Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 46 (13.11.1914)
- Date
- 1914-11-13
- Page
- Seite 546 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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gehenden religiösen Anschauungen aus innerem Pflichtgefühl einzutreten sich bemühte. Die nachfolgenden Zeilen seien dem Andenken des nunmehr in Gott ruhenden Führers in Israel in Dankbarkeit und Verehrung gewidmet; schlicht und einfach lebte er, schlicht und einfach sei dieses Gedenkblatt. Gustav Josephthal wurde am 8. September 1831 in Ansbach geboren und widmete sich nach Absolvierung des Gymnasiums dem Studium der Jurisprudenz. Von den Eltern religiös erzogen, blieb er im Wandel der Zeiten aus innerster Ueberzeugung dein Glauben seiner Väter treu; seine ganze Tätigkeit im Dienste des Judentums trug das Gepräge dieser tiesreligiösen Weltanschauung. Nach beendigten Studien und glänzend bestandenem Staatsexamen trat er als Konzipient in die Kanzlei seines nachmaligen Schwiegervaters, des Königlichen Hofrats und Advokaten Berlin in Fürth, und wurde später zum Königlichen Advokaten in Nürnberg ernannt. Durch seine hervorragende juridische Befähigung und seine großen Erfolge als Advokat auf zivil- und strafrechtlichem Gebiete wurde sein Name bald über Nürnberg hinaus bekannt. Im Januar 1866 wurde er von den Mitgliedern der noch jungen jüdischen Kultusgemeinde in den Gemeindeausschuß und 1869 als Vorsitzender der Administration gewählt. Seine erste Amtshandlung in seiner Eigenschaft als Führer der Gemeinde bestand darin, daß er die beiden Körperschaften in gemeinsamen Sitzungen beraten ließ, eine Einrichtung, die sich für die Folge in der jungen Gemeinde sehr bewährte und heute noch besteht. Hierin liegt das Geheimnis der steten und harmonischen Fortentwicklung unserer Kultusgemeinde zur Großgemeinde, und dieses ist das ureigenste Verdienst unseres Josephthal. Sein Bestreben war, die Einheit und den Frieden der Gemeinde zu erhalten, was der Lösung wichtiger und einschneidender Fragen in derselben außerordentlich sörderlich war; dabei war er stets bemüht, die Ehre und Würde der Gemeinde zu wahren. Josephthal war von einer inneren und aufrichtigen Friedensliebe beseelt, ohne seine eigene Ueberzeugung zu verbergen oder ihr untreu zu werden. Dieser wahrhaft feierlich - religiöse Geist, die feinsinnige, vornehme Art, die seinem ganzen Wesen eigen war, das scharfe Urteil, das er in allen Angelegenheiten bekundete, die sachgemäße Behandlung aller, auch der schwierigsten Gemeindefragen, waren dazu angetan, die Verhandlungen der Gemeindevcrtreter in Bahnen zu lenken, denen die fortschreitende Entivicklung der Kultusgemeinüe zu danken ist. Es ist deshalb nicht zu verwundern, daß alle Einrichtungen der Knltusgcmeinde, die in Gemeinschaft mit dem Rabbiner und den übrigen maßgebenden Faktoren geschafscn worden sind, als vorbildlich angesehen werden können: so unser herrliches Gotteshaus, der erbauliche Gottesdienst, der Religionsunterricht in den städtischen und Staatsschulen, der neue Friedhof und das einfache prunklose, aber würdige und eindrucksvolle Beerdigungswesen; die zahlreichen Wohltätigkeitsvereinc und Anstalten, welche, obwohl sie von der Gemeindeverwaltung rinabhängig sind, mustergültig ihren Zweck erfüllen — alle diese Einrichtungen sind unter der Leitung und Mitwirkung Jvsephthals geschaffen worden. Unsere Gemcindemitglicder verstanden ihn; auch diejenigen, welche in religiöser Hinsicht anders dachten, waren ihm von Herzen zugetan. Tic ihm jederzeit gezollte Verehrung fand einigemal öffentlich feierlichen Ausdruck; so überreichte ihm am <>. Januar 1894, an welchem Tage er das 44jährige Jubiläum seiner Tätigkeit im Dienste der Gemeinde feiern durfte, die Verwaltung namens der Gemeinde ein herrliches von Banernfeind-München hergestelltes Gemälde, das Innere unserer prächtigen Synagoge darstellend. An seinem 70. Geburtstag, 8. September 1901, wurde ihm eine künstlerisch gefertigte Adresse in einem kostbaren Schrein überreicht, welcher mit einem Bildnis, „Moses", von Meister Stuck- München gemalt, geziert ist. So wußte die Gemeinde Nürnberg den Mann zu ehren, der über 43 Jahre in ihrer Verwaltung, hiervon 40 Jahre als ihr Leiter und Führer, wirkte. Im Dezember 1909 trat Josephthal infolge seines hohen Alters und gebeugt durch den Plötzlichen Tod seiner geliebten und hochverehrten Gattin, die ihm in Familie und Amt eine hervorragende Stütze war, von seiner ihm liebgewordenen Stellung zurück. Die Verwaltung übertrug ihm als Zeichen ihrer Dankbarkeit für sein langjähriges, ersprießliches Wirken die Würde eines Ehrenvorsitzenden. Josephthal war ein zu weitblickender Geist, als daß er seine Tätigkeit nur auf seine Kultusgemeinde Nürnberg beschränken konnte. Das gesamte Judentum nahm sein Interesse in Anspruch, insbesondere die großzügigen Organisationen der deutschen und der Landesvereine der israelitischen Kultusgemeinden in Bayern. In ihnen sah er die Mittel und Wege, auf denen das religiöse, sittliche, wirtschaftliche und staatsbürgerliche Emporkommen der deutschen und der im Osten Europas wohnenden entrechteten und gedrückten Juden kräftigst gefördert werden konnte. Schon in der Mitte des vorigen Jahrhunderts erkannte Josephthal, daß die genannten Ziele nur durch den Zusammenschluß der deutschen KultuSgemeinden erreicht werden könnten, weshalb er sich mit Moritz Kohner, Jakob Nachod und anderen, die ihm im Tod längst vorangegangen sind, zusammenschloß und im Jahre 1869 den deutsch-israelitischen Gemeindebund und den damit zusammenhängenden deutsch-israelitischen Gemeindetag ins Leben rief. Dieser Vereinigung gab Josephthal Ziel und Richtung; lange Jahre bekleidete er die Würde des Vorsitzenden, und als solcher wirkte er durch seine hervorragende Organisationskraft und seinen Ideenreichtum schöpferisch und bahnbrechend. Erst im hohen Alter, als ihm das Reisen zu beschwerlich wurde, legte er dieses Amt, das er mit so großem und segensreichem Erfolg geführt hatte, nieder. Ungeschwächte Teilnahme und lebhaftes Interesse an den Bestrebungen des deutsch-israelitischen Gemeindebundes bewahrte er in der Zurückgezogenheit bis zu seinem Ableben. Auch den übrigen Organisationen — dem Verband der deutschen Juden, dem Hilfsverein der deutschen Juden, dem Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, Lessen einziges Ehrenmitglied Josephthal war — wandte er unausgesetzt sein lebhastes Jntevesse zu und war stets bereit, seine reichen Erfahrungen, sein Können und Wissen in den Dienst dieser Bestrebungen zu stellen. Die im Elend und in Bedrückung schmachtenden Glaubensgenossen im Osten verlieren in Josephthal einen der treuesten, mitfühlenden Helfer. Bei jeder Tätigkeit, welche der Hebung und Unterstützung dieser armen Gedrückten sich in Deutschland entfaltete, sei es eine Hilfsaktion des Hilfsvereins der deutschen Juden oder der Alliance Jsraölite, in deren Vorstandschaft er Sitz und Stimme hatte, stand er mit an der Spitze, und seiner immer erfolgreichen Werbetätigkeit ist es zu verdanken, wenn für diesen Zweck reichlich Mittel ausgebracht wurden. Der Landesverein der israelitischen Kultusgemeinden in Bayern, der sich der Ausgabe widmet, die kleinen und wenig leistungsfähigen Kultusgemeinden unseres engeren Vaterlandes behufs Erhaltung ihrer Kultuseinrichtungen, zur Besserstellung ihrer gering besoldeten Beamten, zur Ermöglichung des Religionsunterrichtes in der Diaspora zu unter-