Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 47 (20.11.1914)
- Date
- 1914-11-20
- Page
- Seite (555) (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3229123-3229171--70877-3283248- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Odesa 1× ep/2781475
OCR text
lahrsfeste 5675 (20. uni 21. September 1914) von Bezirksrabbiner Bertho! d Ei n stei n. Zum Besten des Roten Kreuzes in Druck gegeben. Buchdruckerei Karl Kaißler, Landau. — Ferner: „Die große Zeit im Spiegel ernster Tage." Ansprachen und Predigten am Neujahrsfest und Versöhnungsfeft des Kriegsjahres, gehalten in der Synagoge Glockengasse von Dr. Ludwig R o s e n t h a l, Rabbiner der Shnagogengemeinde Köln. Der Ertrag ist für die Kriegshilfe bestimmt. Köln 1914. Im Selbstverläge des Verfassers. —- Wir empfehlen beide Veröffentlichungen unseren Lesern aufs beste. Folgende sehr eigenartige Reminiszenz veröffentlicht der „Weg": D e r K r i e g u n b das A l t e T e st a m e n t. In der „Kirchlichen Rund schau" des roten „Tag" vom 13. September erinnert Pfarrer G. Kühn au eine Stelle des Alten Testaments, die mit unserem „Neutralitatsbrnch" gegen Belgien eine entschiedene Aehnlichkeit hat. Im 4. B. Mose 21, Vers 21—24 (und in der Parallelstelle 5. Mose 2, Vers 26—34), heißt es vom Durchzug der Israeliten durch das Land der Amoriter folgendermaßen: „Und Israel sandte Boten zu Sihon, dem Könige der Amoriter (mit friedlichen Worten) und ließ ihm sagen: „Laß mich durch dein Land ziehen: wir lvollen nicht weichen in die Aecker, noch in die Weingärten, wollen auch des Brunnenwassers nicht trinken (Speise sollst du mir ums, Geld verkaufen, daß ich esse, und Wasser sollst du mir ums Geld geben, daß Ich trinke); die Landstraße lvollen wir ziehen, bis wir durch deine Grenze kommen. Aber Sihon gestattete den Kindern Israels den Zug nicht durch seine .Grenze, sondern sammelte all fein Bolk und zog aus, Israel entgegen in die Wüste; und als er gen Jahza kam, stritt er wider Israel. Israel aber schlug ihn mit der Schärfe des Schwerts und nahm sein Land ein von Arnon an bis an den Jabbok und bis an die Grenze der Anunoniter." Man muß anerkennend hervorh-eben, wie zivilisiert schon vor Jahrtausenden die Israeliten sogar in der Kriegführung gewesen, längst bevor es das gab, lvas man heut Christentum nennt, das in Wahrheit aber nichts anderes als allgemeines Menschentum bedeutet, höhere Gesittung, die auch ohne allen Glauben bestehen kann und muß. Wie man sieht, kann auch der Ungläubige die Bibel mit der Folge der Erbauung und Belehrung lesen, wenn es nur auf die -einem gebildeten und anfgeklärt-en Menschen geziemende kritische Art geschieht. — Ueber die Tatsache, daß die Vertreter des Glaubens sich die gegebene Situation heut zunutze machen, lvas auch in der oben angegebenen „Kirchlichen Rundschau" zum Ausdruck kommt, werden lvir uns nach Wiederkehr des Friedens auseinanderzusetzen haben. Ueber das geradezu schändliche antisemitische Gebaren entnehmen wir der „Welt am Montag" folgende Notizen: E s w i r d f o r t g e h e tz t. Ter „Hammer", das „wissenschaftliche" Organ der deutschen Antisemiten, benutzt die Kriegszeit dazu, iu fast noch intensiverer Weise als in Friedenszeiten die Rasseninstinkte aufznpeitschen. Die neueste Nummer des Blattes ist fast eine einzige Aufreizung des deutschen Volkes gegen die „F r e m d l i n g e", jene Juden, die jetzt ihr Blut gerade so gut für das Vaterland verspritzen wie der rassenreinste Urteutone aus der „Hammer"- Gemeinde. Von den zahllosen antijüdischen Artikeln und Notizen wollen wir unseren Lesern nur zwei Kostproben vorsetzen. Eine Notiz mit der Spitzmarke „Ausnahmesoldaten" knüpft an die Tatsache, daß ein im Kriege gefallener Jude iu Görlitz eingeüschert worden ist, die Folgerung: „Es ist also nicht zu verkenneil, daß die Leute vom Stamme Juda im Deutschen Reiche Vorzugsrechte genießen — auch als Soldaten." Eine zweite Notiz faßt eine Betrachtung über das Verhalten der Juden im Kriege iu folgenden Sätzen zusammen: „Gerade der Krieg beweist, daß die Hebräer nicht Fleisch von unserem Fleisch und Bein von unserem Bein sind, daß sie uns im Unglück, wo sich die Herzen aller Deutschen finden, fernstehen, daß sie nicht den Gcmütston finden, der mit unserem Empfinden zusammenklingt. Wir wollen „siegen", sie aber lvollen im Kriege „gewinnen". Man kann sich nicht leicht für die im Felde stehenden jüdischen Soldaten etwas Kränkenderes denken, als daß ihre germanischen Kameraden „siegen", sie aber „gewinnen" lvollen. A n t i s e m i t i s ch e S ch u l d e n r e g u l i e r u n g auf G r u n d „w ahrer Kultur". In unserer vorigen Nummer nagelten lvir an dieser Stelle das Verfahren der „deutschvölkischeu" Firma William O. Frankenstein in Freiburg i. Br. fest, die der Berliner Jnserateufirma Löw u. Steiner gegenüber nicht nur ablehute, eine fällige Rechnung zil bezahlen (lvas ja Vorkommen karln), sondern obendrein noch in einer beleidigenden Zuschrift ihren Antisemitismus austvbte. „In großen, wenn nicht allen Kreisen des deutschen Volkes herrscht große Empörung über rücksichtsloses Vorgehen jüdischer Firmen, iu dieser ernsten Zeit der Kriegsuöte an allen Ecken und Enden. Unseres Wissens sind Listeil solcher Firmen von deutschvölkischer Seite angelegt und die betreffenden Firmen sogar in vielen Zeitungen an beit Pranger gestellt worden . . .", so drohte die Firma mit dem echtdeutschen Namen William O. Frankenstein. In dem „Hanuner"- Flugblatt aber, das sie ihrem Schreiben beilegte, werden u. a. die jüdischen Mitbürger sogar verdächtigt, daß sie sich jetzt au die Frauen und Mädchen heranmachten, bereu Männer und Verlobte im Felde stehen!! - Jetzt erfahren lvir, daß die Freiburger Firma, die ihre geschäftliche Korrespondenz, wenn es ans Bezahlen geht, mit solchen netten Sachen lvürzt, ihrem vollen Titel nach zeichnet: - Gesellschaft für wahre Kultur W. O. Frankenstein. Damit wird der Fall null geradezu grotesk. * Gegen I sr a el Z an g will, dem auch der Leitartikel dieser Nummer gewidmet ist, läßt sich in den „Gr e u zboten" Adolf Friedemann folgendermaßen vernehmen: Wir haben in diesem Jahre, da sich der Besten in beit Ländern des Westens eine bedauerliche Begriffsverwirrung bemächtigt hat, verlrumderliche Dinge erlebt, aber nichts Verlvuuderlicheres, als was hier der öffentlichen Moral zugemutet wird. In Amerika uub Südafrika sowie in Australien leben zweieinhalb bis drei Millionen von Juden, die aus Rußland flüchten mußten wie die Eltern des Herrn Zanglvill selbst. Viele von ihnen sind zu Wohlstand inid Ansehen gelangt, und ihr Einfluß auf die Presse der neutralen Länder ist groß. In .New Port besonders stellen sie 25 Prozent der Wühler und bestimmen häufig den Ausgang der politischen Kümpfe. Was aber in New Kork als politisch maßgebend gilt, ist meistens ausschlaggebend für die politischen Kämpfe iu der Union überhaupt. Man wird also ohne weiteres verstehen, daß es von hohem Werte für England ist, dieses jüdische Element in den neutralen Ländern für sich zu gewinnen, und dazu sollen mm Shmpathieu für eben jenes Rußland erweckt werden, aus dem die Inden der freien Länder flüchten mußten, um das nackte Leben zu retten. Sie sollen ihren Stammesgenossen znreden, auf die Seite der Entente zu treten und sollen dazu beitragen, daß sechs AU ll io neu Juden weiter unter der russischen Knute leben, damit der „gotische Uebermeusch" schwinde. Damit England siege, sollen die Pogrome von Kischenew und Hömel, von Kiew, Shitomir und Odessa vergessen sein. Vergessen sein soll die Schande des Ausiedluugsrahons und der Prozentnorm in den Schulen, die Ermordung ihrer Brüder und die Entehrung ihrer Schwestern. Der Schatten Rußlands, das noch eben im Beilis-Prozeß sich mit allen Mitteln der Staatsgewalt bemühte, den Ritualmordglaubeu zu pflegen und zu stärken, soll nicht die Sympathien für England beinträchtigen. Für das England, das mit den Halbwilden des Ostens verbündet „für die Menschheit kämpft", lind das sagt Israel Zangwill! Wir Juden erinnern uns an einen Manu, der in zahllosen Versammlungen Westeuropas Worte von erbittertster Erregung, von blutigstem Hohne über das Zarentum au der Newa sprach, der alle Völker aufzustacheln versuchte, gegen das Verbrechen der Kosnkeuregieruug. Ein ganzes Leben hat dieser Mann daran gesetzt, die Aermsteu unter den geknechteten Völkern aus dem glühenden Ofen zu holen, iu dem sie schmachten —- und er löscht seine ganze Lebensarbeit ans mit einem Federstrich! Aber den Juden Rußlands soll doch noch eine Hoffnung bleiben: das glorreiche England wird sie befreien. Sir Edward Greh hat es Zangwill versprochen, und das war „nicht nur die Versicherung eines Politikers in Nöten". Man fragt sich unwillkürlich, wie es möglich ist, daß dieser Krieg solche Verwirrungen in den Köpfen anrichtet. England als Befreier der Schwachen? Hat es sich diese Lorbeeren verdient in Indien, in