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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-11-13 · Heft 46 (13.11.1914) · p. Seite 545

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 46 (13.11.1914)
Date
1914-11-13
Page
Seite 545 (sequence 5)
Language
German
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545 teils verwundet, und mehr als 100V Kanonen erbeutet worden sind, daß das österreichische Heer nicht mehr existiert, und daß nur einige Landsturnunänner übrig geblieben sind, die in den Kukuruzfeldern ilnd den Wäldern wie wilde Wölfe umherlungern und Hunger leiden. (Die Verfasser dieser Zahlenphantasie sind mittlerweile eines besseren belehrt worden.) Dann werden die „Brüder" aufgesordert, die russischen Soldaten, die als Befreier gekommen seien, mit offenen Armen zu empfangen, mtb ihnen die Aussicht eröffnet, daß der russische Zar „unser Zar" werden wird, und daß „wir eine russische Regierung haben" werden, und es werden ihnen die besonderen Vorzüge dieses Zustandes geschildert: „Wir russischen Bauern jenseits des Pruth," heißt es dann weiter, „die wir an euch diesen Appell richten, haben in unserem Gebiet bereits russisches Militär. Die russischen Soldaten verteilen jüdische Viehstücke und jüdisches Getreide unter uns, und die Juden flüchten und werden nicht mehr zurückkehren. Zum Schluß werden die Brüder aufgesordert, die österreichischen Gendarmen und die Juden wie tolle Hunde zn erschlagen oder den russischen Behörden zu übergebe Ni, sich von dem lange getragenen Joch zu befreien und freie Menschen zu werden." * Alls einem Artikel von Franz Servaes: Galizien in Wien ans der „Kölnischen Zeitung" sec nachstehendes abgedruckt: Nur vereinzelt in der inneren Stadt tauchen die Gestalten der laugbärtigen lind löckchengeschmückten Kaftanjuden auf, wie sie zahlreich genug vom Lande und aus den Kleinstädten Galiziens herübergeflutet und in Wien zum größten Teil in der Leopoldstadt beherbergt sind. Dies sind die wahrhaft Elenden und von der Kriegsfurie Heimgesuchten; es sind auch, die wahrhaft Bemitleidenswerten. Nur ein Teil von ihnen hat die Wienerstadt erreicht. Die größte Zahl derselben ist unterwegs liegen geblieben und weithin iur Lande verteilt worden. Vielleicht bekamen wir das größte Elend hier gar nicht einmal zu sehen, so schwer es fällt, ein noch größeres Elend sich überhaupt vorzustellen. Schmutz, Lumpen und Ungeziefer bedecken viele dieser Aermsten. Sie scheinen das nicht zu achten und stieren nur mit trockenen ausgebrannten Augen, stumpfen. Antlitzes, in ihren Jammer. Da sieht man graubleiche, ausgezehrte Gesichter, erschreckend abgemagerte Arme, jämmerlich zusanunengeknickte Leiber. Frauen, die ihre Kinder an sich pressen, als wollten sie sie auch jetzt noch vor grausamen Verfolgern beschützen. Greise, die irre um sich blicken und idiotisch lallen, als könnten sie sich von empfangenen Schreckvisionen nicht mehr trennen. Scheu und benommen geht man an solchen Schattengestalten vorüber; Scham schleicht sich uns ins Herz und mitfühlender Gram. Spricht man sie an, so starren sie stumm und brabbeln irgend etwas vor sich hin. Sie verstehen dich nicht und du verstehst sie auch nicht. Und plötzlich machst du dann Halt vor ein paar großen, glühenden, leiderfüllten Augen. Israels ganzes Wehsal und ganzer Anklagegeist blicken dich daraus an. Etwas Elementarisches liegt in solchem Blick, aus meist jugendlichen Gesichtern. Durch tiefste Verdüsterung spürst du etwas von starker und unzerstörbarer und darum ehrwürdiger Volkskraft. Als ich die Leopoldsstadt betrat, war es schon gegen Abend. Die ganze lange Taborstraße entlang schlich und krabbelte ein Gewimmel gekrümmter, -kaftanbekleideter Gestalten, die lebhaft, mit sorgenersüllten Gesichtern untereinander tuschelten, schier wie in einer fernen, halborientalischeu Stadt, in die sich dieser Teil Wiens allmählich zll verwandeln schien. Auch Weiber drückten sich dazwischen, doch nur wenige lind scheue. Sie waren alle ohne Schöne und ohne Putz; 'Arbeitssklavinnen-, nicht Huldinnen und Herrinnen — ach, wie unendlich verschieden von ihren oft so aufgedonnerten Schwestern in der unfernen Kärntner Straße. Kaum noch Angehörige desselben Voltes! Bor der Karmeliter Kirche, auf einem kleinen Platz, drängten sich besonders viele der Unglücklichen zusammen. Immerhin waren es die Auserlesenen, die hier sich ein Stelldichein gegeben hatten. Manche Gesichter von ausgesprochener Intelligenz; nicht wenige, auch jugendliche, mit Brillen. Die Hände auf dem Rücken verschränkt, wanderten die meisten auf und ab, ganz in ernste Gespräche vertieft; alle abgehärmt und dürr, doch nicht vollständig vernachlässigt. Um so proletarischer kam es mir entgegen, je mehr ich mich in die kleineren und schmäleren Seitengassen verlor, in denen die Massenquartiere der Aermsten sich befinden. Ueble Gerüche umwölkten mich, durch das Dunkel, innerhalb weniger Laternen, preßten sich schlotterige Erscheinungen. Vor einem mit einer Gastwirtschaft versehenen schmutzigen Haus spielten ein paar Kinder; sie lärmten und lachten wie solche glücklicher Stände, so sehr sie sonst von Hunger und Armut gezeichnet waren. Ich ging in das Haus hinein, das mir als Herberge vieler bezeichnet worden war. Ein schmaler Gang, eine düster gewundene Treppe, überall Geschrei und kreischende Unterhaltung; ein paar armselige alte Mütterchen wankten und tasteten sich stumm die beschwerliche Stiege hinauf. Ich folge ihnen und fand ein unansehnliches, unaufgeräumtes, muffiges Zimmer, in dessen Mitte an einem kahlen Tisch vier alte Juden mit langen Bärten saßen, während das Weibervolk an den Wänden sich auf Bänken drückte. Grüßend trat ich ein, Knoblauchdust schlug mir entgegen, und ich erkundigte mich nach irgendeinem aus Jaroslau, dessen Name ich mir erfand. Mißtrauischen Blickes musterten mich die Alten, doch blieb man höflich und gesetzt und bot mir, als das Gespräch langsam in Fluß kam, nicht ohne Zuvorkommenheit einen Holzstuhl an. Ich blickte in schwerdurchfurchte, scharfgezeichuete Schicksalsgesichter. Ein Fünfundsiebzigjähriger, der ein hebräisches Buch vor sich liegen hatte und ein besonderes Ansehen zu genießen schien, führte vor den anderen das Wort und fragte mich aus, wer ich sei. Als ich erwiderte, daß ich vom Rhein stamme, wiegte er bedächtig und wohlwollend das Hallpt und meinte, um den sei auch einmal ein Krieg geführt worden, 1870, da Hütten ihn die Deutschen sich von den Franzosen erobert. Ich klärte ihn auf, daß dies sich anders verhielte, und daß die Rheinländer immer Deutsche gewesen seien, und er nahm dies bescheiden und ungekrünkt als Belehrung entgegen. Hierauf erzählte er mir schreckliche Dinge aus seinem Heimatstädtchen bei Lemberg. Wie schrecklich, die Russen dort gehaust hätten, und wie sie weder Leben, noch Eigentum, noch Ehre geschont und selbst die empfindlichsten seelischen Folterqualen hilflos gefesselten Ehemännern roh zugemutet hätten. Gräßlich war, was er erzählte, doch er trug es ruhig und einfach, ein wenig mit der Sprache kämpfend, vor, wie etwas, das als völlig Abgeschlossenes hinter ihm lag. Er selbst hatte Hals über Kopf fliehen, Haus und alles im Stich lassen, ein eiligst zusammengerasftes Bündel auf dem Rücken schleppen müssen — so schnell waren die Russen daselbst erschienen. Fünfzig Kilometer weit hatte er sich zu Fuß des Weges geschleppt, der gebrechliche Alte, und war dann von der österreichischen Bahn ausgenommen und weiterbefördert worden. Seit Wochen bereits war er in Wien, aber er wollte jetzt weiter nach Berlin, wo ihm ein paar Kinder wohnten. Ein anderer, noch rüstigerer Jude mit klugem Gesicht und lebendigen Augen — er war aus dem schlachtberühmten Rawaraska — berichtete, daß er zwei Söhne im österreichischen Heere habe, von deren Befinden und Verbleib er schon fünf Wochen lang ohne Nachricht sei. Er lobte seinen Heimatsort und hatte Sehnsucht, bald dahin zurückzukehren. Aber freilich, er zweifelte, daß dies so bald schon der Fall sein könnte. Gustav Holkphthall). Königlich Bayerischer Advokat, Geheimer Hosrat und Justiz rat, gest. am 15. Oktober 1914. Von M. G o m b r i ch. ährend draußen im Feindesland der Donner der Kanonen dröhnt und Tausende unserer hoffnungsvollen Söhne ihr Leben für das Vaterland zum Opfer bringen, entschlief in der Heimat ein Mann, der sein Leben, das länger denn achtzig Jahre währte, dem Vaterlande, seinen Glaubensgenossen und den Institutionen in treuer, ersprießlicher Arbeit gewidmet hat — Gustav Josephthal. Mit ihm ist ein Weiser in Israel aus dem Leben geschieden, der ihm ein treuer Ratgeber, ein sicherer und wohlbedachter Führer war, der mit Begeisterung sein bedeutendes Können den hohen Aufgaben des Judentums zuwandte und stets für die Einheit desselben und die Ausgleichung der auseinanderh Vgl. das Bild in Nr. 44.

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