Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 46 (13.11.1914)
- Date
- 1914-11-13
- Page
- Seite 547 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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—— 547 - — stützen, ist sein Werk. Lange Jahre bekleidete Josephthal das Amt eines Vorsitzenden, und wenn bis heute der Landesverein eine segensreiche Wirksamkeit entfalten konnte, so ist dies sein Verdienst. So steht das Bild des Mannes vor uns, dem es beschieden war, während seines an Jahren reich gesegneten Lebens in Treue und Liebe dem Judentum zu dienen. Josephthal gehörte dem Glauben seiner Väter aus Ueberzeugung an, aber er war auch ein für sein engeres und weiteres Vaterland begeisterter Deutscher, der jederzeit in den vordersten Reihen stand, wo es galt, vaterländische Bestrebungen zu fördern! politisch gehörte er zur nationalliberalen Partei. In den letzten Monaten seines Lebens erfüllte es ihn mit Stolz, daß alle seine Enkel zur Verteidigung des Vaterlandes ins Feld rücken durften; auch einer seiner Söhne stellte sich als Oberleutnant freiwillig, kam kurz vor dem Ableben des Vaters verwundet, aber mit dem Eisernen Kreuz geschmückt, zurück. Lin Wilches Wahrzeichen ausMt-Wien. Von Rahel Edelstein-Friedmann, Wien. (Schluß.) cvvr jedoch noch den lebenden Juden eine Wohnstätte be- ^7 reitet worden war, hatte, wohl oder übel, für die Verstorbenen Vorsorge getroffen werden müssen. Schon im Jahre 1620 hatte der Wiener Magistrat der „alhieigenbefreytenJudenschaft zwey nunmehr zusamben gerainten Grundt alhie im Obern Wörth zu Ihrer Begrebnus aufgeben" — und hierzu bemerkt, daß derselbe „thails Ihnen vor vill Jahren, der andere Thail aber erst jüngsthin auf Ihr gehorsambes Bitten" eingeräumt worden sei. In der Tat lassen sich auf dem alten Judenfriedhofe im „Obern Wörth", das ist in der heutigen Seegasse (ehemalige Roßau) einzelne Grabsteine aus der Mitte und dem Ende des 16. Jahrhunderts Nachweisen, so daß aus eine bei Beginn des Wiener Ghetto mehr als fünfzig Jahre zurückdatierende Anwesenheit von Juden in Wien geschlossen werden kann. Allein ein reiches Gemeindeleben erschließt sich erst aus jenen Grabinschriften, welche während des fast 50 jährigen Bestandes der Judenstadt im „Untern Wörth" entstanden sind. Dieses Bild in seiner Mannigfaltigkeit wiederherzustellen, die Steine sprechen zu machen und die Toten ihr Erdenwallen erzählen zu lassen, ist die Ausgabe der jüngsten Publikation der Historischen Kommission der Kultusgemeinde, deren „Quellen und Forschungen zur Geschichte der Juden in Deutsch- Oesterreich" als grundlegende Arbeiten von kulturhistorischem Interesse weit über das jüdische Empfinden hinaus gewertet werden dürfen. Es erschienen: „Das Judenbuch der Scheffstraße" (1389-1421), von Dr. Artur Goldmann, 1908; „Das Wiener Ghetto, seine Häuser und seine Bewohner" (1. Ghetto bis 1421, 2. Ghetto 1625—1670), von Dr. Ignaz Schwarz, 1909; „Jüdische Privatbriefe aus dem Jahre 1619", bearbeitet von Dr. A. Landau und Dr. B. Wach- 'stein, 1910 und „Die Inschriften des alten Judenfriedhofes in Wien", bearbeitet von Dr. B. Wachstein (mit 200 Textabbildungen, 15 Tafeln und einem Friedhofsplane 1540—1670), 1912 I. Diese jüngste, von dem bewährten Kulturhistoriker Bernhard Wachstein bearbeitete Publikation ist es, durch welche wir uns auf dem wunderbar erhaltenen Friedhof orientieren und die im Laufe von zwei Jahrhunderten auf mehr als 1000 angewachsenen Grabmäler agnoszieren können. Das hebräische Epitaph gibt trotz seiner blüten- und bilderreichen Sprache ein getreues Spiegelbild des Verewigten wieder. Wenn auch zuweilen die Ausdrücke formelhaft und in gewissem Sinne feststehend sind, so liegt ihnen doch eine derart reichlich gegliederte Nuancierung zugrunde, daß der Kenner — und als solchen dürfen wir Wachstein ganz besonders begrüßen — schon aus ihrer Gruppierung und Anordnung, ja sogar aus dem Fehlen derselben, auf das Alter, den Beruf, den Wohlstand und das Ansehen des Verstorbenen in der Gemeinde überraschende Schlüsse ziehen kann. So haben Forschersinn und Wißbegierde sich an den teils gut erhaltenen, teils aber auch verwitterten und verstümmelten Inschriften schon in vergangenen Jahrzehnten versucht. Gerson Wolf, der jüdische Lokalhistoriker, und Ludwig August Frankl, der Poet, haben den historischen Reichtum, den diese Steine bergen, wohl erkannt, und mannigfache, wenn auch nicht immer glückliche Versuche gemacht, die Formel zu finden, welche den ganz enormen Inhalt an geschichtlichen und kulturellen Fakten, an linguistischen und ethischen Momenten offenbart. Wachstein jedoch hatte diese Formel in seiner Beherrschung des Hebräischen als Sprachwissenschaft schon parat und durch seine in den Sitzungsberichten der k. k. Akademie der Wissenschaften herausgegebenen „Wiener Hebräische Epitaphien", Wien 1907, seine besondere Eignung für diesen Zweig der Forschung erwiesen. Die Feststellungen, die dieser Forscher macht, dürfen nunmehr als Endresultate angesehen werden. Die Identifizierung der meist mit dem Vatersnamen, zuweilen auch mit der Mutter Namen bezeichneten Verewigten ist — da gewöhnlich weder Alter noch Geburtsdatum angegeben ist — nur sehr hohes Alter macht eine Ausnahme — bloß auf Grund des Todesdatums keineswegs eine leichte Sache. Dieselbe wird auch dadurch nicht vereinfacht, daß die meist ein Akrostichon bildende Inschrift den Namen gar oft mehr verschleiert als verrät. Die gleichzeitigen Eintragungen im Totenprotokvll aber weisen mitunter Verstümmelung oder Verwechslung der Namen auf, so daß sie erst wieder aus ihre richige Form zurückgeführt werden müssen, ehe eine Uebereinstimmung auch nur versucht werden kann. Und die Grund- und Satzbücher des Wiener Magistrats, welche die jüdische Bewohnerschaft des „Untern Wörth" fast lückenlos führen, bieten nur ein bestätigendes, keineswegs aber ein beweisendes Material, weil die Juden schon damals den Behörden gegenüber deutsche Namen führten, deren jedoch im Gemeindeleben und auf den Grabsteinen keine Erwähnung geschah. Erwägt man noch, daß außerdem Brüder oder Väter und Söhne nicht immer die gleichen deutschen Namen trugen, so wachsen die Schwierigkeiten nahezu ins Unfaßbare. Dem allen zu begegnen, bedarf der Forscher nicht nur eines eingehenden linguistischen und kalendarischen Wissens und einer frisch zugreifenden, unbeirrbaren Intuition, sondern auch — last not least — eines umfassenden, dem Gedächtnisse immer zur Verfügung stehenden literarischen Geistesgutes. Denn nicht nur, daß die jüdischen Autoren in der. Vorrede oder mitten im Texte ihrer Werke sich ihrer Abkunft von gelehrten Ahnen rühmen und somit bewußt wertvolle Winke zur Genealogie geben, ist es gar oft das Vorsatzblatt irgendeines halbverschollenen Schriftchens, welches dadurch, daß der Besitzer seinen Stammbauin oder seine Nachkommenschaft absichtslos auf demselben vermerkte, das letzte Wort zur Identifizierung dieser oder jener Persönlichkeit zu sprechen hat. Und nicht spärlich sind die Fälle, wo solche genealogische Behelfe herangezogen werden müssen, um die Person zu eruieren, die sich in einer solchen Grabschrift verbirgt. Allein, damit ist keineswegs das Wesen einer hebräischen Grabinschrift ausgeschöpft. Der dichterische und solkloristische Inhalt, die Anwendung wissenschaftlicher und ethischer Sentenzen aus dem Jdeenkreise des jüdischen Schrifttums, die h Sämtlich bei Wilhelm Braumüller, Wien und Leipzig.