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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-11-13 · Heft 46 (13.11.1914) · p. Seite 550

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 46 (13.11.1914)
Date
1914-11-13
Page
Seite 550 (sequence 10)
Language
German
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550 So hatte er auch jetzt geschwiegen. Er fühlte, daß es ihm gar nicht geziemt hätte, dreinzureden, denn Littauer war sein Grundherr. Wenn er ihn verteidigte, so würde man noch schlecht von ihm denken. Aber jetzt konnte er nicht mehr an sich halten. Er schlug die Augen nieder. Preßte seine Fäuste an die magere Brust, senkte den Kopf, als ob das, was er sagen wollte, nur sür das Wasser im Becken bestimmt sei, und sprach leise: „Das ist Lüge." Er hatte es leise gesagt, und es wurde doch vernommen. Einige wären vor Schrecken über diese aufrührerischen Worte beinahe ins Wasser gefallen. Gutlohn aber spielte alle Farben und schnappte mit offenem Munde nach Luft, als ob chm die innere Erregung den Atem geraubt hätte. Nur Buchsbaum hatte nicht die Geistesgegenwart verloren. Buchsbaum hatte nun den unwiderruflichen Entschluß gefaßt, auch auf die zweite Kuh Gutlohns seine Hand zu legen. Das aber mußte man sich erst verdienen. In geeigneten Momenten ist der berechtigte Zorn ein sehr gutes Kapital. Also wurde er zornig: „Samuel, ich werde dir die Glieder brechen! Wie unterstehst du dich, mit Herrn Gutlohn so zu reden?" Samuel wurde noch bleicher, aber er sagte nur wieder: „Ja, es ist Lüge! Ihr könnet von Littauer sagen, daß er ein schlechter Jude war, aber daß er ein schlechter Mensch war, das saget nicht. Denn er war ein guter Mensch. .Er hat den armen Leuten Holz, Mehl und Fleisch gegeben. Das Zelt- Fradele und das verrückte Gitl und der Eisig Schorr und der Selig Hecht handeln mit seinem Gelbe. Er leiht ihnen, soviel sie brauchen, und nimmt keine Zinsen dafür. Freitag bezahlen sie ihn, und am Samstagabend machen sie wieder eine neue Anleihe. Und heute haben sie sich nicht getraut hinzugehen, ans Furcht, daß es in der Kille böses Blut machen wird, wenn inan weiß, daß sie in das Haus des Meschümed gegangen sind; nur die verrückte Gitl hat sich nicht gefürchtet. Sie hat ihr Geld genommen und das Geld der anderen und hat es ihm hingebracht. Und sie war ganz verzweifelt und hat geweint und nicht gewußt, was sie jetzt ansangen wird. Und Littauer hat zu ihr gesagt: „Gitl, weine nicht, Samstag abends kannst du dein Geld abholen, und den anderen werde ich ebenso wie früher geben." Und Gitl hat ihni die Hand geküßt und ist dann erschrocken zum Rebbe gelaufen und hat ihn gefragt, ob sie jetzt fasten muß, weil sie dem Meschümed die Hand geküßt hat, und der Rebbe hat gesagt, daß sie es nicht tun müsse." Gutlohn fühlte, daß, wenn dieser Mensch in seiner Erzählung weiter fortfahre, seine Position dadurch gründlich erschüttert würde. Atan mußte Littauer von der Tagesordnung streichen. „Leute", sprach er mit der schlauen Biegsamkeit des erfahrenen Diplomaten, „ich habe einen ganz frischen Schnaps, den müßt ihr kosten. Und meine Frau hat großartige Eierkuchen gebacken. Nach Tchachres'") seid ihr alle meine Gäste." Die Aussicht aus den prächtigen Imbiß versöhnte die Leute. Frau Gutlohns Eierkuchen waren berühmt. Und ganz ernstlich wurde die Frage erwogen, ob denn nicht Gutlohn wirklich der würdigste Mann in der Gemeinde sei. Man solle doch Gutlohn zum Roschekol wählen. Eben wollte Buchsbaum dies beantragen und hatte kaum das Wort genommen, als sich plötzlich die Tür des Badezimmers öffnete und aus dem hervordringenden Dampf sich allmählich eine hohe Gestalt, ein gutmütiges Gesicht loslöste, in dessen Mienen irgendein unsicheres, beinahe ängstliches Lächeln zitterte. Ein mitternächtliches Gespenst hätte unsere Juden auch nicht mehr erschrecken können, als diese Erscheinung. Erschrpckenen 10) Frühgottesdienst. Fröschen gleich plumpsten sie laut klatschend ins Wasser hinein. Dann fiel ihnen ein, daß sie sich eigentlich an einem Unrechten Platz befänden, daß dieser Mensch vielleicht auch baden wollte, wozu er ganz berechtigt wäre, denn das Bad gehörte ihm, er hatte es für die Gemeinde bauen lassen. Nun, das wäre entsetzlich. Die Twile"), die jabbatliche Reinigung, wäre vergebens geschehen, denn es liegt doch auf der Hand, daß ein glaubenstreuer Jude nicht mit dem Abtrünnigen in demselben Becken baden dürfe. Und sie stiegen aus dem Wasser und zogen sich in ihre Kabinen zurück, damit sie sich durch den Meschümed ja nicht verunreinigen sollen. Nur Gutlohn rührte sich nicht vom Fleck. Als er Littauer erblickte, wollte er wieder ausspucken, doch er besann sich eines Besseren. Er stand auf, wandte Littauer würdevoll sein rundes Bäuchlein zu und wies auf das Becken hin: „Brauchen Sie noch Wasser, Herr v. Littauer?" Buchsbaum wäre beinahe vor Lachen geborsten. Was für ein Mann doch dieser Gutlohn ist! Was für einen Verstand er hat! Na, der Habs dem Meschümed gut gesagt. Und er winkte hinter dem Vorhang Gutlohn zu, ihn nur ohne Bedauern weiter zu sticheln. Die rohe Anspielung verdroß Littauer, aber er behielt sein Lächeln weiter: „Danke, Herr Gutlohn. Ich hatte Wasser, soviel als ich benötigte. Was sollte ich mit dem vielen Wasser anfangen? Sie wissen ja, daß ich kein Weinhändler bin." Jetzt wäre Buchsbaum schier explodiert, aber nur hinter dem Vorhang. Dem Gutlohn zeigte er sich nicht, sonst hätte er die zweite Kuh aufs Spiel gesetzt. Littauers Hieb traf Gutlohn an seiner empfindlichsten Seite. Er liebte es nicht, wenn man Anspielungen auf seine Weinpantschereien machte, doch hatte er so viel Verstand, das Wortgefecht nicht fortzusetzen. Dieser Littauer könnte ihn noch gänzlich schlagen. Also schwieg er lieber und stieg langsam, bedächtig, ins Wasserbecken. Littauer blickte umher: „Warum haben sich denn die Leute versteckt? Ich bin ja nicht ohne Absicht da hereingekommen?" Nach und nach kamen alle langsam zum Vorschein. „Also, höret", begann Littauer, „ich habe geglaubt, daß ihr vielleicht gar nicht mehr Herkommen werdet, deshalb habe ich euch ausgesucht. Ich wollte euch sagen, daß ich das Bad der Gemeinde schenke. Dann lasse ich noch ein zweites Becken machen, damit eines nur sür Männer, das andere nur sür Frauen diene, so, wie ich es vergangenes Jahr versprochen habe. Denn Schwur ist Schwur. Wie denkt ihr darüber?" Keiner antwortete. „Also einverstanden." Er grüßte und ging. Kaum hatte er die Tür hinter sich zugemacht, als ein solches Durcheinander von Reden entstand, daß das Badehaus davon widerhallte. Wieder wollte Bernhard Troger den ersten Trumpf ausspielen. > ■ * ■, i >: „Was für eine Keckheit!" „Er untersteht sich noch, sich hier blicken zu lassen!" rief zähneknirschend Buchsbaum, indem er Samuel Spitz mit mörderischen Blicken maß, als wollte er ihn umbringen. „Ein großer Posche! Ein großer Posche!" murmelte der hundertjährige Blumenstein, der nur achtzig Jahre alt war. „Ihr werdet sehen, das wird noch ein Neolog werden." „Alter, reden Sie keine Eseleien", herrschte ihn David Gutlohn an. „Ueber diese Sache muß man erst Nachdenken." Die Sache verdiente in der Tat wohlerwogen zu werden, denn es war kein gewöhnlicher Fall. Ist es passend, ist es ”) Das rituelle Baden.

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