Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 45 (6.11.1914)
- Date
- 1914-11-06
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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78. Jahrgang Nr. 45 Berlin, 6. November 191* Der Gemeindevote. Vrllagr zur „Allgemeinen Leitung deK IudentnmK". korrrlponven-tn und Aschrichten. Skutschland. Berlin, 3. November. Am 22. v. Di. hielt Herr Kapellemeister E d u tt r b L e v y im Verein für jüdische Geschichte und Literatur im Oberlichtsaal der Philharmonie'einen Bortrag über „Jüdische Musik und Musiker". Bon dem Standpunkt ausgehend, das; der höhere Wert eines Volkes und seine Lebensdauer in der Geschichte der Menschheit abhängig sei von'dein Niveau, ans dem es in Künsten und Wissenschaften stände, beleuchtete der Vortragende das Verhältnis der Juden zur Kunst der Musik, als speziell derjenigen Kunst, in der das Genrütsleben, die Denk- und Empfindungsweis-e einer Gemeinschaft besonders stark zürn Ausdruck gelange. Er beleuchtete dieses Verhältnis nach drei Richtungen hin, und zwar in der Frage nach der Existenz und Art einer jüdischen Musik in der Zeit der politisch-historischen Selbständigkeit der Juden in Palästina, in der Frage nach dem Ausdruck eines typisch jüdischen Wesens in der Musik überhaupt, und drittens in Hinsicht auf Fähigkeiten und Leistungen der Juden seit der Befreiung aus dem Ghetto, also in Deutschland seit zirka 100 Jahren, ans musikalischem Gebiete. In längeren Ausführungen legte der Vortragende dar, daß zwar im jüdischen Altertum zweifellos viel Musik getrieben wurde er belegte dies mit Bibelstellen , das; wir aber über die Art ihrer Musik so wenig lote über die Musik irgend welcher alten Völker etwas wissen können, da uns keine Dokumente hierüber erhalten sind. Die Annahme, die jüdische Synagogenmusik sei uralten Ursprungs, erklärte er ans Gründen der Pietät und Tradition, während er an dem Beispiel des Kol Nidre nachzuweisen suchte, daß sowohl äußerlich historische wie innerlich musikalische Gründe dafür sprächen, daß es seine heutige allgemeine Gestalt aus der nach und nach erfolgten Aufnahme fremder musikalischer Elemente aus den Ländern, in denen die Juden im Mittelalter sich völliger Bewegungsfreiheit erfreuten, gewonnen habe, und so alles das, was wir bisher unter jüdischer Musik inr Synagogenkult verstanden haben, zum mindesten seinen Ursprung nur in sehr zweifelhafter Weise aus uralten Zeiten herleiten könne. Auch ein typisch jüdisches Wesen in der Musik ließ der Vortragende nur in religiöser Beziehung, als der einzigen, in der die Inden heute noch eine geschlossene Gemeinschaft bilden, gelten. Musik sei der Ausdruck des innersten Temperamentes und Empfindungslebens, und dies bilde sich nach und nach vornehmlich durch Einwirkung der Natur, Klima, Bodenbeschaffenheit usw. und gemeinsamen politischen Erfahrungen. Alles das hätten di>e Juden seit 2000 Jahren verloren; sie wären als Künstler in ihrem spezifisch künstlerischen Ausdruck nur Angehörige der Länder, die sie seit Generationen bewohnen; sie schrieben als deutsche oder italienische Juden nur deutsche respektive italienische Musik. Auch diesen Standpunkt belegte der Vortragende mit zahlreichen Beispielen. Im dritten Teile aber brachte der Vortragende eine Fülle von Beweisen für die hervorragende Befähigung und Betätigung der Juden als Musiker in den letzten 100 Jahren im Dirigenten-, Virtuosen- und Komponistensache. An den Namm Hermann Levy, Gustav Mahler, Felir Mendelssohn, Giacomo Meyerbeer, Jacques Offenbach, Anton Nubiustein, Joseph Joachim wies der Vortragende, unter Hinweis aus die lebhafte und bedeutende Teilnahme der Juden in der Gegenwart mit musikalischen Treiben, die Genialität, den sittlichen Ernst und die Tiefe der jüdischen Befähigung auf diesem Gebiete nach. Alle seine Ausführungen wurden aufs vortrefflichste unterstützt durch eine Anzahl gesanglicher Gaben der Konzertsängeriu Frau G i n a G o e tz - L e v y , die sich des lebhaftesten Beifalls eines sehr zahlreich erschienenen Publikums erfreuen' durste. Auch der Vortragende erntete reichliche Anerkennung für seine interessanten und lehrreichen, allerdings etwas reichlich bemessenen Darlegungen durch intensiven Applaus am Schluß seines Vortrages. — Berlin, 3. November. Unter regster Beteiligung der Kollegen und Kriegskameradschaft wurde kürzlich der fast dreißig Jahre im Dienste der hiesigen jüdischen Gemeinde tätig gewesene Bureauchef der Steuerabteilung, Herr Sallh Salinger, zu Grabe getragen. Anläßlich des Besuches des Kaisers in der Synagoge in der Fasaueastraße ivurde er von diesem besonders ausgezeichnet. Se. Majestät erwähnte damals anerkennend die militärische Tüchtigkeit und große Pflichttreue des einstigen Unteroffiziers, der zur Zeit in dem Regiment des obersten Kriegsherrn diente, als derselbe noch Oberleutnant war. Ein treues Charakterbild des Verstorbenen entwarf Herr Rabbiner Dr. Weiße in längerer Trauerrede. Er erwähnte ein Kondolenzschreiben des Oberbefehlshabers der Marken v. Kessel an die Witwe des Verschiedenen, in dem derselbe mit dern Ausdruck der herzlichsten Anteilnahme des treuen kameradschaftlichen Sinnes gedenkt, den ihm der Verstorbene nach fast elfjähriger Dienstzeit auch in seinem bürgerlichen Beruf bewahrt hat. Daran schloß sich der ergreifende Vortrag des „El mole Rachainim" durch den Oberkantor Stnbinsky. Die Klänge des Mendelssohnscheu „Es ist bestimmt in Gottes Rat", ausgeführt vom Chor der Synagoge in der Oranienburger Straße, der auch die Feier mit einem Choral einleitete, gaben deu Abschluß der Trauerkundgebung. — Unter großer Beteiligung fand kürzlich aus dem Friedhof in Weißensee die Beisetzung des ersten in Berlin verstorbenen jüdischen Kriegsteilnehmers statt, des Reservisten Sallh Perlmann, der den int Osten erhaltenen Verwundungen im Berliner Lazarett erlegen war. Die jüdische Gemeinde entsandte zur Beisetzungsseier Vertreter des Vorstandes sowie Herrn Rabbiner Dr. E s ch e l b a ch e r , der in ergreifenden Worten deu Lebensgang und das heldenhafte Sterben des tapferen Kriegers schilderte. Nach ihm ergriff Herr Prediger G i l l i s aus Königsberg i. Pr. das Wort zu einem ergreifenden. Nachruf. Unter dem Geleite der Regimentsfahne wurde der Verstorbene ans einem besonderen, von der jüdischen Gemeinde hergerichteten Ehrenfelde als erster Krieger beigesetzt. Berlin, 3. November. Das Eiserne Kreuz erhielten: Der Sohn des verstorbenen Herrn Emil Mosse, Herr Rudolf S. M o s s e, der gleichzeitig zum L e u t n a n t b e f ö r d e r k wurde. Assistenzarzt d. R. im Infanterieregiment Nr. 64, Dr. med. Paul Me her- Berlin, Dr. Erich Aschenheim, Sohn des Stadtrates Leopold Aschenheim-Charlottenburg, Kaufmann Robert Neumann, Kaufmann Martin Rosenberger, Dr. Erich P o l l a ck - Charlottenburg, Stabsarzt Dr. Karl Tietz, Schwiegersohn des Geh. Sanitätsrats Dr. Julius Stern, des stellvertretenden Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde zu Berlin, Assistenzarzt Dr. Felix Caro, Regierunasbaumeister Julius Bär w a l d , Oberarzt Dr. Friedl ü n der, Dr. Adalbert H e u s ch e l, Augenarzt Dr. Wilheltn M ü h s a m , Stabsarzt Dr. Paul R o s e n st e i n , Assistenzarzt Dr. Walter Krön, Sohn des bekannten Berliner Nervenarztes Gebeimrat Dr. Hermann Krön, Augenarzt Dr. Rudolf P a d e r st e i n, Oberapotheker M a r c u s , Erich L ö w c n h e r z , Berlin, Erich Grätzer, Charlottenburg, Stabsarzt im 1. bayerischen Reserve- Armeekorps Dr. M. Heinemann, Siegfried Rosenberg, Erich Falk, Siegfried Wartenburg, Frankfurt a. M., Oberarzt der Reserve Dr. Siegfried Golds ch m i d t, Inhaber des Taunus-Sanatorium in Bad Homburg v. d. H., Oberarzt Dr. uted. Hugo H ans, Gerichtsassessor Dr. Georg H a r t nt a n n , Berthold G u t t m a n n , Heinrich Joachim Auerbach, Dr. med. Martin' B i b e r st e i n , Dr. med. Arnold Fuchs, Breslau, Fleischermeister Fedor Badrinn Myslowitz, letzterer hat auch einen schwer verwundeter! französischen Offizier aus der Schlacht getragen: Leo Bloch, Sohn des Kultusbeamten S. Bloch-Krojanke, der Einjährig-Freiwillige Gefreiter Referendar L v e lv y in Posen, Sohn des Justizrats Loewy-Erin, Vizefeldwebel Gustav Levi, Angestellter der Firma Gebrüder -Heidenheim - Köln, Dr. Siegm. Hei che lh e i m, Frankfurt am Main, Regiments- und Stabsarzt im 81. Jnfauteriereaimeut; Leutnant im 120. Infanterieregiment, cand. uted. Albert E ck st e i u , Illut, Adolf B r a u d e Bierstadt bei Wiesbaden, Hermann G u th e i m , Fritzlar, Dr. Paul I a c o b i, Sahn, Lehrer Salli N n ß b n u in , Zimmersrode. Die gleiche Auszeichnung erhielten: Dr. Felix W a s s e r m a n n , Unteroffizier im dritten bayerischen Reserve-Jufanterieregimeut, Sohn des Kommerzienrats Karl Wassermann in München, Unteroffizier Israel Koschland aus Fürth, Dr. Berthold Kronacher aus