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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-11-20 · Heft 47 (20.11.1914) · p. Seite (554)

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 47 (20.11.1914)
Date
1914-11-20
Page
Seite (554) (sequence 2)
Language
German
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S£54 steht, als sie sich Herr Zangwill gedacht hat. Von den Ländern, die am gegenwärtigen Kriege beteiligt sind, zählt Stußland. 6 045 000 Juden, Oesterreich - Ungarn . . 2 225 000 Deutschland. 615 000 England . 250 000 Frankreich. 100 000 Belgien. 25 000 Serbien. 6 000 Nehmen wir nun noch die Türkei und Rumänien, die beiden Staaten, die womöglich im Kriege iwch mit verwickelt, auf alle Fälle durch seinen Ausgang in ihrer Politischen Struktur stark beeinflußt werden dürsten, mit ihren weit über dreiviertcl Million Inden hinzu, dann haben wir mehr als zehn Millionen Jriden, die mittelbar oder unmittelbar vom Kriege betroffen sind. Man sieht, die Weltkrise bildet zugleich die Schicksälsstunde des größten Teiles des jüdischen Volkes und dürfte, nne für so viele Fragen, in gewissem Sinne auch für die Judenfrage die Lösung oder zum mindesten eine entscheidende Wendung bedeuten. Wie wollte, nne könnte man verlangen, daß unter diesen Umständen sich das Interesse der Juden dem Dreiverbände zuwende. Wir wissen, was Frankreich alles, namentlich durch seine große Revolution, für die Emanzipation der Völker getan hat; ivir verkennen auch nicht, daß England stets ein Hort des Liberalismus war und den Inden in ihrer Bedrängnis Schutz und Hilfe angedeihen ließ. Aber wir vermögen diesen Nationen unser Vertrauen nicht mehr zu schenken, weil sie die Verbündeten Rußlands geworden sind, weil sie in dem jetzigen Kriegs Schulter an Schulter mit dem Moskowitertum kämpfen, dessen einzige Leistung auf dem Gebiete der Jndenpolitik in der Schaffung des Ansiedlungsrayons und in der Veranstaltung von Pogromen besteht. Sich für England einsetzen, wie es Zangwills Wunsch ist, heißt somit, die Millionen Brüder in Rußland ihrem bisherigen Martyrium noch weiterhin ausliefern, ja heißt vielleicht sogar, ein Verbrechen gegen den Glauben und einen Verrat am gesamten Volkskörper begehen. Tenn der Sieg Rußlands, und gar die Schaffung eines „größeren Rußlands", würde weit über die Grenzen des Zarenreiches hinaus die Judenheit aufs empfindlichste treffen. Tua res agiiur muß man daher jedem Juden der Diaspora gewissenschärfend zurnfen. Nun meint Zangwill allerdings, nach dem Kriege würde auch für Rußland eine neue Aera, eine Aera der Freiheit und des Fortschritts airbrechen, so daß Folgerungen von der Vergangenheit ans die Zukunft nichts als Fehlschlüsse wären. Gewiß; >vir rechnen nicht minder mit einer Regeneration Rußlands — aber erst nach der Niederzwingung des Zarismus und der völligen Vernichtung de? Knutenregiments. Denn was für die Sache der Juden von den jetzigen Machthabern zu erhoffen steht, beweist ihr Verhalten während des Krieges selbst, wo man noch am ehesten bei ihnen eine gewisse Zügelung des ausschlveifenden Absolutismus und eine Spur von Rücksichtnahme auf die Lage der jüdischen Bevölkerung hätte voraussetzen mögen. Wie cs aber mit der zarischeu Gesinnung den „lieben Jliden" gegenüber in Wahrheit bestellt ist, haben erst die jüngst getroffenen Maßnahmen von neuem überzeugend dargetan. „Laute" Pogrome sollen freilich gemäß einem Befehl ans „Petrograd" inöglichst vermieden werden, um nicht die Juden m Frankreich, England oder Amerika zll „verstimmen"; unter der H-nd unternommene Aktionen jedoch werden, gleichsam als Auftakt zmn Siegeszug der panstalvistischen Idee, nicht nur geduldet, sondern sogar höchst und allerhöchst gebilligt. Ganz un Sinne dieser Anschauung soll daher auch kürzlich der Großfürst Nikolai Nikolajewitsch die Aeußerung getan haben: „Wenn sich meine Soldaten schinden, müssen sie auch ihr Vergnügen haben, und lvenn dabei ein paar Judenschüdei eingeschlagen werden, so hat dies trotz des Geschreis der Londoner Synagoge (sie!) weiter keine Bedeutung." Großfürst Nikolai Nikolajewitsch ist der Oberkommandierende des russischen Heeres und hat sogar noch höhere Aspirationen. Bitterer ist eine ungebetene Sympathiebezeugung wohl kaum je verhöhnt worden. Aber Zangwill iährt schweres Geschütz auf: Er kann, wenn cs not tut, auch mit Garantien dienen. War doch Sir Edward Greh gütig genug, ihm die Versicherung zu geben, „daß er keine Gelegenheit versäumen werde, um die Emanzipation der Juden in Rußland zu fördern". Man möchte laut auflachen, wenn all das nicht so unsagbar traurig wäre. Grey der Biedere als das große Gewissen des Zaren und seiner Schergen! Wirklich ein Bild für Götter. Wie nun aber, wenn nach dem Triumph des Panslawismus und der heiligen russischen Kirche die Partei der Großfürsten sich diese Einmischung in eine „interne Angelegenheit" Rußlands verbittet? Welche Möglichkeiten stünden da Grey zu, auch wenn er den Willen hätte, sein Versprechen zu halten und seine Absicht durchzuführen? Freilich dürste es schwerlich noch dazu kommen. Denn die englisch-russische Beziehung, die schon jetzt die beiden Völker politisch als siamesisches Zwillingspaar auftreten läßt, muß früher oder später dazu führen, daß auch Großbritanniens Staatsleben vom Moskowitergeiste infiziert sind. Diesen Prozeß erfolgverheißend vorzubereiten, ist Sir Edward Grey just die geeignete Person. Und doch bietet auch dieses in jeder Hinsicht unerquickliche Auftreten Zangwills etwas Gutes, das bei tieferer Betrachtung so recht zum Nachdenken Anlaß geben könnte. Die Juden haben keine eigene Geschichte mehr: die Geschichte des Volkes, in dessen Mitte sie leben, ist zugleich ihre Geschichte. Allein gerade diese fast schon zum Parorismus gediehene Anglomanie Zangwills beweist, wie eng der Jude sich der Nation verbunden weiß, die ihm Freiheit und Bürgerrecht eingeräumt, wie unzertrennlich verwachsen er sich mit dem Laude fühlt, in dessen Boden er einmal Wurzeln geschlagen hat. Als ein Glied des Ganzen ist er für das Ganze freudig zu allen Opfern bereit. Aus dieser Tatsache könnten unsere Staatsmänner noch mancherlei lernen. Sir Woche. Berlin, den 17. November 1914. ie Kriegslage hat sich nicht sonderlich geändert. Das heroisch kämpfende, au Erfolgen reiche kleine Schiff „Emden" ist nun doch leider seinem Schicksal erlegen; selbst die Gegner ehren den Kapitän v. Müller, der lange ihr Schrecken gewesen. Im Westen sind einige Erfolge errungen: Dirmuidcn ist erobert, aber eine Entscheidung, hoffentlich zu unseren Gunsten, bereitet sich nur langsam vor. Auch iiu Osten stehen die Dinge nicht so ungünstig, wie ängstliche Gemüter befürchten. Ein Rückzug ist von den Deutschen und Oesterreichern zlvar vollzogen, aber die wilden Gerüchte von einer starken Bedrohung der deutschen Grenzen, die die Luft durchschwirren, sind, wie die letzten Nachrichten bekunden, gänzlich unbegründet. Hmdenburg hat von neuem gezeigt (siehe „Letzte Nachrichten"), daß man seine Bewegungen ruhig mit ansehen kann, auch lvenn sie einmal rückwärts gehen. Tatsache ist. daß Przemysl aufs neue von den Russen belagert und Ostgalizien von ihnen überschwemmt wird. Wir müssen in Geduld den kommenden Ereignissen entgegensehen und hegen die unerschütterliche Hoffnung auf einen endgültigen Sieg. Bon Kriegsliteratur ist uns zugegangen: „Zwei Predigten." Gehalten in der Synagoge zu Landau (Pfalz) am Neu-

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