Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 45 (6.11.1914)
- Date
- 1914-11-06
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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hatten wir Kaffee, Heringe und Butterbrot — gmig wie zu Hause — und später Suppe, Braten, Obst und eine lang entbehrte Zigarette. Grsterreich-Angsrn« K. Wien, W. Oktober. Der Chefarzt des hiesigen Militürspitales, Ir. Silber m ark, zog sich vor einiger Zeit bei der an einem verwundeten Soldaten vorgenommeuen Operation, die glücklich verlief, eine Infektion zu und mußte selbst ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen. Während der Krankheit Dr. Silbermarks hat der Kaiser zweimal Erkundigungen über das Befinden des Patienten einziehen lassen und auch bei seinem Besuche im Neservespital Nr. 2, der vor einigen Tagen stattsand, wiederholt nach Dr. Silbermark gefragt. Im übrigen ist Dr. Lilbermark fast gänzlich hergestellt, und er dürfte seine ärztliche Tätigkeit bald wieder aufnehmen. — Die letzten Verlustlisten meldeten den Tod zweier hervorragender Militärs mosaischer Konfession, des k. t. Oberstleutnants Adolf F l e ck e r und des Bataillonskommandanten Major Krau s. Oberstleutnant Adolf Flecker wurde gleich nach Ausbruch des Krieges zum Kommandanten des Landwehrinsanterieregiments in Stanislan ernannt. Er fiel inmitten der Schlacht au der Spitze seines Regiments auf dem Felde der Ehre. Der Verblichene blieb trotz seiner hervorragenden Stellung dem Judentum bis zu seinem heldenmütigen Ende treu ergeben: mail fand bei ihm, wie die „Nene National-Zeitung" meldet, eine Mesusa. ein hebräisches Gebetbuch und die Photographie seiner greisen Mutter. Major Emanuel Kraus siel aus dem Felde der Ehre ain 10. September im Alter von 50 Jahren. Mit der ungarischen Fahne in der Rechten stürmte er vorwärts an der Spitze seiner Truppen. Plötzlich wankte er. Eine Kugel hatte diesem Helden die Kehle durchbohrt. Von Major Kraus wird erzählt, daß er aus die Aufforderung seiner Freunde, die Taufe anzunehmen, geantwortet habe: „Abgesehen von dem seelischen Bande, mit welchem ul) mit meiner Religion mich verknüpft fühle, würde ich es auch für äußere Vorteile nicht wert finden, überzutreten. Ich habe die Erfahrung gemacht, daß in unserer Armee die Apostasie für die Offiziere keinerlei Vorteile hat. Im Gegenteil: der Getaufte wird als Streber angesehen, und seinem Vorwärtskommen würden sich aus diesem Grunde sowohl auf militärischem wie auch auf gesellschaftlichem Gebiete viele. Hinderj nisse in den Weg stellen. Mir ist meine Konfession auch nicht eine Mij nute lang im Wege gestanden." Goldene Worte, die es verdienen, verbreitet zu werden. Diese Antwort gereicht aber auch unserer glorreichen Armee zur Ehre und zum Ruhme. Von Mh und jfem. --- Der I ü d i s ch - l i b e r a l c I u g e n d v e r e i n Berlin hat beschlossen, infolge der Kriegswirren seine Winterarbeit vorläufig nicht aufzunehmen. Aus dem Vereinsvermögen sind dem „Berliner Tageblatt" IM Mark für Wollsachen und dein Magistrat von Berlin 75 Mark zur freien Verfügung überwi,esen worden. Ein größerer Betrag lvurde für Liebesgaben für die im Felde stehenden Vereius^ mitglieder zurückgestellt. - Herr Moritz La ske r , seit sechzig Jahren in Galveston ansässig, Bruder des verstorbenen Abgeordneten Eduard Laster, hat seiner iu Berlin wohnenden Schlvester 4000 Mark zur Verteilung an deutsche Soldaten mib burd) den Krieg in Not geratene Familien geschickt. Ueber das Geld ist dementsprechend verfügt worden. 'Aus den: begleitenden Schreiben geht hervor, daß die anfänglich durch die Presselügeii unserer Feinde gegen Deutschland ungünstig beeinflußte Stimmung in Amerika zu unseren Gunsten umgeschlagen und daß man drüben jetzt über die wahren Ursachen dieses Krieges und über seinen Verlaus besser unterrichtet ist. ~ Aus Bromberg wird uns berichtet: Ein Opfer seines Berufes wurde der Sanitätsrat Dr. Max Simon. Er hatte sich bei seiner ärztlichen Tätigkeit im Reservelazarett Kriegsschule anläßlich eines operativen Eingriffs eine Blutvergiftung zugezogen, deren Folgen er erlag. Sanitätsrat Dr. Simon war früher lange Zeit in Schulitz tätig und verlegte vor mehreren Jahren seinen Wohnsitz nach Bromberg. - Die Gründung einer Kriegskreditbank für den Regierungsbezirk Bromberg ist nunmehr erfolgt. Stellvertretender Vorsitzender ist Handelskammerpräsident Geheimer Kommerzienrat A r o n s o h n. Zu-n Vorstände gehört Stadtrat F r i e d l a e n der. — Aus Posen wird uns geschrieben: Der Schwiegersohn des hiesigen Kantors Gordon, Lehrer und Chorleiter Godlewskh in Kattowitz, welcher infolge des Krieges zum Lazarettinspektor in Neiße ernannt worden ist, hatte an den hohen Festtagen in der Kaserne daselbst einen Gesamtgottesdienst für die jüdischen russischen Gefangenen geleitet. Unter den gefangenen Soldaten befanden sich auch 15 jüdische Militärärzte, Die jüdische Gemeinde Neiße hatte dafür Sorge getragen, daß in entsprechender Zahl Gebetbücher zur Verfügung standen. Auch für Talessim und rituelle Requisiten war gesorgt. - Ebenso fand ein Gefangenengottesdienst in dem nicht weit von hier gelegenen Biedrusko (Truppenübungsplatz) statt. Ungefähr sechzig jüdische Soldaten nahmen daran teil. Der Kultusbeamte aus Bentschen, welcher zur Fahne einbernfen ist, fungierte als Vorbeter. - Rechtsanwalt Dr. Ernst Heilborn in Breslau, der als vermißt gemeldet lvurde, ist bei Rawa-Rnska am 9. September verivmidet worden und geriet in russische Gefangenschaft; er liegt zurzeit in einem russischen Lazarett. — AusGleiwitz wird uns geschrieben: Der hiesige Großkaufmann Herr Hermann Gnttmann hat dem Verein ehemaliger 22er.den Betrag von 300 Mark zur Verfügung gestellt für dasjenige Vereinsmitglied, das sich während des Krieges besonders hervorgetan hat. Die Auszahlung soll erst nach Beendigung des Feldzuges erfolgen. — Herr Rabbiner Dr. Reinhold Lew in, zweiter Rabbiner der Israelitischen Religionsgemeinde in Leipzig, ist zum Feldrabbiner für die Königlich Sächsische Armee ernannt worden und geht demnächst ins Feld. — Aus Bleicherode wird uns geschrieben: Wilhelm Beyth, der Sohn unseres Mitbürgers Fritz Beyth, hat wegen Tapferkeit vor dem Feinde und wegen seiner guten Leistungen für das Regiment, Brigade und Division am 8. v. M. das Eiserne Kreuz erhalten. Herr B. trat am 1. August niit seinem Friedensdienstgrad als Offizierstellvertreter in das 1. Bataillon Grenadierregiment Nr. 110, Mannheim, ein. lvurde am 4. September bereits zum Verpflegungsofsizier befördert und am 12. Oktober mit der Verpflegung für die Division betraut. — Der Oberst vom Infanterieregiment Nr. 25 sandte nach der „Köln. Zta." den Eltern des Hch. Hertz, der als Rekrut die von den Franzosen den Deutschen genommene Fahne in der Nacht wieder abnahm und für diese Tat zum Unteroffizier befördert wurde und auch das Eiserne Kreuz erhielt, als Anerkennung für die tapfere Tat ihres Sohnes 50 Mack. — Dem Einjahrig-Freiwilligen Unteroffizier der Feldartillerie Max Rosenfeld, Sohn des Kaufmanns Albert Rosenfeld in Bühl, wurde von Seiner Königlichen Hoheit Großherzog von Baden für große Tapferkeit die goldene Verdienstmedaille verliehen. — Wegen tapferen Verhaltens vor dem Feinde wurde der jüdische Oberleutnant Konrad S a ch s e l der 27. österreichischen Landwehrinfanteriediviston (aus Prag) vom Divisionär belobt und zum Kompagniekommandanten ernannt. — Die große Synagoge in Bels, in der alljährlich tausende Chassidim mit dem dortigen Rabbi gemeinsam den Gottesdienst verrichteten, ist ein Schutt- und Trümmerhaufen geworden. Kosaken haben sie von Grund auf zerstört. Der berühmte Rabbi ist noch rechtzeitig geflüchtet. Er kam nach Munkacs, von wo er nach Budapest fuhr, um dort im Kreise seiner imglücklichen Leidensgenossen die Festtage, die diesmal wahrhaftige Jomim uoroim lvaren, zu verleben. — Ans Petersburg wird gemeldet: Der Unterrichtsminister lehnte ein Gesuch des Rektors der Petersburger Universität ab, 25 jüdische Abiturienten sowie 18 jüdische Studenten, die bisher im Ausland studiert hatten, über die für die Juden festgesetzte Prozentnorm hinaus zum Studium an der Universität zuzulassen. — Von den Ländern, die durch den Krieg in schwere wirtschaftliche Bedrängnis gekommen sind, ist, nach einer Schilderung, die der Rabbiner Dr. I. Horowicz im „Israelit" gibt, Palästina vielleicht am ärgsten mitgenommen. Schon dadurch, daß jeder überseeische Verkehr mit Ausnahme einer geringen Zuftihr aus Italien aufgehört hat. Es fehlt daher an Mehl, Zucker, Spiritus, Hülsenfrüchten — alles Produkte, die Palästina sonst regelmäßig aus Europa und Amerika bezogen hat. Paketpost- und Geldverkehr sind offiziell geschlossen; die Post verkehrt nur noch unregelmäßig. Die jüngsten, schon vor fünf Wochen datierten Berichte aus Jerusalem, sind herzzerreißend. Es herrschte schon damals eine Hungersnot in der heiligen Stadt, von der tausende Familien bedroht sind. Die Wafsernot war schon früher sehr fühlbar, doch hatte man gehofft, daß Vorkehrungen getroffen werden, uni diesem Uebel vorzubeugen. Infolge des Krieges ist leider auch diese Aktion im Sand verlaufen. Verantwortlicher Redakteur: Albert Katz iu Berlin-Pankow, Florastratze 58. Verantwortlich für den Anzeigenteil: Max Fahrnlander, Neukölln. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin.