Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 47 (20.11.1914)
- Date
- 1914-11-20
- Page
- Seite (557) (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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m ~5{£$*i*r-&!ps- ^r™ -6fi& russisches Land und die Einwohner als Russen bezeichnet wurden, die zu befreien ihre Brüder jetzt gekommen waren. Welchen Eindruck das Kaiserliche Manifest in Posen machte, läßt sich kaum Nachweisen, da jede feindliche Aeußerung gegen Preußen als hochverräterisch bestraft worden wäre. Soweit man beurteilen kann, hat >das Manifest des Zaren auf die Intellektuellen in Russisch-Polen wenig Eindruck gemacht, da die Bewohner ihm mit großem Mißtrauen begegnen mußten. Die Massen in Russischwie m Oesterreichisch- Polen standen eine Zeitlang leidenschaftlich wider einander, beschuldigten sich des Verrats an der heiligen Sache des Vaterlandes, bis eine neue Partei sich jetzt gebildet, die in politischer Beziehung unreifste, die gerade deshalb die weiteste Verbreitung gefunden hat. Deren Lösung ist: „Wir wollen weder von Rußland noch von Oesterreich etwas wissen; wir wollen nur eins: den polnischen Staat ohne Hilfe oder Vormundschaft von irgendwelcher Seite", mit anderen Worten: Wir wollen das Unmögliche. Es rächt sich an einem Volke, seit beinahe anderthalbhundert Jahren politisch vernichtet gewesen zu sein. Politische Klugheit in einem solchen Volk wird nur zu leicht entweder Lokalpatriotismus, oder sie verbleibt im Stande der Unschuld. Wozu ist es nütze: Polonia farä da se anzustimmen. Daß Polen unter den jetzigen Verhältnissen nicht allein fertig werden kann, wird jedem einleuchten, der einen politischen Begrisf hat, und doch bin ich geneigt, zu sagen: Gleichgültig, welche Formen der polnische Unabhängigkeits- und Freiheitsdrang im Augenblick annimmt, er muß ja wie ein reinigender Sturnr durch alle polnischen Gemüter gehen. Schon früher hatte sich anscheinend den Polen eine leuchtende Zukunft gezeigt. Im Jahre 1812, wo Napoleon den zweiten polnischen Feldzug einleitete, im Jahre 1830, wo die Polen von der Sympathie Europas emporgetragen wurden, in den Jahren 1848, 1863. Aber wohl niemals hat eine Verwandlung der bestehenden Verhältnisse sich aX§ so möglich erwiesen, und niemals haben peinliche Schranken anscheinend dermaßen vor dem Fall gestanden wie in dieser großen und entsetzlichen Krisis. Wer sich ein Menschenalter hindurch mit polnischen und russischen Verhältnissen beschäftigt, wird sich denn auch ohne Schwierigkeit vorstellen können, daß viele junge polnische Herzen jetzt von Hoffnung, Erwartung und den edelsten Vorsätzen schlagen und glühen. Nichtsdestoweniger ist der in Russisch-Polen augenblicklich herrschende Zustand so verzweifelt wie nie zuvor unter Krieg oder Aufruhr, und zwar nicht durch den Druck der Verhältnisse, nicht durch die Schrecken der Sachlage, sondern ausschließlich durch die eigene Schuld der Polen infolge der gesteigerten Erregung des Nationalgefühls, das seinen Tollheitshauch über gang Europa entsendet und jetzt in polnischen Gehirnen dermaßen wirbelt, daß er Großmut und Menschlichkeit vertreibt — um nicht von der Vernunft zu sprechen, die in dem Jahre 1914 in Europa kein Jubeljahr feiert. Ich kann fürwahr sagen, für kein anderes Volk habe ich eine solche Begeisterung empfunden wie für die Polen. Ich habe dies Gefühl an den Tag gelegt zu einer Zeit, wo es nicht auf der Tagesordnung stand und wo nur ganz wenige Personen dieses mein Gefühl teilten. Ich habe es schon längst ausgesprochen und so wenig getan, um die Aufmerksamkeit der Polen selbst daraus hinzulenken, was ich von ihnen gesagt, oder um von ihnen Dank einzuheimsen, daß die Polen das Buch, das ich über sie geschrieben, erst entdeckten, als es bereits zehn Jahre alt war und zufällig ins Deutsche übersetzt wurde. Etwas Dänisch schreiben heißt ja gewöhnlich in Wasser schreiben. Es wäre undankbar von mir, wenn ich bei dieser Gelegenheit, wo ich den Polen scharfe Worte sagen muß, mich nicht erinnerte, eine wie unbeschreibliche Ergebenheit und welches Wohlwollen sie mir in Russischwie in Oesterreichisch-Polen gezeigt. Ich habe unter rhnen Freunde und Freundinnen ohnegleichen gesunden. Daher habe ich mich lange geweigert, ihnen ein unfreundliches, um so viel weniger ein kränkendes Wort zu sagen. Bereits im Jahre 1898 habe ich so entschieden abgelehnt, als Fürsprecher der Ruthenen gegen sie aufzutreten, daß ich die ruthenischen Führer zu meinen bitteren Feinden gemacht, die es nicht müde wurden, mich anzugreifen, und ich schwieg, als Björnstjerne Björnson kurz vor seinem Tode, von den Ruthenen hierzu aufgefordert, die Polen angriff, zu deren Glück so übertrieben, daß der Angriff ihnen keineswegs schaden konnte. Es ist daher keineswegs leichten Herzens, daß ich diese Zeilen schreibe. Den jüdischen Untertanen Menschenrechte zu versagen, ist etwas, das dem Wesen Rußlands nun einmal anhastet. Hin und wieder wird Europa durch ein ungewöhnliches Massengemetzel unschuldiger Juden ausgescheucht, so wie dies zum Beispiel in Kischinew stattgefunden. Alle haben aber gewußt und wissen, daß Rußland seine jüdische Bevölkerung in einer entlegenen polnischen Gegend des Reiches zusammenstaut, sie daselbst so dicht zusammendrängt, daß sie weder leben noch j sterben kann, ihre Freizügigkeit, Studiensreiheit, ja sogar Zu-! lassung zum Schul- und Universitätsunterricht versagt, bis z auf einen kleinen (allzu kleinen) Prozentsatz. Nur Juden, die; einen Universitätsgrad haben, dürfen in den Hauptstädten j des Reiches festen Wohnsitz nehmen; keine jüdische Frau darf j in der Nähe der Universitäten Petersburgs oder Moskaus > wohnen, es sei denn, daß sie sich als Prostituierte hat ein-! tragen lassen, und es ist vvrgekommen. daß die Polizeibeamten j sich eingefunden und über ihre Fälschung sich beschwert haben, weil sie, statt ihre Profession zu betreiben, in gelehrten Schriften lese. In einzelnen Fällen, wo Plünderung oder Ermordung einer jüdischen Bevölkerung stattgefunden, ließen sich die Untaten zum Teil entschuldigen oder wenigstens erklären durch die fast unbegreifliche Unwissenheit der Bauern. Der berühmteste Staatswirt, der außerdem ein großer Gutsbesitzer ist, hat mir selbst folgendes erzählt: „Als die Wahlen zu der ersten Duma stattfinden sollten, wurde ihm mitgeteilt, jeder einzelne Bauer auf seinem Gut habe seine Stimme für sich selbst abgegeben. Als er sie erstaunt fragte» was sie eigentlich meinten, und ihnen erklären wollte, daß in der Weise keiner von ihnen gewählt werden könne, erwiderten sie mit der Frage, ob nicht jeder Abgeordnete täglich soundso viele Rubel bekomme? — Ja. — Und du meinst, wir würden so viel Geld einem anderen überlassen, wenn wir es vielleicht selbst bekommen könnten!" Derselbe hervorragende Gutsbesitzer hat mir ferner niitgeteilt: Als er eines Tages einige seiner Bauern fragte, ob sie an einem in der benachbarten Gemeinde stattgesundenen Pogrom tatsächlich teilgenommen — er könne es nicht glauben, weil sie so gutmütig aussahen —, erwiderten sie zu seiner großen Verwunderung: Ja. Und auf seine Frage: Aus welchem Grund, antworteten sie: „Das weißt du ja sehr wohl." Sie erklärten dann, diese Juden getötet zu haben, weil sie ihren Heiland getötet. Er: „Das ist ja aber sehr lange her, und es sind gar nicht die Personen gewesen, und es ist auch nicht hier geschehen." Worauf sie wiederum sehr erstaunt ausriefen: „Ist es lange her? Wir meinten, es sei letzte Woche geschehen." Es ergab sich, daß sie die Erklärung des Popen dahin verstanden hatten, daß die Kreuzigung daselbst und eben zu der Zeit stattgefunden habe. Unter solchen Verhältnissen kann keine Untat Erstaunen erregen. Wenn man aber den Judenhaß in Russisch-Polen um sich greifen sieht, wo die Leute lesen und schreiben können. i