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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-11-13 · Heft 46 (13.11.1914) · p. Seite 542

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 46 (13.11.1914)
Date
1914-11-13
Page
Seite 542 (sequence 2)
Language
German
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Wechselverhältnisfes zwifchen Gott und Menschen? In den Händen schlechter Pfleger, falscher Frömmler und Heuchler war sic von jeher die Geisel der Menschheit. Von ehrgeizigen, boshaften, selbstsüchtigen und neidischen Menschen wurde sie immer zwn Vorwand benutzt, ihre schnöden Ziele zu erreichen. Hören wir, was Spinoza, dieser sonnenklare, große Denker, darüber sagt: „Ich habe mich oft gewundert, wie Menschen, die sich rühmen, der christlichen Religion, also der Liebe, der Freude, dem Frieden, der Mäßigkeit und der Treue gegen jedermann, zugetan zu sein, vielmehr in Unwilligkeit miteinander kämpfen und täglich den erbittcrsten Haß gegeneinander zeigen können. Das folgt aber nicht aus der Religion, sondern aus der Gesinnung der einzelnen. Dieser Lebenswandel ist bei allen: Christen, Türken, Inden und Heiden, gleich. Als der Mißbrauch in der Kirche entstand, wurden gerade die schlechtesten Personen von der Leidenschaft erfaßt, die heiligen Aemter zu verwalten. Der Ehrgeiz und die Verbrechen haben es endlich dahin gebracht, daß die Religion nicht mehr in der Befolgung der Lehren des heiligen Geistes, sondern in der Verteidigung menschlicher Erfindungen besteht und daß die Religion nicht in der Liebe gefunden wird, sondern in der Aussäung von Uneinigkeiten unter den Menschen und in Ausbreitung des erbittertsten Hasses, der mit dem falschen Namen göttlichen Eifers beschönigt wird. Mit diesen liebeln verband sich der Aberglaube, welcher die Menschen Vernunft und Natur zu verachten lehrt und sie nur das bewundern und verehren läßt, was jenen beiden widerspricht." (Theologisch-Politischer Traktat.) Es ist anzuerkennen, daß die schweren Schäden, auf die Spinoza hier hinweist, dank der fortschreitenden Bildung und der Klärung der religiösen Begriffe, sich bedeutend gemildert haben. Beseitigt sind sie aber noch keineswegs. Sie erhalten sich in dem einen Lande mit mehr, in dem anderen mit etwas geringerer Zähigkeit. Von Katheder, Kanzeln und Schulen geht noch immer nicht der wünschenswerte Geist der freien, menschenwürdigen Duldsamkeit aus. Besonders beklagenswert ist es, daß gar oft in den Schulen, in unteren wie oberen, die Unduldsamkeit noch immer gepflegt oder doch zugelassen wird. Da liegt die Wurzel des sozialen Uebels: aus dem stillen, für den einen Teil bedrückenden Krieg der Kleinen uürd im Lauf der Jahre ein Krieg der Großen, eine konfessionelle Abneigung, ein Klassen- und Rassenhaß, eine Verschärfung des Jnteressenkampfes — ein Völkerkrieg! Der Ausklang dieser Tonleiter der Volksleidenschaften ist der völkermordende Donner der Geschütze, das Röcheln und Wehklagen der Verwundeten und Sterbenden. In keinem Lande zeigen sich die erwähnten schweren Schäden des Mißbrauchs der Religion durch Aberglauben, religiöse Heuchelei und Versolgungssucht in so krasser und erschreckender Weise als im heiligen Rußland, dem klassischen Lande der Pogrome, veranstaltet und begünstigt durch Vertreter der russisch-orthodoxen Kirche, Pogrome, durch deren Granenhaftigkeit die ganze Menschheit von Entsetzen erfaßt uürd. Bezeichnend für diese religiöse Heuchelei ist, was man vor wenigen Tagen in den Zeitungen lesen konnte, daß der Zar von Rußland, der neben seinen Verbündeten für den ungeheuren Massenmord in diesem Weltkriege den Hauptanteil der VerantN'vrtung trägt, viele Wagenladungen von Heiligenbildern nach dem Kriegsschauplatz bringen ließ, um sie an die Soldaten verteilen zu lassen. Es ist dies ein Seitenstück zu dem, was in einem der Romane von Tolstoi zu lesen ist, wie nämlich ein russischer Knecht, der, nachdem er ein Kind gemordet, dann mit Eifer sich bemüht, auf dem frischen Grab demselben ein Kreuz aufzupflanzen! Es ist kaum glaublich und doch wahr, daß der Krieg im allgemeinen auch seine Verteidiger, ja sogar seine Lobredner gefunden hat. Die Argumente für die Nützlichkeit des Krieges sind aber so armselig, daß man sie, wenn der Gegenstand an sich nicht so traurig wäre, belachen könnte. Der Krieg, sagt man, gibt Dichtern und Künstlern reichliche Gelegenheit zu neuen Produktionen. Bieten denn aber Friedenszeiten nicht eine unerschöpfliche Fülle zu solchen Produktionen dar? Er regt die körperlichen und geistigen Kräfte an, wird behauptet — fehlt cs denn aber im Ringen des täglichen Kampfes um das Dasein an einer Unmenge von Gelegenheiten, die geistigen und physischen Kräfte anzuregen und zu erhalten? Man spricht von den Anregungen des Mitleids und des Wohltätigkeitssinnes, die Kriege veranlassen. Fehlt es denn aber in den Zeiten tiefsten Friedens an Anlässen zur Herausforderung mildtätiger Hilfeleistungen zur Minderung der sozialen Drangsale, die täglich und stündlich in verschiedensten Gestalten uns vor Augen treten? Angesichts der unbeschreiblichen Vernichtung von Leben und Glück zahlloser Menschen, und gerade des Kerns und der Blüte der Nationen, angesichts der schweren Traner und unsagbaren Seelenleiden der Familien der Getöteten, Verwundeten und Verkrüppelten, und, was besonders schwerwiegend ist, im Hinblick nicht nur auf die Verwüstungen glänzender Kulturen, sondern auch auf die inneren Verwüstungen an Glauben und Gottvertrauen, an Wahrheit und Gerechtigkeit —, dann erscheinen die Anpreisungen dessen, was der Krieg Gutes mit sich führt, ungefähr so, wie wenn jemand eine blühende, volkreiche Stadt von einer gewaltigen Meeresflut wegspülen sieht und sich damit tröstet, daß die Meeresstuten schöne Muscheln nnd einige Perlen zurückgelassen haben. Man behauptet, der Krieg sei nach der ganzen Anlage der Menschennatur eine Notwendigkeit, also das Schicksal der Menschen. Das eben bestreitet die Religion auf das entschiedenste, weil der Mensch als moralisch sich selbstbestimmende Persönlichkeit die Fähigkeit besitzt, sich von der Knechtung durch die natürlichen Triebe und Leidenschaften zu befreien. Der würdigste Ausdruck dieses tatkräftigen, moralisch veredelten Menschentums ist dann aber der Zustand des lebensvollen Friedens, der unter Bekämpfung der rohen Leidenschaften und unter edler S e l b st b e s ch e i d u n g von allen herbeigeführt und erhalten werden soll. Darum preist die Religion, die selber der Inbegriff des Friedens ist, als höchstes Lebensglück der Menschen den Frieden an. Ihr Gruß ist Frieden, und ihr Segen ist Frieden: „Wie schön und lieblich ist's, wenn Brüder friedlich beisammen wohnen." „Um meiner Brüder und Freunde willen, begrüße ich dich mit Frieden." „Friede sei in deinen Mauern, Sicherheit in deinen Palästen." „Friede, Friede, dem Fernen, wie dem Rahen." „Der kostbarste Gottessegen ist der Frieden." „Die edlen Weisen sind Mehrer des Friedens in der Welt." Von dieser hohen Warte aus beklagt die göttliche Seherin Religion den Krieg und seine Greuel auf das bitterste und blickt sehnsuchtsvoll nach dem goldenen Zeitalter aus, dessen Erfüllung sie jetzt um so heißer herbeiwünscht: „daß sie schmieden ihre Schwerter zu Sensen, und ihre Speere zu Winzermessern; nicht erhebt mehr Volk gegen Volk das Schwert und nicht lernen sie fürder den Krieg. Dann wohnt ein jeder unter seinem Weinstock und unter seinem Feigenbaum und niemand schreckt." (Micha, Kap. IV, Vers I—IV.) Als Wahrzeichen der Annäherung dieser Zeit möge sich für Deutschland bei seiner gerechten Sache in diesem Weltkriege alsbald erfüllen das Wort der Schrift: „Siehe, dein König kommt zu dir, gerecht und siegreich, und erredetFrieden zudenVölkern." (Zacharia, Kap. 9, VerS 2.)

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