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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-11-06 · Heft 45 (6.11.1914) · p. Seite 535

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 45 (6.11.1914)
Date
1914-11-06
Page
Seite 535 (sequence 7)
Language
German
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535 hierbei nicht bloß auf dieBeantwvrtung >der Frage, wie der Krieg wirtschaftlich durchzuhalten sei, sondern auch und vornehmlich darauf an, wie -die Zerstörung wirtschaftlicher Werte durch den Krieg verhindert werden könne. Welche Verluste aber drohten nicht dem deutschen Kapital mit dem Momente, wo die Türkei als Gegner Rußlands und Englands auf den Plan tritt! Denken wir doch nur an die Bagdadbahn, deren Betrieb, wenn nicht gar deren Existenz in Frage gestellt erscheint, sobald die Engländer durch den Persischen Golf und die Russen über den Kaukasus in Kleinasien einen Einfall machen. Das könnte Len deutschen Kapitals- und Wirtschaftsmarkt unter Umständen weit empfindlicher treffen als eine verlorene Schlacht. Schließlich hat ja die Türkei, die Konjunktur ausnutzend, mit der Aufkündigung der Kapitulationen sich bereits Vorteile zu verschaffen gewußt, wie sie sich ihr aus einem siegreichen Feldzug kaum je ergeben haben würden. Zu einem Krieg dürfte es somit in der Türkei wohl schwerlich kommen. Aber das hindert freilich nicht, daß dort die Schrecknisse des Krieges in aller ihrer Schärfe und Unheimlichkeit von der Bevölkerung ausgekostet werden. So wäre wenigstens zu wünschen, daß man hierbei (wo alles das doch nur einen Ausfluß der Vorgänge in Europa bildet) auch etwas von jener Wucht und erhabenen Größe, wie wir sie soeben überwältigend in Deutschland erlebt haben, als Niederschlag zu spüren bekommt. Der kaiserliche Ausspruch: „Ich kenne keine Parteien mehr", sollte hinfort als Kanon aller Bestrebungen, als Richtschnur aller Handlungen gelten. Wer in der Tat, der vom Geiste dieser herben und starken Zeit innerlich nur irgendwie berührt worden ist, vermöchte nun noch sich durch die kleinen und kleinlichen Schranken, die sonst die Menschen voneinander trennten, in seinen Entschließungen bestimmen zu lassen? Und in diesem Sinne sollten auch die Juden der Welt das Beispiel eines einheitlichen, vom gleichen Gedanken beseelten und in allen Teilen in sich geschlossenen Ganzen bieten. Mögen sie die Situation begreifen lernen und alle Vorurteile, die sie bisher entzweiten, und alle Zwistigkeiten, die vielfach ihre Arbeit so unersprießlich machten, zu beseitigen trachten; mögen sie endlich die Zeit nutzen und in der Förderung des Gesamtwohls allein ein ihren Bestrebungen würdiges Ziel zu erblicken suchen. Im Zwielicht malen phantastisch sich die Dinge in der Türkei. Es ist ein bangenvoller Zustand, bei dem man sich nicht recht zu sagen weiß, ob er in die Dämmerung hinübergleitet, ob er zu hellem Sonnenschein emporführt . . . Slum. d. 9i>cd. Dieser Artikel ist vor längerer Zeit geschrieben, konnte jedoch aus äußeren Gründen nicht früher gebracht werden. Inzwischen sind Ereignisse eingetreten, die in mancher Hinsicht zu de» Ausführungen des Verfassers, namentlich soweit sie die politische Situation betressen, im Widerspruch stehen. Bekanntlich war die Türkei einer der Staaten, die gleich nach dem Ausbruch des großen Krieges sich für neutral erklärt haben. Wir haben allen Grund zu der Annahme, daß es ihr mit dieser Neutralitätserklärung durchaus ernst war. Bei den so außerordentlich verwickelten Zuständen ließen sich freilich nicht alle Momente voraussehen, und es traten bald Bedingungen ein, die stärker waren als der menschliche Wille, und alle Staatsknnst über den Hansen warfen. Nun haben wir den Krieg, der die Lage zwar ungeheuer erschwert, aber gerade dadurch hoffentlich auch zu ihrer schnelleren Klärung beitragen wird. Wir glaubten die Ausführungen des Verfassers unseren Lesern nicht vorenthalten zu sollen, auch wenn sie inzwischen durch die Tatsachen überholt worden sind. Lwri patriotilchr Kundgebungen. I. m Sonntag, den 18. Oktober, am Tage der Schlacht von Leipzig, fand in Danzig eine vaterländische Kundgebung statt, die als ein eindrucksvolles Zeichen des Einigkeitsgeistes, der der gegenwärtigen Lage des Vaterlandes not tut, besonders sympathisch zu begrüßen ist und überall im Deutschen Reich Nachahmung verdient. Auf eine Anregung der Kriegshilfe für Danzig hatten sich die geistlichen Vertreter der drei Religionsbekenntnisse vereinigt, um zu einer vieltausendköpfigen Zuhörerschaft zu sprechen. Die Rede des Herrn Rabbiner Kälter, obwohl sie wie alle die anderen Ansprachen ohne Effekthascherei gesprochen war und absichtlich im Gebetton endete, wurde mit einem besonderen, kaum endenwollenden Beifall ausgenommen. Sie lautet: Unglück selber taugt nicht viel. Aber ’§ hat drei brave Kinder: Kraft, Geduld und Mitgefühl! Unsere Kraft in Gott, unsere Geduld durch Gott und unser Mitgefühl im Namen Gottes, des Gottes, der stark ist in den Guten und erbarmungsvoll in den Mitleidigen. — Wenn es ein Wahrzeichen gibt für die göttliche Bedeutung und Grüße einer Zeit, dann wird dieses Wahrzeichen bestimmt von der Größe und Art des Mitgefühls, das in ihr lebendig ist. Ein Krieg wie der, der unsere Zeit durchlvht, wird nicht aus den Schlachtfeldern allein und nicht nur mit Kanonen und Gewehren entschieden, sondern die sittlichen Kräfte, die im ganzen Volke leben, sind nicht weniger unentbehrliche Faktoren des endgültigen Sieges. Unter diesen sittlichen Kräften steht in erster Reihe das Mitgefühl. Dieses Mitgefühl hat, kaum daß des Kaisers Ruf an sein ganzes Volk ergangen, alles Trennende und Unterscheidende weggespült aus unserem Volksleben, hat unter dem Geröll der Alltagsgedanken und Sonderwünsche die blinkenden Goldkörner des Zartsinns, der Opferbereitheit, des Füreinandereinstehens bloßgelegt in den Herzen. Die Männer, die jetzt unermüdlich ain Werke sind, daß Handel und Wandel nicht stocken, daß Ruhe und Gesetzlichkeit aufrechterhalten werden — unsere Frauen und unsere Jungfrauen, die ihre warmen Herzen und ihre weichen Hände den Wunden des Krieges weihen —, unsere Kinder, die ihre Sparpfennige und ihren Fleiß hergeben, um unseren braven Truppen die Rauheiten des Lagerlebens 311 lindern —, uns alle, alle, die wir nicht gewürdigt find, mit der Waffe zu kämpfen, umschlingt ein einziges, heiliges Fühlen, das nach Namen und Stand, nach Bekenntnis und Rang nicht fragt, ein Fühlen, das als Morgengebet und als Abendsegen uns nur die eine Bitte aus dem Herzen drängt: „Nimm du uns an die Hand, geliebtes Vaterland, und führe uns zum Opferdienst an deinen Altar, damit wir uns nicht schämen müssen vor denen, die ihr Blut für uns hingeben, daß wir nicht erröten müssen bei dem Gedanken an die Gräber, die draußen irgendwo im Feindesland manch teures Leben decken." Ja, an dem Heldentum, das anden Grenzen des Vaterlandes in unerhörter Größe sich offenbart, möchten wir, die wir zurückgeblieben sind, teilhaben — Helden möchten wir sein und können wir sein, Helden im Helfen und Helden im Heilen! Ans die Armee der freiwilligen Helfer und Helferinnen, auf unsere Hilfsorganisation, die wie aus dem Boden gestampft dem Vaterland in der Stunde der Not erstand, dürfen wir Deutschen ebenso stolz sein wie auf die Schlagsertigkeit und die Wucht unserer Heere. Unsere Hilfe spricht zu denen, die der unerbittliche Schlachtentod ihrer Ernährer beraubt hat: „Kommt, ihr Witwen und Waisen, ihr seid nicht einsam und verlassen. Ganz Deutschlands Arm umschlingt euch, um euch aüfrechtzuerhalten im Leben!" — Unsere Hilfe nimmt die an der Hand, die der Krieg aus Brot und Beruf gerissen, und weist ihnen neue Arbeit, neues Brot. Unsere Hilfe eilt denen entgegen, die von Haus und Hof flüchten mußten, damit sie die Wochen der Heimatlosigkeit leichter bestehen können — unsere Hilfe sendet Liebesbotschaft hinein in die Reihen unserer Heere, damit in jedes Kämpfers Brust

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