Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 45 (6.11.1914)
- Date
- 1914-11-06
- Page
- Seite 537 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Deshalb wollen wir lieber zu den Verfolgten als zu den Verfolgern gehören; nicht sprechen, wie er mir getan, null auch ich ihm tun, und gegenüber dem schändlichen Gebaren der Feinde die Lehre der Alten beherzigen: Die Schmach erdulden und nicht schmähen, die Schimpf hören und nicht erwidern, die die Menschen lieben und der Schmerzensprüfung sich .erfreuen, von denen heißt es: „Die Gott lieben, sind wie die Sonne, die in ihrer Pracht hervorgeht." Zu Dir aber, o Vater, beten lvir: Schütze unsere heldenhaften Kämpfer vor Grausamkeit und schändlicher Behandlung; laß den Gedanken der Gerechtigkeit und Menschenliebe in den Menschenherzen wach werden. Du hast uns alle zur Selbstheiligung berufen, mögen die niedrigen Triebe schwinden im Menschen und das bessere Selbst in ihm zur-Herrschaft gelangen, möge in Erfüllung gehen, worum wir an unseren Festtagen so innig gebetet, daß der Frevel seinen Mund verschließe, die Gewalttat wie Rauch schwinde und Du hinwegführen mögest die Herrschaft des Uebermuts von der Erde. Mögen alle Menschen einen Bund bilden, Deinen Wunsch zu erfüllen mit ganzem Herzen. — Du lichtverklärter Geist, dessen sterbliche Hülle lvir jetzt zur ewigen Ruhestatt geleiten, schwinge. dich auf in jene Höhen, wo Gottes Nähe thront: Bor dir ziehe einher, lvas gut an dir gewesen, und die Gnade Gottes nehme dich ans. Amen." Prof. Dr. Jacob Bartl) | Jacob Ißarttj. | etwa 45 Jahren wurde einem Primaner des Gymnasinms in Karlsruhe die vom Großherzog Friedrich gestiftete goldene Medaille des Fichtepreises überreicht für den besten Vortrag Wer Fichtes Reden an die deutsche Nation. Dieser Schüler war Jacob Barth, der spätere außerordentliche Professor der semitischen Philologie in Berlin. Die hervorragende Begabung, die den jungen Mann schon in so frühen Jahren anszeichnete, führte ihn später zu Erfolgen, die auf ganz anderen Gebieten lagen. Im Anfang fühlte er Neigung zum Rabbinerberuf, da er aus einer frommen Familie in Flehingcn in Baden stammte und schon von frühester Jugend an Unterricht in Bibel und Talmud genossen hatte. In dieser Absicht kam er nach beendeter Schulzeit nach Berlin und bezog das hiesige Rabbinerseminar. Aber er erkannte bald selbst, daß seine Fähigkeiten ihn nach anderer Richtung hinwiesen. Er wandte -sich dem Studium der orientalischen Sprachen zu und hörte bei den Altmeistern dieser Wissenschaft, Fleischer in Leipzig und Noeldeke in Straßburg. Bereits mit dreiundzwanzig Jahren wurde er durch den Rektor I. Hildesheimer als Dozent an das Rabbinerseminar berufen. Er ließ sich bald darauf als Privatdozent an der Berliner Universität nieder, und im Jahre 1880 wurde der nennundzwanzigjährigc Gelehrte zum außerordentlichen Professor ernannt. Seither wirkte er in ununterbrochener Lehrtätigkeit an beiden Instituten. Was Jacob Barth als Mann der Wissenschaft geleistet hat, bewegte sich ans verschiedenen Gebieten. Seine Hauptarbeit galt der Grammatik der semitischen Sprachen. Hier schrieb er seine bedeutenden Werke: das „Kitab el Mich", das er nach mehreren Handschriften heraiisgab, die „Nominalbildung in den semitischen Sprachen" und die „Etymologischen Studien zum semitischen, insbesondere hebräischen Lexikon". Daneben zeugen zahlreiche Abhandlungen in verschiedenen Zeitschriften von seiner eminenten Kenntnis dieses Wissenszweiges, in der ihn niemand ttb-ertraf. Dadurch, daß er die einzelnen semitischen Sprachen miteinander verglich, beleuchtete er den Bau der Wortfvrinen und erschloß die Bedeutung unbekannter Ausdrücke. Welch riesige Kenntnisse allein dieses Wissensgebiet erfordert, erkennt man aus der bloßen Aufzählung der Sprachen, -die er kannte. Er beherrschte außer den verschiedenen neueren Sprachen, die er selbstverständlich las, und dem Lateinischen: Hebräisch, Aramäisch, Syrisch, Arabisch, Abessinisch, Assyrisch und die neueren arabischen Dialekte. In seiner Bescheidenheit liebte er es, sein Wissen geringer darznstellen, als es war. Anf einem Lrientalistenkongreß kam er mit einem Araber zusammen, dem er bemerkte, daß er nicht N e n - arabisch sprechen könne, woraus dieser in die erstaunten Worte ausbrach: Der Herr spricht Arabisch und behauptet, er könne es nicht. Außer der Grammatik beschäftigte er sich mit der Literatur der semitischen Völker: er gab den ersten Band des berühmten arabischen Historikers Tabari und den Divan des Dichters Kutami heraus und behandelte in seinen Vorlesungen an der Universität neben dem Koran arabische Dichter und Geschichtsschreiber. Immer weiter zog er den Kreis seiner Forschungen. Noch in späteren Jahren legte er sich auf das Studium des Assyrischen und verglich, wie früher die Sprachen, auch jetzt die Sitten und Gebräuche der verschiedenen Völker miteinander. Dem Ausgangspunkt seiner Forschung, dem Studium der hebräischen Literatur, blieb er zeit seines Lebens treu. Er erklärte in seinen Vorlesungen die rabbinischen Literaturwerke, darunter den Talmud und die Schriften des Maimvnides, besonders nach sprachlichen Gesichtspunkten. Er befaßte sich mit der Exegese der Bibel, und die Beiträge zur Erklärung der Bücher Jesaja und Hiob geben auch nach außen hin Kunde von dieser Arbeit, der er einen großen Teil seiner Tätigkeit als Lehrer widmete. Seine Exegese war nicht rhetorisch schwungvoll und wollte nicht durch Einfälle blenden, aber sie war gediegen und gründlich, klar und einleuchtend. Jeder Hypothese