Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 45 (6.11.1914)
- Date
- 1914-11-06
- Page
- Seite 540 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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1 J ki > H '^A *U *1 »• .W^- -- 540 - etwa erfahren sollen, daß. sie einmal Juden waren. Aber es kamen auch (Hegenstimmungen. Einmal glaubte sie ihre Mutier zu erblicken. Sie sah die verschrumpste, alte Judenfrau mit dem feierlichen Lächeln auf den welken Lippen, sah die Spitzenhaube, die ihre Stirn umrahmte, sah, wie sie am Tischende mit gefalteten Händen vor den brennenden Kerzen und Oellichtern stand, und sah, wie diese beiden zitternden Hände sich erhoben, über den Kerzen einen Kreis beschrieben, als ob sie allen Glanz des Sabbats umfassen wollten, indes ihr Mund leise Gebete murmelte. Und irgendein warmes Wogen kam in Agnes Marias Herz, und irgendein funkelnder, weicher Nebel senkte sich auf ihre Seele. Und wie im Hälbschlafe erhob sie sich, ging mit langsamen, feierlichen Schritten zum Schrank, entnahm diesem das weiße Kleid und die weiße Haube: die Freitagabendtoilette. Dann ging sie zum Spiegelschrank, nahm die beiden dreiarmigen Silberleuchter und stellte sie sanft, behutsam auf den Tisch hin, wie ehemals. Mit den Augen aber suchte sie Gott und fand ihn dort, wo früher der Rabbi von Wilna aufgehängt war. Agnes Maria blickte ihn zuerst mit starren Augen gedanken- und verständnislos an, dann erschauerte sie, stieß einen lauten Schrei aus, bekreuzigte sich und rief: „Jesus Maria!" Tann faßte sie den einen Leuchter und schlug ihn zornig zu Boden. Sie wollte auch den zweiten hinschlagen, aber sie besann sich, weil schon der erste dadilrch Schaden gelitten hatte. Lieber nahm sie nun beide Armleuchter und eilte mit denselben in die Hauskapelle, um sie unter zerknirschenden Gebeten der Jungfrau Maria zu widmen. Bon nun au hoffte sie gegen die gefährlichen Sabbatversuchungen gefeit zu sein. IV. Ter Glaubensabfall der Littauerschen hatte unter den Juden von Letöce Verwirrung und Ueberraschung hervorgerufen. Tiefe Leute hielten fanatisch zu ihrer Religion und wußten gar nicht, was sie von der Sache eigentlich denken sollten. Sie konnten nicht begreifen, daß wer sich zu den andersgläubigen Vornehmen dränge, die Auserwühltheit seines Stammes aufgebe, auf alle die Ehren verzichtete, die ihm unter den Seinen zuteil geworden feien. An Wochentagen hatten sie keine Zeit, über die Sache zu sprechen. Erstickt gärte der Zorn in ihnen. Aber als sie Freitag die Werktagsarbeit und die Werttagssorgen von sich geworfen hatten und sich im Bade versammelten, um sich für den heiligen Sabbat zll reinigen, da machten sie sich in Spott und Jornesreden Luft. Etwa fünfzehn hatten sich dort eingefunden. Sie setzten sich an den Rand des großen Wasserbeckens, tauchten ihre Füße in das warme Wasser ein und schauten einander lange wortlos an. Tie Sache war heikel, und deren Erörterung erforderte ein -erprobtes Indizium, denn wenn man nicht das Wort findet, welches die Empörung am besten, am treffendsten ausdrückt, und wenn diesem Worte die Schattierung überlegenen Bedauerns und Verachtens fehlt, so zieht sich der Betreffende aller Unwillen zu. David Gutlohn war der Reichste unter ihnen; sie warteten auf seine Aussprache. Dem Flickschneider Bernhard Troges fiel das stille Zuwarten am allerschwersten. Doch aus Schicklichkeitsgründen beherrschte er sich, blickte erwartungsvoll auf David Gutlohn, dessen unfehlbare Weisheit sich zuerst äußern sollte. Auch Gutlohn schaute ihn an, und ein Strahl des Verständnisses blitzte aus seinen kleinen Augen dem anderen entgegen. Na, dachte Bernhard, jetzt weiß ich schon, was Herr Gutlohn über Littauer denkt. Er strich seinen langen Spitzbart glatt, blickte umher und sagte im Tone eines entscheidenden Urteilsspruches: „Nebech!" (Der Aermste!) Die Leute maßen Bernhard mit wütenden Blicken. Wußte er über den Menschen nur soviel zu sagen, dann hätte er lieber schweigen sollen. Nur Herr Gutlohn konnte das richtige Wort finden, denn er war der Reichste unter ihnen. Und wirklich wußte David Gutlohn, was er von der Sache zu sagen habe. Er blickte auf die Glaubensgenossen, dann spie er mit tiefer Ueberzeugung in das Becken. Was wahr ist, ist wahr: markanter konnte man die öffentliche Ueberzeugung nicht ausdrücken. „Herr Gutlohn hat recht," sprach zustimmend Fleischer Buchsbaum, der von Gutlohn eine Kuh gekauft hatte und ihm den Preis schuldig blieb. „Hat er vielleicht nicht recht?" riefen jetzt sechs auf einmal, und um zu dokumentieren, wie sehr sie Herrn Gntlvhns Meinung teilten, spien auch sie in das Becken. „Geharget soll e warn!"') erleichterte sich Reb Salme, der Schächter. „Der Kelew schebekluwn!"h E so e niemand!" „Io, jo!" bekräftigte Mojsche Essigsieder. „E Gaj müs e sein! Gewehnk wur e dezü!"B „Und gerade vor Purim," seufzte Reb Salme. „Ist denn das nicht alles eins," fragte Herschi Platz. „Ihnen ist es alles eins," sprach betrübt der Schächter, „mir ist es nicht alles eins. So ein Glück kann auch nur ich haben." „Was hat Ihnen denn jener Meschümed an Purinft) geschickt?" „Was? Was er mir geschickt hat? Einen Sack voll Mehl hat er geschickt urtb einen Truthahn. Dann hat er einen Liter Wein geschickt und zehn Pomeranzen. Und in der Weinflasche war kein Stöpsel, sondern eine Zehner-Banknote. Das war ein Herr! Das war ein Balbos!"^) „Eine gute Kolik auf ihn und auch auf Sie, wenn Sie so reden!" polterte Gutlohn, der sehr gut wußte, worauf der schlaue Schächter anspielen wollte. «Na na, Reb Dnwed!" beschwichtigten ihn die anderen. „Der Schächter meint es ja nicht so." „Ganz gut weiß ich, was der Schnorrer") meint. Einen Truthahn braucht er, was? Und was noch? Ases mechüzef Ponem!"J Reb Salme machte sich ganz klein und gab keinen Laut mehr von sich. Es ist nicht gut, mit den Mächtigen anzubinden. Gutlohn wetterte weiter fort: „Was hat er an dem Littauer zu bedauern? Wer war denn der Littauer? E schäne Kapazität echleben. Ein hergelaufener Mensch war er. Ein Polak war er. Ein ungarischer Jude wäre zu so etwas nicht fähig. So niedriggesinnt kann nur ein Polak sein. Schon, als er hierher kam, war er so. Er kam im Kaftan und im Streiml?) und kaum war er bei uns warm geworden, da wollte er schon Neolog werden." (Fortsetzung folgt.) h Totgeschlagen soll er werden! -) Der Hund aller Hunde! h Erzogen ist er dabei! 4) Fasching. An diesem Tage tauschen die Wohlhabenden Gaben aus und die Armen werden beschenkt. h Gemeindemitglied. 6) Bettler. 7) Anmaßender! 8) Polnische, pelzverbrämte Mütze.