Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 45 (6.11.1914)
- Date
- 1914-11-06
- Page
- Seite 534 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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584 behaupten: gar nichts. Aber das sind wohl Nörgler, aus deren Gerede man nicht viel geben darf. Konstantinopel ist eine Stadt, in der alles entweder sehr geräuschvoll oder in größter Heimlichkeit geschieht. Allein Verschwiegenheit ist noch immer der Diplomaten überlegene Kunst . . . Besagte offiziell-zionistische Vertretung begann nun, als der Sprachenkampf zum Ausbruch kam, sich Plötzlich zu regen und eine lebhafte Tätigkeit zu entfalten. Das war verfehlt. Ein ganz auf die äußere Politik eingestellter Apparat durfte bei innerpolitischen Fragen nicht zur Verwendung gelangen. Es müßte sonst zu einem verhängnisvollen Ressortübergriff kommen. In der Tat blieb auch der Erfolg gänzlich aus. Niemand in Konstantinopel wollte vom Kampfe etwas wissen. Selbst unter den Zionisten — und zu dieser Erklärung bin ich von Herrn Tr. Markus direkt aufgefordert worden — verweigerten die einsichtigeren jedwede Gefolgschaft und dachten mtd) im entferntesten nicht daran, dem Hilfsverein Fehde anzusagen. Es hätte allerdings der Konstantinopeler Judenheit schlecht angestanden, sich in einen solchen Kampf einzulassen. Die mit Kulturgütern nicht gerade reich gesegnete jüdische Bevölkerung Konstantinopels ist vielfach erst vermittels der Hilfsvereinsanstalten dazu gekommen, eine moderne Schulbildung zu genießen. Je mehr aber sich die Erkenntnis Bahn bricht, daß die Zukunft des Volkes im wesentlichen von seiner geistigen Erziehung und Ausbildung abhängt — und nie zuvor war die lleberzeugung von der Notwendigkeit einer kulturellen Hebung der Massen in der Türkei so stark und weit verbreitet wie in unseren Tagen —, desto mächtiger und reiner ringt sich aitd) das Gefühl der Dankbarkeit für den Hilfsverein durch, der stets sein Bestes und Möglichstes zur Befriedigung dieses Bedürfnisses getan hat. So ist er erst im verflossenen Jahre wieder daran gegangen, sein in Konstantinopel bestehendes Schulwerk durch Schaffung eines Kindergartens zu ergänzen und weiter anszubauen. Die 8 Klassen und an 200 Mädchen und Knaben umfassende Anstalt wurde in Balat, einem der ärmlichsten Konstantinopeler Judenviertel, gegründet. Abgesehen davon, daß dadurch die in Balat von früher her eristierende Hilfsvereinsschule nunmehr den ihr fehlenden Unterbau erhalten hat, bedeutete die Jnslebenrufung des Kindergartens gerade für diesen Ort noch einen besonderen Vorzug insofern, als hier zurzeit größere Schulen, mit Ausnahme der eben erwähnten des Hilfsvereins, gänzlich fehlen, und eine Reihe kleiner Privatschulen vor einiger Zeit aus hygienischen Gründen von den Staatsbehörden zroangsweise geschlossen worden ist. Die Schaffung des Kindergartens wurde zum erheblichen Teile dadurch ermöglicht, daß das Erekutivkomitee des Beneh-Berith-Lrdens sich der Sache annahm. Auf diese Unterstützung war freilich der Hilf-sverein angewiesen, da er in Verfolg seiner Pläne auch für andere Schulzwecke große Aufwendungen machen mußte. Sv konnte die Or-Thora-Schute ein neues Gebäude in Peru beziehen, das sich sehr repräsentabel ausnimmt und ganz lnodern ausgestattet ist. Auch für die unweit Konstantinopels gelegene, vor rund drei Jahren ins Leben gerufene Kolonie Messila Hadascha ist neuerdings durch Gründung einer Schule gesorgt worden. In diesem Zusammenhang verdient die Tätigkeit der Beneh-Berith-Loge mit einigen Worten besonders erwähnt zu werden. Als eine Organisation (und zwar als die einzige Organisation im Orient), in der sich Aschkenasim und Sephardim. Orthodoxe und Freireligiöse, Zionisten und Nichtzionisten in einträchtiglicher Arbeit zusammenfinden, hat sie allein schon durch diese Tatsache auf Gemüt und Denkungsart der einheimischen Juden geradezu revolutionierend gewirkt. In der Tat gibt es wohl kaum ein tiefergreifendes Unternehmen oder ein umfassenderes humanitäres Bestreben, an dem nicht die Logen in irgendeiner Weise mitbeteiligt wären. An der Spitze marschiert aber dabei stets die Großloge, die die Besten unter den Juden nicht allein der Türkei, sondern auch noch anderer Staaten des Orients und des Balkans in sich vereinigt. Man kann es daher schon verstehen, wenn berichtet wird, daß eine vor kurzem in Konstantinopel stattgefundene Großlogentagung allgemein als ein sehr wichtiges, die Interessen der Gesamtheit berührendes Ereignis behandelt wurde. Der Veranstaltung kam allerdings der Umstand sehr zugute, baß Henry Morgenthau, der amerikanische Botschafter in Konstantinopel, ihr in besonderem Maße seine Aufmerksamkeit zuteil werden ließ. Herr Morgenthau ist ein tüchtiger Diplomat, aber auch ein ausgezeichneter Jude. In dem Be-! glaubigungsschreiben des Präsidenten Wilson soll er als „ein! hervorragender Bürger der Vereinigten Staaten von vorj nehmem Charakter, großem Wissen und hoher Befähigung" j geschildert und darin dem Sultan als Mann, der des Präsi-! denten volles Vertrauen genießt, empfohlen worden sein. Als! Logenbruder und als guter Jude läßt er aber zugleich keine! passende Gelegenheit vorübergehen, ohne sich seiner Glaubens-! genossen anzunehmen. Anläßlich der Großlogentagung hat er die Kongreßmitglieder zum Nachmittagtee auf seine Jacht geladen. Das Schiff, das die amerikanische Flagge trug, wurde von den im Bosporus liegenden Kriegsschiffen salutiert. Auch an dem Brudermahl nahm er teil und hielt bei dieser Gelegenheit eine programmatische Rede. Das alles gab der Sache das passende Relief und übte auf die gerade für äußere Aufmachung sehr empfänglichen Orientalen starken Eindruck. Politisches Gespenstisch erhebt die Kriegsfurie ihr Medusenhaupt, Unsicherheit streuend, Zagheit stiftend, Unheil kündend. Wird die Türkei Krieg führen? Wird sie in den Strudel des Völkerringens hineingerissen werden, wird sie in die Speichen des gewaltigen Geschichtsprozefses einzugreifen Verlangen tragen? Wird sie an die Seite des Dreiverbands treten, wird sie Deutschland und Oesterreich ihre Hilfe angedeihen lassen? Daß es jetzt in der Türkei zu kriegerischen Unternehmungen kommen sollte, halte ich für sehr unwahrscheinlich. Nur als ultima ratio Pflegt die Entscheidung der Waffen angerufen zu werden. Allein wo so viele Möglichkeiten vorliegen, dürfte die zwingende Logik der Tatsachen kaum eine von ihnen zur Wirklichkeit verhärten, und auf die Fülle der Fragen wird man, bei näherem Zusehen, schwerlich eine zureichende Antwort erhalten. Wie sehr auch sonst Rußland aus die Vernichtung und England wenigstens auf die Schwächung des osmanifchen Reiches es abgesehen haben mögen, so werden sie doch gerade jetzt, wie ich glaube, am allerwenigsten die Gelegenheit dazu benutzen wollen, um zu einem entscheidenden Schlage gegen die Türkei auszuholen. Man sucht nicht sich unnötigerweise die Situation zu erschweren, und diese ist, weiß Gott, zurzeit für Rußland und England schon ohnehin schwierig genug. Daß die Türkei ihrerseits wiederum, die Verlegenheit ihrer beiden Erb- und Erzfeinde ausnutzend, den Krieg ansagen sollte, ist gleichfalls kaum anzunehmen. Denn dazu bleiben Rußland und namentlich England für den äußerst exponierten osmanischen Staat noch immer zwei allzu gefährliche Gegner. Mit einem Vorgehen gegen Griechenland hätte man anfangs schon eher rechnen können. Allein auch das dürfte kaum noch im Bereich der Wahrscheinlichkeit liegen, nachdem England und Frankreich, worauf alles hindeutet, die hellenische Sache zu der ihrigen gemacht haben. Nicht einmal im Interesse Deutschlands läge es jetzt, daß die Türkei in ein Feindschaftsverhältnis zu Rußland und England trete. Die Schlachten des Weltkrieges werden ebenso auf wirtschaftlichem Boden geschlagen wie im Felde, und zwar kommt es