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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-11-13 · Heft 46 (13.11.1914) · p. Seite 548

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 46 (13.11.1914)
Date
1914-11-13
Page
Seite 548 (sequence 8)
Language
German
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548 Anführung von angemessenen Stellen aus Bibel und Talmud,! in welchen gerade die Reflexionen über das Leben und den Tod, j über Dies- und Jenseits, über Gut und Böse im Vordergründe! der Betrachtung stehen — das ist es, was den inneren Wert! einer hebräischen Grabinschrift bildet und was der Interpret! einer solchen beherrschen muß. Dann erst erhebt sich aus den toten Steinen das innerliche Leben jener Ahnen wieder, und dann erst mag ihr äußeres Gehaben vertraut an uns vorübergleiten. Manche liebliche Gestalt lächelt uns dann aus dem kalten Marmor zu, und manche ehrwürdige tritt freundlich aus dem steinernen Nahmen hervor. Ein Jungfernkränzlein krönt die Ruhestätte eines jungen Mädchens, und wo wir es gar Paarweise finden, da wissen wir, daß ein Schwesternpärchen gleichzeitig — wahrscheinlich infolge einer der häufigen Blatternepidemien in* Grab gesunken war. Ein vornehm von Säulen flankierter Grabstein trägt die Klage uin eine Märtyrerin, ist „die fürnehmbe und jedermann wohlbekandte Jüdin Leonora, die" (wie das „Theatrum Europäum" berichtet) „vor dem rothen Thor, nechst bei der Ausfzugbrücken von einem unbekandten Reuter mit zwey Kugeln todtgeschossen worden; Weßwegen außgerusen worden, daß derjenige, so den Thäter offen” bahren würde, 500 Dukaten haben; So aber der Thäter sich selber angeben thüte, ihme tausend Dukaten und das Leben geschenkt seyn solle, darumb, daß man diese That für eine Anstifftung von den Juden selber gehalten." Zwei Familien, deren Glieder durch Generationen dem ärztlichen Stande angehört haben, waren die mit den lateinischen Namen Lueerna und Halsanus bezeichneten Maor-Katan und Chalfan, die als Aerzte den Löwen als Symbol der ärztlichen Kunst im Wappen führen. Lewitenkrüglein und Priesterhände deuten auf Angehörige des Stammes Lewi hin, Hirsch und Wolf verkörpern die Namen Zewi und Simeon und sind auch bestimmten Familien eigen, ein Lamm bezeichnet die weitverzweigten Munck-Themounm-Lämel, deren Abkömmling jener Edler v. Lämel, Finanzrat unter Kaiser Franz I. war; ein Rabe im Felde bezeichnet Mitglieder der ausgebreiteten Familie Rapaport usw. Die Kabbalisten Jakob Temerls- Worms, Rabbi Elchanan, Rabbi Jakob, um nur wenige von vielen zu nennen, begründeten den Ruf von den Wiener Gelehrtenschulen und zogen viele Schüler ins Land. Das Rabbinat bekleideten der durch seine Charaktergröße sowie durch mannigfache Schicksale bewundernswerte Rabbi Liprnan Jomtob Heller, Rabbi Sabbatai Schefftel- Horowitz, Rabbi Gerson-Aschkenasi u. a. m., das Gemeindeschreiberamt hatten R. Moses Lewi, R. Chajim Raspitz und R. Jsak aus Hamburg inne. Ein junger christlicher Gelehrter, Johann Christoph Wagenseil, später Professor zu Altorf in Bayern, verschmähte es nicht, den Weg über die Schlagbrücke zu nehmen und bei den jüdischen Gelehrten Theologicas an der Urquelle zu studieren. Nach ihm berichtet der Chronist Schudt über die auch jüdischerseits bekannte Gründung einer Talmudschule durch Zacharias Beer-Meher mit folgenden Worten: „Mit gemelkter Judenschul zu Wienn hat es Diese merkwürdige Beschaffenheit gehabt, daß sie sonderlich zu eiferiger Erlernung des Talmud gestifftet worden, dann weil unter den Juden das Talmudische Studium so neglegiret wird, daß auch wohl solche zu Rabbinen declariret werden, die kaum einen einigen Talmudischen Traktat gelesen, sonderlich unter den Italienischen, Portugiesischen und Teutschen Juden, dann die Polnischen gar eiferig auf die Erlernung des Talmuds sich legen. Diesern dann einigermaßen abzuhel- .fen, hatR. Zacharias etlvan 10 Jahr vor der Juden Vertreibung, auf seine Kosten eine nelle Synagog aus dem Fundament erbauen lassen, so gar ansehnlich gewesen, darzu er auch ein Cheder oder Lehrzimmer gefügt, in welchem 24 Schüler auf seine Kosten sotten erhalten werden, welche es unter sich also einteilen sollen, daß Tag und Nacht aneinander und ohne Aushören ihrer einige im Talmud lesen und studieren mögten, und darvon, außer am Sabbath, da man des Gottesdienstes in der Synagoge abwarten muß, nicht sollen ablassen, wie er dann ein zureichliches Einkommen von seinem großen Vermögen dazu gestifftet, in Meynung, daß diese Verordnung bis ans Ende der Welt dauern solle, die aber bald ausgehoben und an des Talmuds Stelle das Neue Testament gekommen, indem Kayserliche Majestät erzehltermaßen eine Christliche Kirche daraus gemacht hat; Wie solches Herr Wagenfeil lei. Ign. Sat. Praefat p. 72 erzehlt mit dem Behfügen, daß auch unter andern Völkern, sonderlich in Jerusalem dergleichen anhaltende Talmudschulen zu finden seyn." Eines der zuletzt belegten Gräber, vor der im Sommer 1670 durchgeführten Vertreibung, war das des am- 17. April verstorbenen Jakob Koppel-Fränckhl, eines der reichsten und angesehensten Männer der Judenschaft. Vergeblich hatten sich die Juden zu großen Geldopfern erboten, um das Verhängnis abzuwenden. Allein, Leopold I. blieb unerbittlich. Dies um so mehr, als sich die Stadt Wien erbötig machte, die, von den Juden gebotenen 100 000 fl. dem Kaiser aus Eigenem zu bezahlen, wenn ihr dafür die Judenstadt im Schätzungswerte von über 200 000 fl. überlassen würde. Auch das von den Ein jüdisches Wahrzeichen aus Alt-Wlen. Oer aus dem \6. Jahrhundert stammende Jndenfriedhos (y.^Bezirk).

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