Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 45 (6.11.1914)
- Date
- 1914-11-06
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3224737-3229123-3229169--70855-3283224- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
WWDWW^ erlegen, die er am 25. September im Felde erlitten hatte. Eine zahlreiche Schar von Trauernden hatte sich in der blumengeschmückten Halle ei-ngefunden. Ihre Königlichen Hoheiten Prinz und Prinzessin Johann Georg — Seine Königliche Hoheit hatte ihn noch im St.-Iosephs-Stift durch einen Besuch allsgezeichnet und hoch erfreut — hatten den Eltern des allzu früh Verschiedenen ihre Teilliahme aussprechen lassen. Da der Heimgegangene als Unteroffizier d. R. des 9. königlich bayerischen Feldartillerieregiments gefallen war, hatte auch die königlich bayerische Gesandtschaft einen herrlichen Kranz gespendet. Zur Trauerfeier hatten außerdem Abordnungen der königlich sächsischen Artillerieregimenter Nr. 12, 48 und 78 und eine Vertretung der Verwundeten des St.-Josephs-Stifts sich eingefunden. Die Trauerrede hielt Rabbiner Dr. Stein von hier. Er schilderte in warmen Worten den schlichten Charakter des begabten jungen Helden. Nach ihm rief Hofschanspieler Paul Wiecke als langjähriger Freund dem Verstorbenen ein in Kleistschem Sinne gehaltenes, tief ergreifendes Lebewohl nach. Unter bcn Klängen Beethovenscher Musik schloß die ernst-würdige Feier. .1. A. Nürnberg, -39. Oktober. Seit Beginn des Krieges ist leider scholl der zweite jüdische Offizier aus Nürnberg auf dein Felde der Ehre gefallen, Herr Rechtsanwalt Dr. Justin Kühn, Leutnant d. R. und Kompagnieführer im 10. bayerischen Reserveinfanteriereginlent, welcher am 8. Oktober bei Arras bcn Heldentod starb. Der Genannte erfrellte sich hier der größten Beliebtheit und Wertschätzung sowohl bei seinen Kollegen, wie überhaupt tit der ganzen Stadt. Vornehmer Eharakter, schlichtes, bescheidenes und doch zielbewußtes Auftreten, liebenswürdige Umgangsformen waren die Grundzüge seiner Persönlichkeit. Er war nicht nur in seinem Berufe als Anwalt tüchtig und erfolgreich, sondern zeigte für alle anderen Gebiete, für soziale und ideale Bestrebungen ein reges und temperamentvolles Interesse. Insbesondere die Zeitbewegenden Fragen des Judentums fanden in Tr. Kühn einen eifrigen Förderer. Er war Schriftführer des Ortskomitees der „Alliance Jsraelite" und ein sehr tätiges Ausschnßlnitglied des „Vereins für die Interessen des liberalen Judentums". Als das Vaterland seine Söhne zu den Waffen rief, zog Kühn mit Begeisterung in bcn Kampf. Er hat als Offizier nicht nur feinen Platz voll und ganz allsgefüllt, sondern wiederholt heldenhafte Leistungen ausgeführt. In den Kämpfen in Lothringen hat Leutnant Kühn in einem schwierigen und gefahrvollen Waldgesecht mit seinem Zuge ditrch kühnes und entschlossenes Vorgehen drei Maschinengewehre erbeutet und die Bediennngsinannschasten nebst deren Offizier gefangen gellommen. Für diese Tat erwarb sich der Verstorbene das Eiserne Kreuz, das aber leider erst einen Tag nach sein ein Tod bei der Kompagnie eintraf. Ehre seinen! Andenken J. A. Nürnberg, 30. Oktober. Die j ü d i s ch e n Auge h ö r i g e u des in Belgien stehenden Landstnrmbataillons Nürnberg Nr. 6 hatten dllrch das Entgegenkommen des Bataillonskommandeurs Gelegenheit, am Versöhnungstalge einen Gottesdienst in St. Troud abzuhalten. Der Kommandeur hatte für diesen Zweck ein Zimmer in der belgischen Artilleriekaserne zur Versügullg gestellt, woselbst sich 25 Angehörige des Bataillons einfanden, die teilweise einen Weg von zwei bis drei Stunden zurückzulegen hatten. Als Vorbeter fungierte Herr- Kantor Theodor F r ä n k e l von der Nürnberger Kultnsgemeinde, dessen wunderbare Stimme alle Teilnehmer des Gottesdienstes in dieser eigenartigen Situation im Feindeslande entzückte rmd begeisterte. In Anbetracht der gnr Verfügung stehenden kurzen Zeit des Gottesdienstes wählte Herr Fränkel die schönsten Gebete für diesen Tag ans und trug dieselben in den traditionellen, von Lewandowsky vertonten Melodien vor. Das „Schema Jisroel", die Chorsätze der Kednscha, „Owinu malkenu" usw. wurden von den Betern voll tiefer Andacht mitgesungen. Zwischen Schacharis und Musaf hielt Heer Oberleutnant d. L. und Kompagnieführer David Oberndorfer, Mitglied der Nürnberger Kultusverwaltung, eine Zeit lind Fest betreffende Ansprache. Er wies auf die kriegerischen Ereignisse hin, welche die Veranlassung boten, daß der höchste und heiligste Feiertag der Juden in so merkwürdigem Rahmen und mitten im Feindeslande abgehalten würde. „Die israelitischen Soldaten stehen mit ihren christlichen Brüdern und Kameraden draußen im Feld, um dem Vaterlande treu bis in den Tod zu dienen, wie es unsere Religion von uns verlangt. Möge der Allmächtige unserer gerechten Sache den Sieg verleihen und uns alle in nicht allzu ferner Zeit zu den Unseren zurückkehreu lassen." Mit diesen: Wunsche schloß Herr- Oberleutnant Oberndorfer feine Rede. Alls die Zuhörer haben lg diese Worte sowie der Gottesdienst eine tiefe und herzerhebende Wir- \} kung ansgeübt. Herrn Kantor Fränkel wurde von seiten der!! Kameraden allgemein herzlicher Dank zunr Ausdruck gebracht. j; §2 Ahlem bei Hannover, 30. Oktbber. Seit nunmehr acht jr Wochen ist das R e s e r v e l a z a r e t t der israelitischen Erz i eh u n g s a n st a l t z u A h l e m mit seinen ca. 80 Betten voll be- \ legt. Die Verwundeten erholen sich dort sichtlich und nehmen schnell '! an Körpergewicht zu. Hierzu tragen nicht wenig die günstige Lage des? Grundstücks, die prachtvollen Balkons und die weiten Gartenanlagen! bei, die von den Verwundeten, soweit sie dazu in der Lage ftnb, fleißig! zu Spaziergängen benutzt werden. Dank dem Entgegenkonunen des ' j Herrn Dr. med. E a r o - Hannover konnte eine medikomechonische j Station eingerichtet und dem Lazarett somit ein weiterer Heitsattor j gewonnen werden. Den Verwundeten wurde manche Freude und An-! regllng geboten. Hannoversche Künstler, Musiker, Opernsänger, Rezi-! tatoren sowie Instrnuientalverellttgungeil und Gesangvereine wett-! eiferten in den: Bestreben, den tapferen Kriegern angenehme Stunden j Zn bereiten. Eine ganz besondere Freude wurde den Verwnmdeten j. durch den Besuch der Frau Generaloberst v. H i n d e n b n r g zuteil. f Unter Führung des leitenden Arztes, Medizinalrat Dreves, und der j' Kommission zur Errichtung des Hilfslazaretts, Frau Marie v. A l t e n , j. Herrn und Frau Sartorius R h e i n h o l d, Herrn und iyrmt R ose - m a n ii nnd Herrn und Frau Direktor S i l b e r b erg, besichtigte Ihre Erzelleuz, die in Begleitung der Gräfin Erayenberg erschienen! war, die Einrichtungen des Lazaretts. Ans-eine Ansprache des Direktors; j Silberberg, die in einem Hoch ans den um sein Vaterland so ver- . s dienten Generaloberst und seine Familie endete, dankte Frau v. H in- I denburg sichtlich erfreut und versprach, ihrem Gatten von den im Ahlemer Lazarett verlebten Stunden zu berichten. Eine von Ihrer Exzellenz in Aussicht gestellte Wiederholung des Besuches wird den N Verwundeten Ehre und Freude bereiten, denn die liebenswürdige, gütige ' : | Weise der Gattin unseres Hindenburg ist von tiefem Eindruck bei allen im Lazarett Anwesenden geblieben. Schwei?. — Zürich, 30. Oktober. Das hier erscheinende „Israel. Wochen-; blatt" veröffentlicht in Nr. 43 folgenden Brief eines jüdischen Kriegsgefangenen ans England. Der Brief, in englischer Sprache geschrieben, ist von Herrn Bruno Kahn an seinen inzwischen verstorbenen Vater, Rabbiner Kahn in Heilbrvnn, gerichtet. j Früh Hill, Cnmp Frimley. „Sieben Tage sollt ihr in Hütten wohnen." Wie oft habe ich au diesen Satz kürzlich denken müssen: denn schon feit Ende August wohne ich hier mit Hunderten von deutschen kricgsgefangenen Leidensgenossen in Hütten oder vielmehr Zelten. Es sind meistens Männer in militärpflichtigem Alter, die von der englischen Regierung an der j Abreise verhindert worden sind. Ein großer Teil derselben wurde! zuerst nach Olympia gebracht, einem ungeheueren zirknsartiaen Gebäude, in dem sonst Ausstellungen. Pferderennen usw. abgehalten zu werden pflegen. Später wurden wir alle hierher transportiert, in! ein großes Zeltlager, das durch Stacheldrahtzäune von der Außen- : Welt geschieden ist. lieber die Behandlung und Verpflegung können j wir uns nicht beklagen. Es gereicht mir zur ganz besonderen Freude, j Euch mitteilen zu können, daß den jüdischen Kriegsgefangenen die Er- - l lanlmis erteilt wurde, den „Jom Kippur" den Traditionen unseres j Glaubens gemäß zu feiern. Ein großes Zelt wurde für den Gottesj dienst bereitgestellt, nnd ein junger Rabbiner, Rev. L. Morris, kam J speziell von London, um den Gottesdienst zu leiten. Wir waren im j ganzen 26 Inden, nnd Ihr könnt Euch leicht denken, wie wir uns alle I fühlten unter diesen Verhältnissen. Während der „Maskir nesckoj maus"- und „Ilnesaneh-Tankef"-Gebete blieb kein Auge trocken. Die . I Londoner Syuagogenhanptgemeinde versorgte uns mit Gebetbüchern; und Tnlesim, die loir zum Andenken behalten dürfen. Ich fann Euch versichern, keiner von uns wird je diesen „Jom Kipplir" ver-; gesfen, nnd wenn wir auch 100 Jahre alt werden sollten. Die wachthabenden Offiziere und alle anderen Gefangenen behandelten uns während des Feiertags mit dem größten Respekt, ja, mit ganz besonderer ' Höflichkeit, und es gereichte mir zur großen Genugtuung, daß zwei jüdische Soldaten, die in Frankreich voll den englischen Truppen Zli Kriegsgefangenen gemacht wurden, die Erlaubnis bekamen, in unser Lager hinüber zu kommen, um am Gottesdienst teilzunehmen. Die Namen derselben sind B. Seelig aus Bennebeck, Minden in Wests., nnd Hermann Baehr ans Haaren, Kreis Büren. Zum Anbeißen