Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 47 (20.11.1914)
- Date
- 1914-11-20
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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78. Jahrgang Nr. 47 Berlin, 20. November 1914 Allgemeine eitung des Judentums. Sin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint wöchentlich. A bonnements-pf e'rs: durch den Buchhandel oder die Post (in Berlin und Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 M. — Postscheckkonto 324;. Begründet von Rabbiner Dr. Ludwig Philippson Unter Leitung des Geheimen Regierungs-Rats Professor Dr. Ludwig Geiger Verlag: ttuciolk Messe, Berlin, Jerusalemer Strasse 46-49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW, Ierusalemer Straße zu richten. vevlag von Nudolf rNofse, Berlin. Unhftlt* Wider Zangwill! Protest eines Neutralen. Von Dr. Alphons I. Sußnitzki. — Die Woche. — Zustände in Russisch-Polen. Von Georg Brandes. — Erinnerungen ans dem Jahre 1870. Von Ludwig Geiger. — Teplitzer Badebrief. — Ein zeitgemäßer Beitrag zur Geschichte der Juden in Ansbach. Von Dr. A. Eckstein. — Feuilleton: Der neue Christ. Roman von Peter UjvLri. Uebersetzt von Rosa Trencseni. — Literarische Mitteilungen. — Letzte Nachrichten. Der Gemeindebote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums"). Berlin, Beuthen O.-S., Breslau, Hamburg. Braunschweig, Göttingen, Mainz, Cennheim i. E., Wien, Budapest. — Von Nah und Fern. Wider Lsngwill! Protest eiite§ Neutralen. Von Dr.Alphons I.S ußnitzki. 3srael Zangwill ist ein trefflicher Dichter und guter Jude. Auf beiden Gebieten, aus dem der Dichtkunst und dem des Judentums, hat er zu leisten gesucht und unstreitig sich dabei als ehrlich' wollender und vornehm denkender Mensch erwiesen. Sein charakteristisches Profil trat freilich erst in dem Bemühen zutage, die beiden Wesensteile vereinheitlicht zur Geltung zu bringen: alssüdischerDichter zeigte er sich voller Schärfe, feiner Beobachtung und witziger Launenhaftigkeit; als dichtender Jude — denn nichts sonst ist Zangwill bei seiner jüdisch-politischen Tätigkeit — fiel er durch Mitleid erregende Unbeholfenheit und schon geradezu komisch wirkende Leichtgläubigkeit auf. So oft ich Zangwill den Politiker zu qualifizieren verz suchte — das Kind will ja seinen Namen haben — war ich j mir immer im Zweifel, ob ich ihn als „König der Schnorrer"! oder „Schnorrer der Könige" bezeichnen sollte. Aber im einen! wie im anderen Falle schien mir zuletzt das Epitheton doch j noch über den wahren Sachverhalt hinauszugehen und ein unverdient hohes zu sein. Unter dem volltönenden Titel eines Präsidenten der Jewisli Territorial Association birgt in Wirklichkeit sich nur ein Operettengeneral ohne Heer und Gefolge, dessen beuteverheißenden Werberufe selbst auf sich noch .etwas haltende „Schnorrer" kaum zu locken vermögen. Und Zangwill seinerseits wiederum genießt bloß den Vorzug, bei Grey, des Königs Minister, antichambrieren zu dürfen, dessen Händedruck ihn bisweilen auSzeichnet. Es mutet fast wie eine Groteske Zangwillscher Muse an, die durch ihre wunderliche Komik uns zum Lachen reizt. Allein was als Phantasiegebilde so amüsant wirkt, hatte hier den exaltierten Ueberfall, wie er sich in Zangwills Appell an die neutrale Iudenheit kundgibt, zur Folge. Insoweit Deutschland durch den Zangwillschen Aufruf betroffen ist, werden sich unter den deutschen Glaubensgenossen Berufene genug finden, die auf die Schmähungen und Verleumdungen die Antwort schon nicht schuldig bleiben werden. Und wahrlich, es dürfte ihnen nicht allzu schwer fallen, das „barbarische" Deutschland einem „Kulturmenschen gegenüber zu verteidigen, der die widerlichste Erscheinung, die dieser fürchterlichste aller Kriege gezeitigt hat, die Aufbietung wilder Horden und vertierter Rassen zum Kampfe gegen das deutsche Volk, mit der witzigen Bemerkung abtun zu können glaubt, „daß diese Verwendung schwarzer Kräfte weißen Zwecken diente, indes Deutschland seine weißen Streitkräfte zu schwarzen Zwecken verwenden würde". Wo es um Millionen blühender Menschenleben geht, wo die Jugend ganzer Völkerschaften todgeweiht mit ihrem Blute die Gefilde Europas in unermeßlichem Raume durchtränkt, wo überall die Not und die Sorge ihren Einzug halten und von Armut und Elend auch die weitesten Schichten nicht verschont bleiben, da müßte einem, sollte man meinen, die Lust zum Scherzen vergehen und jeder Anflug von Ironie schon auf den Lippen ersterben. Milde und Mitleid wurden von scher als des Juden ureigenste Gemütseigenschaften gepriesen — diese Eigenschaften, wie konnten sie so ganz in ihr Gegenteil Umschlagen!. . . Mir liegt es indessen nur ob, als Angehöriger eines neutralen Staates und als Jude, also als einer jener, an deren Adresse der Zangwillsche Aufruf gerichtet ist, zu dein von Zangwill darin vertretenen Standpunkt Stellung zu nehmen. Und da muß ich sagen, es war eine Unglücksstunde, in der Zangwill auf den Gedanken kam, seinen' Appell hinausgehen zu lassen, und es wäre das größte Verhängnis, wenn die Juden dein Lockrufe Gehör schenken wollten. Deswegen lege ich hier Protest ein, um auf diese Weise vor aller Welt zu bekunden, daß der Zangwillsche Aufruf lediglich als das Erzeugnis eines englischen Schriftstellers, niemals aber als die Kundgebung eines jüdischen Führers angefchen werden dürfe. In der Tat hätte Zangwill auch unmöglich auf irgendwelche Gefolgschaft von seiten der Juden rechnen können, »veil der Jdeengang, der seinen Ausführungen zugrunde liegt, auf einem Fundamentalirrtum beruht und damit von selbst völlig in sich zusammenfällt. Zangwill wendet sich, an die neutrale Iudenheit; aber eine neutrale Iudenheit im Sinne des unbeteiligten Zuschauers gibt es gar nicht. Ohnehin bleiben die Juden, sobald zwei Völker aufeinanderprallen, nur in den seltensten Fällen ganz verschont; gewöhnlich wird auf sie schon eingehauen, lange bevor man so weit ist, auf den eigentlichen Gegner zuschlagen zu können. Ilm wieviel schlimmer ist es in dem jetzt tobenden Kriege um die Lage der Juden bestellt, die an allen Seiten in kaunr zu überbietendem Maße in Mitleidenschaft gezogen sind. Aber da sind wir ja bereits Partei, und alle unsere Gefühle, alle unsere Sympathien, alle unsere Wünsche (auch derer, die Angehörige neutraler Staaten sind) schlagen sich notwendig nach der Seite, von wo aus eine günstigere Wendung des traurigen Geschickes unserer Glaubens- und Stammesgenossen, mit denen uns eine vieltausendjährige Leidensgeschichte verbindet, zu erwarten steht. So betrachtet, kann einem natürlich die Entscheidung nicht schwer fallen, wenn sie auch freilich zuletzt ganz anders aus-