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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-11-13 · Heft 46 (13.11.1914) · p. Seite 549

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 46 (13.11.1914)
Date
1914-11-13
Page
Seite 549 (sequence 9)
Language
German
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549 Juden als Grundsteuer gezahlte Schutzgeld im Betrage von jährlich 14 OVO fl. sollte nach wie vor in die kaiserliche Kasse abgeführt werden, so daß der Hof durch den Abzug der Juden keine Einbuße erleiden, die Stadt Wien aber eine beträchtliche Erweiterung gewinnen würde. Tatsächlich hat die Stadt Wien bis zum Jahre 1815 jährlich 10 000 fl. Judengeld an den Kaiserhos gezahlt (4000 fl. entfielen auf die Landgemeinden Niederösterreichs), bis Kaiser Franz l. sie von dieser Judensteuer befreite. Die Söhne Koppel-Fränckhls aber traf der doppelt harte Schlag, vom frischen Grabe ihres Vaters hinwegziehen zu müssen, ehe sie dasselbe noch mit einem Grabsteine schmücken konnten. Da wandten sie sich bittlich an den Magistrat der Stadt Wien, den Friedhof im „Obern Wörth" in Obhut zu nehmen. „Was sie für sich nicht erreichen konnten," sagt Wachstein, „das haben sie für ihre Toten durchgesetzt, denn die Stadt Wien verpflichtet sich den Koppel-Fränckhlschen Erben gegenüber, die „gehorsamblich gebeten, uns auch hierumb per 4000 fl. Satisfaktion geleistet haben", zum ewigen Schutze des Friedhofes und seiner Denkmäler". Balthasar Osterhainmer, der christliche Friedhofswärter, blieb nach wie vor auf seinem Posten und hat ben Friedhof getreulich gehütet, bis nach dem Einzüge des einzig tolerierten Hofjuden Samuel Oppenheimer und seiner Schutzbefohlenen der Fortbetrieb desselben wieder ausgenommen wurde. Der Strom der Vertriebenen aber teilte sich, nachdem Unterhandlungen bezüglich einer geschlossenen Einwanderung in Amsterdam, Venedig oder Hamburg resultatlos blieben, nach Mähren, Böhmen, Bayern, Brandenburg und Polen. Ungarn und die Alpenländer waren ihnen vom Kaiser verboten. Der Zuwachs, den die wenigen ansässigen Juden in Berlin durch die Wiener Vertriebenen erhielten, war so stark, daß von da ab erst recht eigentlich die Gründung der Berliner Jsraelitengcmeinde datiert wurde. Die Vertriebenen aber haben ihrer Wiener Heimat nie vergessen können. Zu den „Megorsche Wina", zu den „Vertriebenen von Wien" zu gehören, galt lange nachher noch als ein Ehrentitel und als ein Beweis vornehmer Abkunft. Auf manchem alten Grabsteine in der Fremde liest man hebräisch oder deutsch „vertrieben aus Wien"; so stolz hat es die armen Juden gemacht, aus Wien vertrieben, also einst dort wohnhaft gewesen zu sein. Ebenso berichtet der Publizist Max Nordau in seiner Selbstbiographie, daß auch seine Ahnen „Vertriebene aus Wien" gewesen seien. Für die Veranstalter der Vertreibung aber war kein Segen daraus erblüht. „Es befindet sich eine solche Armuthey und Elent", schreibt der städtische Oberkämmerer Schuster im Jahre 1080, „allda in der Leopvldskadt, daß nicht allein ein grausen, sondern nicht genngsamb kan beschrieben werden." Auch der Kaiser konnte der jüdischen Finanzkunst nicht entraten und berief schon im Jahre 1675, also nur fünf Jahre nach der Vertreibung, den Juden Samuel Oppenheimer nach Wien, der, nun wieder im Stadtinnern wohnend, mit seiner Familie und seinen Angestellten den Grund zu einer offiziell verbotenen, im geheimen aber bald wieder aufblühenden jüdischen Gemeinde in Wien legte. Von da ab datiert dann die zweite Belegperiode unseres Friedhofes bis zu seiner im Jahre 1784 durch Kaiser Joses il. angeordneten Sperrung. Den Juden wurde nunmehr ein Teil des Wühringer Friedhofes eingeräumt. Dank der kindlich pietätvollen Tat der Brüder Fränckhl ist somit ein charakteristisches Stück von Alt-Wien erhalten geblieben, an dem auch jene Interesse nehmen dürften, die außerhalb der jüdischen Gemeinschaft stehen. Ser neue Ctjrift. Roman von Peter Ujvori. Uebersetzt von Rosa Trencsoni. (Fortsetzung.) r wollte, er wollte, aber er hat sich nicht unterstanden," murmelte der hundertjährige Blumenstein, der alles wußte und in Wirklichkeit erst achtzig Jahre alt war. Aber man mußte zwanzig Jahre dazulügen, sonst wäre die Rizlveh kleiner gewesen. „Er war ein großer Posche,") aber doch kein solcher Pofche, daß er sich unterstanden hätte, zu den Neölogen zu gehen." „Was? Er hat gar keine jüdische Ader gehabt," meinte Buchsbaunl, der die Möglichkeit erwog, ob er nicht auch die zweite Kuh von Gntlvhn abkaufen könnte. „Na," sprach Gutlohn ärgerlich, „ihr habt ihn trotzdem zum Ersten in der Kilo') gemacht. Als er sein erstes Hans erbaut hat - es war unscheinbarer als das meinigc — da habt ihr ihn gleich zum Gabbeh gewählt. Dann, als er die Ackerfelder erwischt hat — mir ist der Schuft damit zuvorgekommen — da habt ihr ihn zum Tüwekull') gemacht. Und wie er das Gut gekauft hat, da ist er gleich Roschekut") geworden. Und dann habt ihr auch durchgefetzt, daß er Moreno) geworden ist. Mvrene Raws Reb Mendel!") Na, wirklich, ein schöner Morene war der Sabbatschänder! Haha! Na, deshalb wird auch der Nebbe brennen müssen." „Rebb Duwed!" Der vorwurfsvolle Ton erhob Eimvand gegen diese Lästerung. „Gar kein Reb Duwed! Ich habe recht. Wenn der Rabbi einem solchen Menschen die Mvrene gibt, dann kann er dieselbe auch dem Gälech") geben. Reb Saline sprang ins Wasser und tauchte etwa zehnmal hintereinander unter mit wütender Hast, nur um die Lästerreden des eingebildeten Menschen nicht zu hören. Er hätte ihm darauf antworten tonnen, aber für den Schächter ist es Pflicht, zu schweigen. Auch die übrigen schwiegen, denn keiner von ihnen wollte es mit Gutlohn verderben. Aber aus ihren Mienen war die Unzufriedenheit anzumerken. Gutlohn hatte die stille Empörung wahrgenommen und erschrak darüber. Jetzt iväre es höchst unklug von ihm ge-, wesen, sich die Leute aufsässig zu machen, er sachte sie selbst zu versöhnen: „Na. seid nur nicht böse. Wie gesagt, was ich dem Rabbi wünsche. Der Rabbi ist ja ein ausgezeichneter Mann, ein großer Alaun, ein Gelehrter, ein Heiliger. Ich habe nichts gegen ihn einzuwenden. Aber seht, daß er den Littancr zum Morene gemacht hat, das hat mir weh getan. Weil er es nicht verdient hat, weil er ein schlechter Mensch gewesen ist." Samuel Spitz hatte bis jetzt geschwiegen. Samuel Spitz war auch sonst ein stiller Mensch. In seinen bleichen, leidenden Gesichtszügen malte sich die Traurigkeit eines langen Märtyrertums. h Gnadengehalt der Gemeinde, h Ungläubiger, h Gemeinde, h Tempelverwalter. r’) Vizepräses. °) Präses. h Diplomierter Talmudgelehrter, soviel wie Doktor, Magister. 8) Herr Mendel, unser Herr und Meister! h Christlicher, katholischer Priester.

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