sie haben mich nicht irre gemacht. Ich wurde nicht, wie so viele meiner Gefährten, „Mußpreuße", sondern betrachtete mich willig als Preußen, als ein Glied des Landes, dem ich ja schon durch Geburt angehörte. Dieses Bewußtsein des Preußenseins verstärkte sich immer mehr, teils aus innerer Ueberzeugung heraus, teils aus dem Kontrast gegen meine Umgebung. Denn in Göttingen, wo ich vom Winter 1866 bis Ostern 1808 studierte, lebte ich viel in welfischen und Frankfurter Kreisen. Meine liebsten Freunde stammten aus Frankfurt und waren gründlich preußenfeindlich; meine Lehrer waren, mit Ausnahme von Ernst Eurtius, entweder geradezu Welfen oder standen, namentlich mein hochverehrter Meister Georg Waitz, der große Historiker, den Welfen im Haß gegen die Preußen nahe. Denn er, der Schleswig-Holsteiner, beklagte gleichmäßig den Verlust der Unabhängigkeit seines Vaterlandes, wenn er auch mit dessen Befreiung von dänischem Joch höchlichst zufrieden war, wie den Uebergang Hannovers zu Preußen war er doch mit der Tochter eines hannoverschen Generals vermählt und mit welfisch Gesinnten aufs engste verbunden. Freilich wurde er später ein trefflich gesinnter deutscher Mann und hat für die Verwirklichung der deutschen Einheit wacker mitgestritten. Wie schon die Frankfurter und Göttinger Umgebilng fähig gewesen, mein Preußentum zu erschüttern, so hätte mein Aufenthalt in Paris (November 1868 bis Mai 1869) an meiner vaterländischen Gesinnung rütteln können, wenn sie nicht zu festgewurzelt gewesen wäre. Denn dort lebte ich, wenn ich ui ich auch der freundlichen Teilnahme hervorragender Franzosen wie Ed. L abou lay e und Ern e st Renan zu erfreuen hatte, meist im Kreise von Deutschen, die durch langen Aufenthalt in Frankreichs Hauptstadt durchaus zu Franzosen geworden waren und wenn auch nicht mit Haß, so doch mit einem von Verachtung nicht freien Hohn auf Deutschland, mindestens aus Preußen blickten. Es war damals in Paris eine frische, freie Bewegung, das erste Anfflammen liberaler Gesinnung gegen Napoleon, und auch der junge, freiheitlich gesinnte Deutsche, der für französische Kultur eine tiefe Sympathie hatte und diese Bewunderung erlauchter Geister der Vergangenheit sich voll bewahrt hat, durfte an diesem Freiheitslenz inneren Anteil nehmen. Aber sein Heimatsgefühl blieb stark und ungebrochen; die Pariser Einflüsse konnten so wenig, wie es die Frankfurter und Göttinger vermocht hatten, sein Preußentum erschüttern. So kam ich im Februar 1870 nach Berlin. Gewiß war es eine schwüle Zeit, dieser Frühling und Vorsommer 1870, aber an den Krieg dachte niemand. Gar vieles hatte man gegen Frankreich, oder wie man richtiger sagen muß: gegen Napoleon III., auf dem Herzen. Ingrimmiger Haß hatte sich gegen den unwürdigen Neffen eines großen Oheims angesammelt. War er es doch, der sich als Herrscher der Welt gerierte, der die Deutschen geärgert hatte, wo er nur konnte, der in seinen Neujahrsempfängen höhnische Worte gebraucht, der die Angliederung Schleswig-Holsteins scheel angesehen und im preußisch-österreichischen Kriege den Vermittler gespielt hatte. Er war, wie für Frankreich, so für Deutschland, allmählich eine lächerliche Figur geworden. Er merkte selbst am besten, obgleich er ganz anders redete, daß sein Regiment

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.