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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-11-06 · Heft 45 (6.11.1914) · p. Seite 533

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 45 (6.11.1914)
Date
1914-11-06
Page
Seite 533 (sequence 5)
Language
German
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-— 583 -- Auseinandersetzung dieses Ziel am bequemsten erreichen zu können glauben, gewaltsam in den Kriegswirbel hineingezogen werdend Jüngst hielt sich hier der Oberrabbiner der Konstantinopeler Aschkenasim-Gemeinde, Herr Dr. Markus, auf. Wir sprachen wiederholt und eingehend über die jetzigen Verhältnisse der Juden in der türkischen Reichshauptstadt. Aus der Fülle der mir gemachten Mitteilungen sei im folgenden einiges wiedergegeben: kurze, skizzenhafte Schilderungen, soweit sie dazu angetan sind, die gegenwärtige Situation einigermaßen zu beleuchten. * Wirtschaftliches. lieber Erwarten schnell erholte sich das Wirtschaftsleben Kvnstantinvpels nach dem Balkankrieg. Die von der Regierung mit Energie und nicht ohne Erfolg allenthalben in die Wege geleiteten Reformversuche weckten in der Bevölkerung von neuem Mut und Hoffnung und lösten spekulationsfördernde Unternehmungslust aus. Wieder begann sich der Geschäftssinn zu regen und Handel und Wandel zu heben, so das; man beinahe schon, ohne zu übertreiben, von den ersten Ansätzen einer Periode der Prosperität für die Bewohner der Residenz sprechen konnte. Die jüdische Gemeinde gewann noch besonders durch einen starken Zuzug aus Saloniki und Adrianopel. Diese beiden Städte hatten durch die politische Umwälzung ans dem Balkan in ihrer Wirtschaftsstruktur einen völligen Uinschwung erfahren. Mit der Einverleibung Salonikis in den griechischen Staatsverband ging zugleich dessen Bedeutung als Hafenstadt außerordentlich zurück. Die Juden dort sahen sich somit plötzlich nicht nur vor neue politische Bedingungen, sondern auch vor große ökonomische Schwierigkeiten gestellt. Nicht viel besser erging es der jüdischen Einwohnerschaft Adrianopels, das zwar in türkischem Besitz verblieben ist, aber durch den Verlust des Hinterlandes einen wesentlichen Teil seines vorzüglich aus dem Binnenhandel beruhenden kommerziellen Charakters eingebüßt hat. In solchen Fällen pflegt gewöhnlich eine stärkere Abwanderung einzusetzen: nicht der ärmeren und ärmsten Bevölkerung, die auch unter den gewandelten Verhältnissen kaum noch etwas zu verlieren hat, sondern-vornehmlich der gehobeneren Klassen, welche sich aus einer Veränderung des Milieus gewisse Vorteile versprechen zu können glauben. Das geschah denn auch hier. Viele verließen ihren Heimatort, um sich anderwärts eine neue Wohnstätte zu suchen. So siedelten sich allein aus Saloniki 700 bis 800 Familien in Konstantinopel an, und die aus Adrianopel dorr Uebergesiedelten dürften kaum geringer an Zahl gewesen sein. Da es sich hierbei um vorwiegend besser Situierte handelte, kann man sich leicht vorstellcn, von welcher Bedeutung dieser Zuwachs war, der über den quantitativen Gewinn hinaus sich zugleich - und in vielleicht noch höherem Grade — als qualitative Bereicherung der Judenheit Konstantinopels erwies. Inmitten dieses verheißungsvollen Anfangs eines erfreulichen Aufstiegs brach mit einem Male die Mobilisation herein. Sie wirkte lähmend, niederschmetternd, katastrophal; sie wirkte auf das öffentliche Leben tödlicher noch als der Krieg selbst, den man für eine vorübergehende Erscheinung hielt, während man nun sich einem chronischen Uebel gegenübersah. So zerstoben alle Hoffnungen, zerslatberten alle Erwartungen, ficken ivie init einem Schlage in sich zusammen alle Wünsche und Pläne für die Zukunft. Der mit so großer Freude nach dem Krieg begrüßte Friede war also nur eine kurze Episode, eine kärgliche Pause, kaum Zeit lassend, wieder aufzuatmen und zu neuer Tätigkeit auszuholen; die aus dankbarem Herzen mit so voller Inbrunst willkommen geheißene Ruhe nur ein Trugbild und Blendwerk, gänzlich ungeeignet, das beklemmende Gefühl der Unsicherheit und Unentschiedenheit wirksam zu bannen. Düster ist der Horizont geworden, und drückend lastet die Schwere der Zeit auf aller Gemüt, das, nichts Gutes ahnend, sich trüber Stimmung ergibt. Kommunales. Auch im Gemeindeleben ließ sich in letzter Zeit ein merklicher Fortschritt wahrnehmen. Seitdem die Streitigkeiten zwischen Aschkenasim und Sephardim geschlichtet waren, haben sich die Parteien in harmonischer Arbeit zum Wöhle des Ganzen einträchtiglich zusammengefunden. Mit gutem Beispiel ging hierbei der Großrabbiner, Rabbi Haim Nahum, voran, der sich unverkennbar bemüht zeigte, einerseits den Aschkenasim in ihren berechtigten Forderungen cntgegeuzukomnien, andererseits aber auch für die Angelegenheiten der türkischen Gesamtjudenheit ein gesteigertes Interesse an den Tag zu legen. Sv haben wir es vornehmlich seiner Intervention zu danken, wenn endlich der „rote Zettel", dieser schändliche Ueberrest aus hamidischer Zeit, der die Juden degradierte und zu unsicheren Elementen stempelte, in der Türkei abgeschafft worden ist. Es mußte freilich dazu kommen. Die Juden hatten sich während des Balkankrieges in jeder Hinsicht so vorzüglich bewährt, daß der unwürdige Zustand mit dem roten Zettel unmöglich beibehalten werden konnte. Es bleibt indessen ein unbestrittenes Verdienst des Großrabbiners, aus diese Tatsache mit allem Nachdruck hingewiesen und die schleunige Erledigung der Angelegenheit bei der Negierung mit Eifer betrieben zu haben. Das Strebe»; zur positiven Arbeit kam auch besonders deutlich in der Tätigkeit des Medjliß djesmani, des Großen Rats l der jüdischen Gemeinden des osmanischen Reiches, zum Ausdruck. Diese Institution, bei der früher schon die bloße Frage der Mitgliederzusammensetzung zu den heftigsten Kämpfen zu führen pflegte, so daß bis vor wenigen Jahren die Aschkenasim darin überhaupt nicht vertreten waren, hielt es jetzt für angemessen, neben dem Präsidenten der Aschkenasim-Gemeinde, Herrn Reisner, dem bisherigen einzigen Vertreter der Aschkenasim, noch einen zweiten Delegierten der Aschkenasim-Gemeinde, Herrn Abramowitsch, in ihrer Mitte aufzunehmen. Es geschah in der Anerkennung bereits geleisteter Dienste und in der Erwartung noch weiterer wertvoller Arbeiten. Herr Abramowitsch, der in seinem Berufe höherer Beamter der Banque ottomane ist, hat sich vornehmlich die Reorganisation des Beamtenapparates in der Gemeinde zur Aufgabe gemacht und hierbei in der Tat schon recht anerkennenswerte Erfolge erzielt. Seit dem Balkankriege sind die Einnahmen der jüdischen Gemeinde in Konstantinopel um rund 70 Prozent gestiegen, und alles schien auf eine wachsende Sanierung der kommunalen Finanzverhältnisse hinzuweisen. Man war sogar soweit gekommen, die Beamtengehälter regelmäßig zur Auszahlung zu bringen — was bei den bekannten Zuständen in der Türkei doch sicherlich nicht wenig besagen will. Kulturelles. Wie sehr die Juden Kvnstantinopels des ewigen Streitens und Zankens schon müde waren, bewies ihr Verhalten wührend des letzten Winters anläßlich des Sprachenkampses unseligen Angedenkens. Konstantinvpel ist eine Hochburg des Zionismus; nicht in quantitativer Hinsicht — vermochte mau ja von hier aus noch nicht einen einzigen Delegierten zun; letztenKongreß zu entsenden, wiewohl dazu nicht mehr als zweihundert Schekelzahler gehörten —, aber der „Qualität" nach. Da Erez-Jsrael noch immer eine türkische Provinz ist, und am Goldenen Horn bloß die hohe Politik etwas gilt, wird dort zionistischerseits eine offizielle diplomatische Vertretung unterhalten. Was diese Delegation im allgemeinen leistet, erfährt man frellich in der Oessentlichkeit nicht. Böse Zungen

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