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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-11-13 · Heft 46 (13.11.1914) · page 13

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 46 (13.11.1914)
Date
1914-11-13
Page
– (sequence 13)
Language
German
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78. Jahrgang Nr. 46 Berlin, 13. November 1914 Der Gemeindevote. Vellage zur „Allgemeinen Leitung de^ Judentums. korrelpondkn?rn und Aschrichten. SeutschlsnL. Berlin, 10. November. Von geschätzter Leite wird uns mit der Bitte um Veröffentlichung nachstehendes im Polnisch-jüdischen Jargon abgefaßtes Schreiben übermittelt, in dem ein Augenzeuge mit ergreifenden Worten einen am 16. Oktober in Biezun (Gouvernement Plock) stattgefundenen Pogrom schildert. Wir ersehen daraus, wie entsetzlich traurig die Lage der „lieben Inden" des russischen Zaren ist, auf den in noch gesteigertem Maße als auf seinen Urgroßvater Nikolaus I. das Wort der Schrift angewendet werden darf: „Ein Herrscher, der auf Lüge hört, dessen Diener sind Bösewichter." Das Schreiben hat folgenden Wortlaut: „Teiere Beider, Bnei Awrahom, Jizchok und Jaakob! Gewiß ist euch nicht wissentlich die Mord er eien, was das russische Militär tun zu de Jüden, die russische Untertaner in Poilen bei die Kriegszeit. Mit herzzerreißende Leiden, und mit bittere Trären veröffentlich ich eich a Geschichte, was selbst bei gewohnt habe. Das hat passiert in Biezun Plocker Gonbernie Russisch-Poilen, was solches hat nicht passiert vor mittelalter Johren. Der Kommandeur von russisch Militär, was ist gerade gewesen in Biezun, hat den 16. Oktober gerufen den Rabbiner und fragt ihm, far wos beten nicht das jüdische Volk, daß der russischer König soll glikken in diese Krieg mit Deitschland? Dann war die Antwort von Nabbiner, daß Juden russische Untertaner beten für sein Glick, sowie sei geboten siuten: „Wehawe mispallel bischlaumoh schel malchus." Und die Jüden sinten untertänig und stnten getrei seier König. Nach ein langweiltigen Disput hat der Rabbiner ihm aufgeklärt, as das ist uor falsche Beschuldigung, was unsere Feinde sagen auf uns. Und der Nabbiner hat Abschied genmmnen und zu Haufe gegangen. Schabbos den 17. hat der Rabbiner weiter bekumnren a Befehl, er soll knnunen zu den Kommandeur, und so wie der Rabbiner gekummen ist in Wohnungen von Kommandeur, dann hat man den Rabbiner mit tyrannische und mörderische Klappen a halbe Stunde geschlogen und er is ohnmächtig zu sein Haus gekummen und ist davon sterblich krank. Denselben Tag hat man 9 Juden in Gefängnis eingesperrt. Sonntag den 18. hat man weiter 10 Juden vornehmste angesehene Leute von Stadt in a zweites Gefängnis eingesperrt und der Kommandeur befohlen hat, daß alle jüdische Männer von 10 Jahr an sollen die Wohnungen verlassen, wenn aber welcher jüdischer Mann sein Haus nicht verlassen wird, dann wird nwm die 10 Männer von Gefängnis totschlagen, denn sei dafür verantwortlich sinten. Und alle ji'ldische Männer haben die Wohnungen verlassen, dann hat der Kommandeur besohlen sein Militär, as man soll die jüdischen Männer von die Stadt heraustreiben, und das russische Militär auf Pferde haben die Juden geschlagen unbarmherzig mit mörderische Kläppen und sei getrieben 10 Kilometer von Stadt bis a Dorf; hat man sei in a Scheune eiugesperrt beisammen 249 Mann, und das Militär hat sei gehitet, as sei sollen kein Speis essen und trinken nicht bekommen, auch zu menschliche Bedürfnisse hat man sei nicht gelaßt, und das Militär hat gesagt, daß die Juden wird man verbrennen. Sowie die Männer haben die Stadt verlaßt, hat der Kommandeur sein Befehl herausgegeben, daß die jüdische Vermögen ist frei zu räubern. Das Militär hat das jüdisches Gut geräubert, auch hat das Militär viele ji'ldische Frauen und Mädchen geschändet. Dann sinten die Frauen zu den Teich geloffen, sich zu tränken, in Wasser areinwerfen, und sei sinten von Schande gerettet worden. Auch ist ein jüdisches Haus abgesondert gewesen von katholische Häuser, hat das Militär das Haus verbrennt und nicht zugelaßt, zu retten. Noch viel solche Mördereien haben sei getan, was es ist nicht aus den Papier herauszugeben. Sonntag 2 Uhr bei Nacht ist das preußische Militär ken Biezun angekummeu. Dann hat das russische Militär Biezun verlaßt und die 9 Juden von Gefängnis von 17. mit sich genummen; auch das russische Militär von Dorf hot sich derwuht, daß das preußische Militär kummt an, hoben sei auch das Dorf verlaßt, und die Juden vun de Scheune sinten dadurch mit den Ewiges Hilfe gerettet geworden und sinten mit viel Freide ken Biezun angekommen. Aber zum Bedauern haben sei von seier Vermögen sehr wenig angetroffen, denn das russische Militär haben alle Juden beraubt. Solches hat in viele polnische Städte passiert, was ich habe gehört, nor in Biezun selbst dabei gewesen." Berlin, 10. November. Das Budapester jüdische Wochenblatt „Egyeulöszeg" veröffentlicht in seiner jüngsten Nummer einen Brief aus Jaffa, in dem folgende Schilderung von der Mobilisierung der türkischen Truppen in Jerusalem entworfen wird: „Als der Gouverneur von Jerusalem aus Kvnstautinopel die Mobilmachungsorder erhielt, sandte er sogleich berittene Herolde in die arabischen Dörfer zu den Scheichs. Die Herolde hielten in der einen Hand eine mit dem weißen Halbmond geschmückte blutrote Fahne, in der anderen Hand einen Krummsäbel. Dies sollte andeuten, daß der Sultan alle treuen Muselmanen zum Kampfe ausgerufen hat. Und die Muselmanen leisteten diesem Rufe getreulich Folge. Ter Erfolg der Mobilisierung war ein ganz außerordentlicher. Ties war namentlich für uns eine Ueberraschung, die wir gewöhnt waren, daß man in diesen Gegenden Soldaten fängt, etwa wie inan ein Wild jagt. Diesmal lvar es ganz anders. Zu Zehntauseuden strömten die Araber nach Jerusalem. Selbst die wilden Beduinenstämme, die bisher weder Heeresdienst geleistet noch Steuern gezahlt haben, erschienen auf ihren hohen Nossen. Die Szenen, die sich in Ziesen Tagen in den Straßen Jerusalems abspielten, werden uns unvergeßlich sein. Die Araber überfluteten die Stadt: Fellachen mit ihren Frauen und Kindern, Beduinen mit langen Lanzen, daneben auch Juden mit langen Bärten und Christen. Der große Platz, der von dem Davidsturm, dem Hotel Amdursky und der Burg Zion umgrenzt wird, wimmelte von Arabern. Es bildeten sich Zirkel, in deren Mitte Schwerttänze aufgeführt wurden. Die Frauen schlugen dazu den Takt mit Trommeln. Immer toller ward der Wirbel . . . Aus zehntausend Kehlen erscholl mit einem Male der Ruf: Allall junsiir el Sultan (Gott schütze den Sultan)! Schließlich erschien der Pascha und mahnte zur Ruhe. Man gehorchte ihin." 0. Berlin, 10. November. In gegenwärtiger Zeit, welche so hohe Anforderungen nicht nur an unsere tapferen Krieger im Felde, sondern auch daheim an viele stellt, ist man bemüht, mit allen Kräften, oft noch darüber hinaus, dem Vaterlande zu dienen. Es können nun nicht alle nach Wunsch ein Hilfswerk veranstalten. Je nach den Mitteln, der vorhandenen Gelegenheit, geschieht es zumeist. Vorbildlich ist das Unternehmen eines Berliner Arztes, des Sanitätsrats Dr. Albert Oliven in Berlin-Lankwitz zu bezeichnen. Er hat inmitten seiner verschiedenen Anstalten einen großen Pavillon zur Ausnahme von 60 verwundeten Kriegern Herrichten lassen. In vier Süleü sind diese 60 Mann untergebracht. Bequeme Betten, alles nötige Inventar; Blumen ans danebenstehenden Tischen geben samt den freundlich ansgestatteten Räumen ein anheimelndes Bild dieser Krankenstät-te. Zwei Schwestern sorgen unablässig für die Kranken. Daneben befindet sich der Operationssaal, der mit allem Erforderlichen reich ausgestattet ist. Ein Arzt ist beständig zur Stelle. Zu den Operationen kommen noch mehrere Aerzte hinzu. Die Beköstigung ist vorzüglich. Die Verwundeten erhalten Erfrischungen in jeder Gestalt. Billard- und Spielzimmer sorgen für die Unterhaltung der Insassen. Alle diese Leistungen geschehen aus e i g e n e n Mitteln. Sobald ein Teil der Verwundeten geheilt und zur Armee entlassen ist, treten neue Ankömmlinge an ihre Stelle. Um solch einen eisernen Bestand an Pfleglingen unterhalten zu können --- während der Dauer des Feldzuges - , gehört nicht nur ein großes Kapital, sondern auch ein gutes, hilfsbereites Herz. Herr Sauitütsrat Dr. O l i v e n ist der bekannte Generalsekretär der deutschen Aerzteschaft, der ihre bisherigen Studienreisen nach Spanien, Nord- und Südamerika, Teneriffa, Italien, England arrangiert hat. Er ist der Doyen der deutschen 'Aerzte an den fremden Höfen und Herausgeber des Buches über die wissenschaftlichen Ergebnisse der bisher veranstalteten Forschungsreisen. V. Z. Berlin, 10. November. „Das Eigentümliche des deutschen Geistes" versuchte kürzlich Professor Tr. H e r m a n u C o h e n in einem Vortrage in der „Kant-Gesellschaft" zu charakterisieren. Die Abneigung fremder Völker gegen Deutschland entspringt einem Nichtverstehen seines Geistes. Es muß versucht werden, die Eigentümlichkeit dieses

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