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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-11-13 · Heft 46 (13.11.1914) · page 1

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 46 (13.11.1914)
Date
1914-11-13
Page
– (sequence 1)
Language
German
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78. Jahrgang Nr. 46 Allgemeine Berlin, 13. November 1914 eitung des Judentums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint wöchentlich. A bonn eme nts-p i* et s; durch den Buchhandel oder die Post (in Berlin un0 Vororten durch unsere verlriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 M. — Postscheckkonto 324s Vegründet von Rabbiner Dr. Ludwig Philippson Unter Leitung des Geheimen Regierungs-Rats Professor Dr. Ludwig Geiger Verlag: Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46-49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgein. Zeitung des Judentums^, Berlin SW, Jerusalemer Straße <t6-$9, zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Unhrtff'- Religion und der Krieg. Von Rabbiner Dr. Lud- IßNLjUlL. wig Pick, Berlin. — Die Woche. — Gustav Jvsephtluil. Von M. G umbrich. — Gin jüdisches Wahrzeichen aus Alt-Wien. Von Rahel Edelstein-Fried mann, Wien. —'Feuilleton: Der neue Christ. Roman von Peter NjvLri. Uebersetzt von Rosa Trencseni. — Sprechiaal. Der si>erireindebote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums"). Berlin, Posen, Breslau, Glatz, Forst (Lausitz), Hamburg. Emmendingen. Budapest, Petersburg. - Von Rah und Fern. Die Orligion und der Krieg- Bon Rabbiner Dr. Ludwig P i ck, Berlin. s gibt im menschlichen Leben keine Gegensätze, die sich einander so streng ausschließen wie diese beiden: Religion und Krieg. Die Religion verbindet den Menschen mit Gott, mit allem, was heilig, edel und gut, was treu, rein und lauter ist; unter ihren milden Strahlen erwachen unsere Herzen zu liebender Vereinigung. Zwar hat die Religion, indem sie dies anstrebt und uns dazu erziehen will, etwas vom Krieg. Sie bekämpft den Eigennutz, die eigennützige Selbstliebe, die Grausamkeit, die Herzenshärte, das Unrecht und die niedrige Gesinnung. Aber ihr Kamps ist unblutig, erziehlich zwar streng, aber doch wieder so außerordentlich gütig. Wenn sie gegen uns zu -Felde zieht, so will sie nur unsere bösen Leidenschaften treffen, um uns vor deren bösen Folgen zu warnen und zu retten. Ihr Zorn ist Liebe, ihr Fluchen ist Segen, ihr Schelten ist Treue, in ihrer Drohung bebt die schmerzliche Sorge der Miltterliebe, um den Sohn von seinen Abwegen abzubringen. Man muß nur die Stimme dieser geistigen, seelenvollen Mutter des Menschengeschlechts, wie sie sich in der Heiligen Schrift vernehmen läßt, in stiller, ruhiger Stunde auf sich wirken lassen, um den Zauber ihrer Liebe zu verspüren und mit Rührung zu erkennen, wie selbst durch das harte Wort ihrer Züchtigung das heiße Gefühl mütterlicher Zärtlichkeit und Schonung hindurchbricht. Anders der Krieg. Er ist das Böse an sich, die Ausgeburt der Hölle. Er vernichtet das Leben Hunderttausender und zerstört das Glück von Millionen. Er verwüstet blühende Länder, unterbindet die Lebenspulse des Verkehrs und des Werkfleißes. Er säet ans unabsehbare Zeit hinaus Haß und Feindschaft zwischen den Völkern. Er ist der gefährlichste Feind der Menschheit. In seinem Gefolge treten Hungersnot, Pest, Krankheiten und Verstümmelungen aller Art aus. Er verbreitet Grauen und Verzweiflung um sich her, zerstört kostbare Werke der Kultur und raubt uns den Glauben an Gott und an die Menschheit. Es ist darum bezeichnend, daß die Heilige Schrift beim Aufbau eines Altars aus Steinen Eisengeräte zu verwenden verbietet — weil der Altar das Symbol liebender Verbindung zwischen Gott und Menschen und der Menschen untereinander ist, das Eisen dagegen als das der gewaltsamen Trennung gilt. Dementsprechend heißt es auch vom Tempel des Königs Salomo, daß beim Aufbau desselben kein eisernes Gerät gehört wurde. Die Religion soll nicht unter 'den Gesichtspunkt des Krieges, der aufreizenden Gehässigkeit. des Blutvergießens und der Verwüstung gestellt werden, sie soll mit K^iea und allem, was mit ibm zusammenhämst. keine Gemeinschaft baben. Das ist offenbar der Sinn dieser biblischen Bestimmung. mit der all^ wabrbaft reliaiösen und moralischen Menschen im tiefsten Grunde ihrer Seele sich in Ueberstnstimmung befinden. Um so mebr Müllen wir uns die Fraae vorleaen. warum dmin die Religion so gar k^ine durebareisende bestimmende Macht über die deinen der Menschen besitzt. daß die Völker schon bei verbältnismäßm wenia wichtigen Disserenten, bei denen es sich um äußere Besitztümer oder aar bloß um indirekte Vorteile handelt, in eine Krieassiimmnna aeaeneinander geraten, die den Geaner am liebsten aleich mit Stumvf und Ststl ansrotten und sein Andenken unter dem Himmel hinweg anslöschen möchte. Und der Flock dieser lauernden, aus dom .Hinterbalte bervorbreckenden Gebässiakeit ill um so größer, wenn sie, wie im gegenwärtigen Falle, sich gegen ein friedliches, kulturell hochstehendes Volk, wie das deutsche ein solches ist, wendet, das aus seinem tiefen moralischen Empfinden beraus den Krieg verabscheut, und nun unter bitteren Kefüblen sich genommen siebt, der frivolen Heranss-^-dernna seiner Feinde ui entsprechen und tur Verteidigung seines Lebens und seines Besitzes das Schwert nt neben. Wo bleibt in diesem mörderisch.^ Volkerringen die Religion? Hat sie die vor allem berufen ist. Erneberin des Menschengeschlechts m sein Hüne Stönme im Rate der Völker, daß es soweit kommen konnte? Scheint es nicht, als ob ihre Mackst nur soweit reichte, Kranke, schwer Verwundete und Sterbende mit Segnung und Tröstung m versehen, nicht aber auch ans die Leidenschaften Gesunder. Starker und Vollkräftiger zähmend, sittigend und aewisiensanregend einzuwirken? Hat sie es trotz der redlichen Arbeit vieler ibrer treuen Pfleger und Verkünder unter allen gebildeten Nationen nicht vermocht, mit dem Ruf: „G o t t w i ll e s n i ch t" das Gewissen derer, die den Krieg heraufbeschworen haben, aufznschrecken, die von den Leidenschaften des Neides und der Habgier geschwellten Seelen der Grey, Poincare und Nikolaus II. nmzustimmen, in der Furcht vor der Verantwortung vor dem Richterstuhle Gottes und der Menschheit, wenn durch ihr verhängnisvolles Unternehmen Hunderttausende dem Tode auf den Schlachtfeldern überliefert, hunderttausenden Müttern und Vätern die Herzen gebrochen und ungezählte Frauen und Kinder zu Witwen und Waisen gemacht würden? Wir antworten mit der Gegenfrage, ob man wohl jemals einen Gegenstand, ein Verhältnis, eine Erscheinung im menschlichen Leben angetroffen, die so mißbraucht worden wäre als gerade die Religion, dieser beseligende Glaube eines innigen

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