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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-11-13 · Heft 46 (13.11.1914) · p. Seite 544

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 46 (13.11.1914)
Date
1914-11-13
Page
Seite 544 (sequence 4)
Language
German
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544 die Arbeit von neuem an, und bei dem Schneckenternpo, in welchem die Lokal- und besonders die Militärzüge fahren, ist der Zeitverlust ein recht beträchtlicher. So kam es, daß ich am Vorabend-des Roschhaschonofestes, statt bei unseren braven bayerischen Truppen das Roschhaschonofest zu begehen, erst in Metz angelangt war. Es war interessant genug, diese Stadt gerade in Kriegszeiten kennen zu lernen; ihr Charakter als Festung und die Nähe der Grenze brachten doch den Krieg um vieles delltlicher zum Bewußtsein, als wir es im übrigen Reiche gewohnt ftub. Die Einwohner müssen viele Beschränkungen, zum Beispiel im Telephon- und Reiseverkehr, in Kauf nehmen. Darum aber ist es besonders erfreulich zu sehen, wie die Bewohner dieser Stadt, in der die meisten Bekanntmachungen deutsch und französisch erscheinen, nicht nur diese Beschränkungen und die Unbequemlichkeiten zahlreicher Einquartierungen gern auf sich nehmen und darüber hinaus den durchziehenden Soldaten mit offenen Händen Liebesgaben spenden. So sollen besonders unsere bayerischen Truppen beim Durchzug mit Eßwaren, Tabak und Wäsche geradezu überschüttet worden sein. So hat Metz, trotzdem man ans der Straße manches französische Wort hört und viele französische Firmenschilder liest, sich doch als gute deutsche Stadt bewährt. Daß ich auch in den Gemeinden viele ähnliche Beweise des Patriotismus und der Fürsorge für unsere Soldaten sehen konnte, hätte mich doch nicht ganz damit aussöhnen können, daß ich selbst am Feste untätig bleiben mußte: allein auch hierfür wurde mir ein kleiner Ersatz gewährt, ebenso dem Kollegen Chone aus Konstanz, den ein ähnliches Mißgeschick wie mich auf der Suche nach seinem badischen Armeekorps in Metz festgehalten hatte. Ein ungewohntes Bild bot der Festgottesdienst. Wenn jemand über dem Ernst des Festes den Ernst der Zeit hätte vergessen können — die große Zahl der Soldaten hätte ihn an das blutige Ringen draußen erinnert. Mindestens 200 Soldaten aller Waffengattungen waren hier zum Gebet versammelt. Vom jüngsten Rekruten bis zum bärtigen Landwehrmann, teils Neueiugekleidete, teils Verwundete, teils solche, denen man die Strapazen langer Märsche und der Schützengräben ansah. Wahrhaft herzerfreuend und erhebend aber war es, wie am Schlüsse des Gottesdienstes jeder, aber auch jeder Soldat, eine Einladung zum Essen erhielt. Einzelne Gemeindemitglieder hatten es sich nicht nehmen lassen, eine größere Anzahl von Soldaten einzuladen, so daß kein Soldat wegging, dem nicht Gelegenheit geboten war, den Festabend in einem Hause zu verbringen. Dieser so schöne Beweis von Gastfreundschaft wiederholte sich mit gleich herzlicher Selbstverständlichkeit am ersten tote am zweiten Tage; ich hörte es von mehreren Soldaten, wie dankbar sie erkannten, daß ihnen in dieser schweren Zeit ein Ersatz für das Familienhaus geboten wurde. Die Metzer Gemeinde hat sich hierdurch ein Recht nuf die Dankbarkeit auch der Angehörigen ihrer Gäste erworben, denn sie können das Bewußtsein haben, daß ihre Lieben zwar fern der Heimat, doch auch von Fürsorge und Festtagsstimmung mngeben waren. Ein anderer Beweis der Fürsorge, den die Metzer U. O. B. B.- Loge (Lothringer Loge) auch im Frieden den Soldaten ihrer Garnison auaedeihen läßt, konnten mir am zweiten Festtage beobachten. Am Vormittag hatte Kollege Ehone auf Einladung des Herrn Oberrabbiners Dr. Netter, unter Zustimmung der Gemeindevertretung, die Kanzel bestiegen und als Feldrabbiner insbesondere an die wieder zahlreich versammelten Kameraden zündende Worte gerichtet. Am Nachmittag führte eine Einladung der Lothringer Loge die Kameraden noch einmal bei Kaffee und Kuchen im Soldatenheim zusammen. Dies Soldatenheim, vor etwa drei Jahren von der Loge gegründet, bietet jedem Soldaten allsonntäglich einen angenehmen Aufenthalt. Neben dem schönen Logensaal gelegen, direkt von der Straße aus Zugänglich, enthält es zwei größere Räume, in denen die Soldaten lesen und spielen können, und wo ihnen Erfrischungen gereicht werden. Außerdem steht ihnen ein Schreibzimmer, eine Kegelbahn und ein Billard zur Verfügung. Ich bin nicht neidisch, aber dies schöne Soldatenheim der Loge erweckte doch meinen Neid: nicht nur ob des Schönen, was hier den Soldaten geboten wird, sondern vor allem als Vereinslokal, wie es so viele Vereine, insbesondere die Jugendvereine, dringend brauchen. Wer ein geradezu ideales Vereinslokal sehen will, dem seien die Logenräume in Metz empfohlen. Hierhin hatte die Loge die Soldaten am Nachmittag eingeladen, und mehr als 200 konnten hier von ihren Strapazen ausruhen. Da auch ein großer Teil der liebenswürdigen Gastgeber mit ihren Damen erschienen war, entwickelte sich bald eine gemütliche Plauderstunde, in der so mancher junge und ältere Kamerad von den Erlebnissen der letzten Wochen erzählen konnte. Vor dem Auseinandergehen aber vereinte uns noch einmal eine Feier im Logentempel, in der die Herren Vorsitzenden der Loge und des Soldatenheims die Soldaten begrüßten. Ich hatte die Einladung erhalten, bei dieser Gelegenheit eine Ansprache an die Kameraden zu richten, und wenn diese etwas ernster aussiel, als die Gemütlichkeit der Stunde es erforderte, so lag es daran, daß wir jetzt keinen Gedanken denken oder aussprechen können, der nicht an das Große rührt, dessen Zeugen wir sind. Am nächsten Morgen ging es weiter, den Truppen nach, nun im Wagen mit den Pferden, die mir die bayerische Heeresverwaltung zur Verfügung gestellt hatte, jeder Winkel des Wagens angefüllt mit Wäsche, die mir von den freundlichen Metzern für unsere braven Jungens draußen mitgegeben worden war. Dann ging's in Feindesland hinein. An endlosen Munitions- und Fnragekolonnen und an manchem Automobil mit Verwundeten vorbei, durch Dörfer, die mit Soldaten gefüllt sind. In der Ferne rollt Kanonendonner, und am Abend fahre ich über die Grenze, wo der französische Grenzpfahl int Graben liegt; dann das erste Nachtquartier in einent französischen Dörfchen, bei fretntdlichen Leuten. Wo werde ich am Jom Kippur sein? Vor 44 Jahren haben unsere Truppen Jom Kippur vor Metz gefeiert. Es war auch ein Erfolg ihrer Tapferkeit, daß wir diesmal Roschhaschono i n Metz feiern konnten; unsere Dankbarkeit aber gebührt denen, die dies Roschhaschono in Metz uns zu einem Fest gestalteten. Ueber das unmenschliche, haarsträubende Treiben der Russen gegen die Juden in Galizien und in der Bukowina werden verschiedene Nachrichten bekannt, die hier folgen mögen: In Warschau eingetrofsene Reisende wissen von großen Pogromen zu berichten, die in den letzten Tagen in Lemberg stattgefunden haben sollen. Danach wurden 50 angesehene jüdische Bürger von beit russischen Soldaten ermordet und viele andere schwer verwundet. Der polnische radikale Reichsratsabgeordnete Breiter wurde, als er einzuschreiten versuchte, verhaftet und soll nach Sibirien verschickt worden sein. Das „Prager Tagblatt" schreibt: Der Rabbiner von Zwittau (Mähren), Dr. Felix Kanter, sendet uns die Abschrift eines Feldpostbriefes ein, den er vor einigen Tagen von einem dem Sanitätsdienste zugeteilten jüdischen Soldaten ans Galizien erhalten hatte. Dieser Brief illustriert sehr drastisch die Liebe, die der Zar aller Reußen für seine „lieben Juden" empfindet. Das Schreiben lautet: „In T. haben die Russen alle Brücken gesprengt; die ganze Stadt ist verbrannt, sogar das Stroh von den Betten haben die Russell geraubt. Spione haben den Russen gezeigt, wo die Juden ihre Warell lmd ihre armselige Habe versteckt haben. Die Kosaken haben die Waren von der ganzen Stadt auf Wagen verladen und weggeführt, sogar die Regale haben sie zerbrochen und dantit die Stadt angezülldet. Nur die Schornsteine sind geblieben. Sechsundzwanzig Thorarollen sind verbrannt; alle Gotteshäuser und die große Synagoge sind eiugeäschert. Die Jllden flüchteten sich nach dem Fried- Hofe. Die Kosaken zogen die Juden nackt aus, auch die Frauen und Mädchen. Diese wurden von den Russen vergewaltigt. Manche erlitten dabei den Tod. Ein jüdischer Schenker (Gastwirt), der seine Frau vor der Entehrung schützen wollte, wurde von den Kosaken in Gegenwart seiner Frau niedergeschosseu. Hier ist kein Stückchen Brot zu bekommen. Nur was unsere Soldaten der Zivilbevölkerung geben, davon lebt sie. Mailche Flüchtlinge kommen schon zurück, sie finden aber niedergebrannte Häuser und leere Wände. Das Klagen und Jammern der jüdischen Bevölkerung ist nicht anzuhören. Die Zerstörung der Stadt geschah am ersten Tage des jüdischen Neujahrsfestes (am 21. September). In der Bukowina ist in den letzten Wochen von russischen Agitatoren ein Aufruf verbreitet worden, der angeblich von „griechischorthodoxen Bauern jenseits des Pruth" ausgeht. In diesem Aufruf, der mit der treuherzigen Anrede „Brüder!" beginnt, wird dem Volke erzählt, daß die Russen 500 000 österreichische Soldaten gefangen genommen hätten, daß mehr als 250 000 Oesterreicher teils gefallen.

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