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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-11-13 · Heft 46 (13.11.1914) · p. Seite 543

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 46 (13.11.1914)
Date
1914-11-13
Page
Seite 543 (sequence 3)
Language
German
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' -—- 543 —— Sie Woche. Berlin, den 10. November 1914. it einer Trauerbotschaft müssen wir beginnen: Tsingtau i st gefallen. Und doch bietet diese schmerzliche, übrigens seit einigen Tagen erwartete Nachricht Anlaß zur Freude über den unvergleichlichen Heroismus einer kleinen Besatzung, die gegen die Angriffe des ganzen japanischen Heeres, der japanischen und englischen Flotte die ihr anvertraute Stadt mit beispielloser Zähigkeit und einer an die größten Taten der Weltgeschichte erinnernden Kraft verteidigte. Was auch das Schicksal dieser Tapferen sein möge, ihr Name und ihre Tat sind mit goldenen Lettern in die Tafeln der Weltgeschichte eingegraben. Sonst ist mannigfacher Grund zur Freude vorhanden. Die deutsche Flotte hat einen herrlichen 'Sieg an der chilenischen Küste über englische Schisse errungen und dadurch das Dogma von der unbedingten Herrschaft der Engländer zur See zerstört; ein deutsches Schiff hat die Küste Englands selbst anzugreifen gewagt; im Westen und im Osten sind schöne Fortschritte gemacht, wenn auch noch kein entscheidender Sieg errungen. Aus dem letzteren Grunde verzichten wir auf die Mitteilung der einzelnen amtlichen Nachrichten und melden nur, daß England den Krieg gegen Aegypten durch die Absetzung des Khediven begonnen, daß es Palästina an verschiedenen Stellen angegriffen hat, daß verschiedene Kämpfe zwischen Rußland und der Türkei zu Wasser und zu Lande stattgefunden haben. Die Hoffnung, die feste Zuversicht der Deutschen aus einen endgültigen Kieg ist ungebrochen. Ein Umschwung in der Stimmung der neutralen Länder gegen England ist an vielen Stellen zu konstatieren; das Triumphgeheül der Gegner ist verstummt. Trotz gelegentlicher Beglückwünschungen, die zwischen Rußland und Frankreich gewechselt werden, erkennen beide Länder das Ernste, Gefahrdrohende ihrer Lage; England ist in seiner Zuversichtlichkeit stark geschwächt, und es fehlt nicht an Vorwürfen, die England und Frankreich gegeneinander erheben. Dagegen ist die Bundestreue Deutschlands und Oesterreich- Ungarns unerschüttert, und hoffentlich macht die Türkei sowohl Rußland als England mehr zu schaffen, als diese in ihrer Prahlerei zugeben, Deutschland hat sich nun auch entschlossen, sämtliche englische Staatsangehörige zwischen 17 und 55 Jahren in Ruhleben zu internieren: eine notwendige Repressivmaßregel gegen die unerhörte Behandlung, die den Deutschen in England zuteil geworden ist. Wir durchleben eine ernste, schwere Zeit, wir haben uns ihrer bisher in vollem Maße würdig gezeigt; möge unsere Kraft und Ausdauer uns zum endgültigen Siege führen. Uns wird geschrieben: K o n st a n z, 2. November. Nachstehende Schreiben, die der Stabsarzt d. R. Dr. 'S. Moos, Sohn des hiesigen Gemeindevorstehers, einer der Tapferen, die mit dem Eisernen Kreuz geschmückt worden sind, anläßlich des Heldentodes des Graveursohnes Ha sgall aus dem benachbarten Gailingen an seine Eltern gerichtet hat, geben ein erhebendes Bild von dem kameradschaftlichen und tiefreligiösen Geist, der unsere im Felde stehenden Brüder erfüllt und ihnen die Schrecken deS Krieges mildert. 20. 10. Soeben wird mir mitgeteilt, daß unser lieber Hasgall aus Gailingen heute' früh gefallen ist. Er war Krankenträger und mit der 12. Kompagnie vorgegangen, kam ins Schrapnellfeuer und war gleich tot. Für sein Grab zu sorgen ist mir Ehrenpflicht. Lieber Vater, tue mir den Gefallen und fahre zu seinen Eltern. Wir haben manchen Soldaten zusammen verbunden und gut gearbeitet. Mit Liebe hing er an den Seinen und sprach oft von ihnen. 21. 10. Wie ich auf der Karte schon schrieb, ist Hasgall gefallen. Er bekam einen Kopfschuß, der ihn sogleich und schmerzlos tötete. Bei Einbruch der Dunkelheit ließ ich ihn durch meine Krankenträger holen. Nachdem die Verwundeten alle besorgt und teilweise durch die Sanitätskompagnie abgeholt worden waren, begann das traurige Werk. Von: Verbandplatz aus setzte sich der Zug in Bewegung. Durch die stockdunkle Nacht ging es durch die arg zusammengeschossene Stadt zum Hospiz Jeanne d'Arc, voraus ein Mann mit Licht, dann zwei Sanitätsoffiziere (Dr. M. und ich), dann die Bahren mit den Toten, im ganzen sechs. Im Garten des Hospizes war schon das Grab eines unserer Leutnants. Daneben machten wir drei Gräber, links Hasgall, dann für zwei Mann der Kompagnie, schließlich für den Oberleutnant mit zwei Mann seiner 7. Kompagnie. Wortlos gruben die Leute; von der Sanitätsmannschaft des 3. Bataillons haben sich alle freiwillig gemeldet, das Grab zu bereiten. Mit dem Gesicht nach Misrach wurde er gelegt und dann sagte ich laut ein Kadisch, das alle feierlich mit anhörten. Heute, am anderen Morgen, haben die Kameraden das Grab mit Palmen, Buchsbaum und blühenden Pflanzen geschmückt. Ich habe eine Aufnahme der Grabstätte gemacht und will sie den Eltern schicken, den Nachlaß habe ich einstweilen an mich genommen. Es war gestern nacht eine feierliche, unvergeßliche Stunde, geweiht wie wenige, lieber das Begräbnis leuchtete die lohende Flamme brennender Häuser, die alles mit Purpurlicht übergoß. Bedauert von allen seinen Kameraden und Vorgesetzten liegt da in Feindesland ein Mann, der tapfer und unerschrocken seinen Dienst der Liebe und Hilfe versehen hat, und dem alle ein gutes Andenken bewahren werden. * Von geschätzter Seite geht uns folgende Zuschrift zu: Eine An frage. Unlängst las man in den Zeitungen, daß bei einem irgendwo auf dem westlichen Schauplatze am Jom Kippur abgehaltenen Gottesdienste in Ermangelung eines Rabbiners ein protestantischer Geistlicher die Festpredigt gehalten habe. Ein ehemaliger Schüler teilte mir in einem Feldpostbriese mit: An einem Gottesdienste konnte ich am Versöhnungstage nur im Geiste teilnehmen, aber ich habe gefastet und war andächtiger als jemals; dagegen hat einige.Tage später ein katholischer Geistlicher für meine Kameraden einen sehr erhebenden Gottesdienst abgehälten, an welchem ich mit Ergriffenheit teilgenommen. Bei solchen Mitteilungen wird man an die Verheißung erinnert. „An jeglichem Ort, wo du meinen Namen anrufest, will ich zu dir kommen und dich segnen." Aber die Frage ist doch am Platze: Wo sind unsere feldgrauen Rabbiner? Damit soll durchaus kein Vorwurf erhoben werden, denn wo die Herde zerstreut ist, kann der Hirte unmöglich überall sein. Aber wir möchten so gerne über die seelsorgerische Tätigkeit unserer Feldrabbiner etwas Näheres und Ausführliches erfahren. Kann niemand darüber Auskunft erteilen? Ein leider zu Hause Gebliebener. * Den nachstehenden Brief des Feldgeistlichen Dr. Baerwald entnehmen wir der Zeitschrift: „Im Deutschen Reich". Das hätte ich nicht gedacht, daß meine erste Tätigkeit in diesem Feldzug mit der eines Detektivs viel mehr Aehnlichkeit haben würde als mit der eines Feldgeistlichen. Mit welchen Schwierigkeiten es verknüpft ist, den Truppenteil zu finden, den man erreichen soll, das erinnert an die Arbeit eines Sisyphus, denn wenn man nach endlosen Fragereien den gesuchten Ort endlich festgestellt hat, dann ist, wenn man hinkommt, das Nest ausgeflogen; bei dem Schleier des Geheimnisses, in das die Truppenbewegungen gehüllt werden, sängt

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