Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 45 (6.11.1914)
- Date
- 1914-11-06
- Page
- Seite 532 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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532 Don Antisemiten geleitet werde. Oder steht etwa die „Nowvje Wremja" im Dienste der Juden? Dieses Blatt, auf dessen Schwindelnachrichten Herr Theodor Fritsch einzig und allein seine noch in der letzten Nummer des „Hammer" empfohlene Broschüre „Die Wahrheit über den Beilis-Prozeß" aufgebaut hat. Das Schamloseste aber ist, daß dieses Antisemitenblatt, im Gegensatz zu der festen Zuversicht des ganzen deutschen Volkes auf den Sieg seiner gerechten Sache, der Ansicht ist, daß, da bei uns „am deutschen Geiste und an der deutschen Seele furchtbar gefrevelt" worden sei, es „ein Wunder (sie!) wäre, wenn das Schicksal solchen Frevel ungesühnt ließe". ftaun es einen schlimmeren Frevel am Vaterlande geben, als in dieser Zeit der schweren Not den Sieg unserer Feinde quasi als eine gerechte Strafe für unsere Sünden an die Wand zu malen? * Rach Erwähnung weiterer Schamlosigkeiten der antisemitischen Hetzpresse fahren die „Mitteilungen" fort: Unsere Leser werden nun fragen, was von unserer Seite geschehen ist, um dem skandalösen Treiben dieser Hetzpresse einen Niegel vorznschiebeu. Es ist selbstverständlich nicht unterlassen worden, die zuständigen Stellen auf diese iu Kriegszeiten doppelt verwerfliche Verhetzung der einzelnen Konfessionen und Volksstämme aufmerksam zu inachen. Die Preßzensurabteilung einzelner Generalkommandos hat auch nicht gezögert, diesen Friedensstörern das Handwerk zu legen. Außer der „Staatsbürger-Zeitung" dürste auch den „Deutschsozialen Blättern" eine sehr energische Verwarnmlg zuteil geworden sein. Tatsache ist jedenfalls, daß dieses antisemitische Blatt, das sich nunmehr „Deutschvölkische Blätter" nennt und in seiner den Namenswechsel den Abonnenten mitteilenden Nummer 83 ausdrücklich versichert, daß „an dein Geiste, in dem wir bisher unsere Arbeit leisteten, nichts geändert wird", in seinen letzten vier Nummern die Polemik gegen die Juden eingestellt hat und nur noch an versteckter Stelle — und unter Berufung auf ausländische antisemitische Blätter - - sich an den verhaßten Juden zu reiben sucht. lieber das Ergebnis der Beschwerden, die bei dem Oberkommando des 19. Armeekorps gegen die frivolen antisemitischen Hetzereien des „Hammer" erhoben worden sind, möchten wir ein abschließendes Urteil heute noch nicht fällen. Wir erwarten jedoch mit Bestimmtheit, daß auch hier die militärische Zensurbehörde ihres Amtes walten wird. Es wäre ein unerträglicher Gedanke und müßte auf weite Kreise der Bevölkerung verbitternd, ja geradezu. aufreizend wirken, wenn auch nur der Schein erweckt würde, als ob die Antisemiten ein Ausnahmerecht zur Störung des inneren Friedens für sich in Anspruch nehmen dürsten. * Die „Vossische Zeitung" schreibt: Freilassung k r i e g s g e s a it g e n c r russischer I u d e u. Ausländische und auch Berliner Zeitungen berichteten über die vom Kaiser verfügte Freilassung von 2000 jüdischen Gefangenen mrd ihre Entsendung iu ihre russische, von den Deutschen besetzte Heimat. Da dem in Frankfurt a. M. erscheinenden „Israelit" ein solch weitgehender Gnadenakt fast unglaublich erschien, ließ er au maßgebendem Orte in Berlin Erkundigungen einziehen und erhielt von dort mit folgendem Telegramm eine Bestätigung der Nachricht: „Die Tatsache einer Freilassung ist richtig, die Anzahl aber übertrieben." * Von furchtbaren Greueln in Rußland berichtet die „Neue Freie Presse": Aus einem hier eingetroffenen Feldpostbriefe eines österreichischen Feldrabbiners geht hervor, daß in einer seither von unseren Truppen besetzten Stadt die Aussen die dortigen, zum Nachmittagsgebete versammelten Juden erschossen und den Vorbeter erhängt hatten. Der Brief besagt hierüber: .Ties ergreifend war es, als nur am 2. dieses, zwei Tage nach dein Versöhnungsfeste, in einer russischen Stadt aulangten, wo die zum Nachmittagsgebete versammelt gewesenen Juden erschossen, der Borbeter erhängt worden war. Die überlebenden Juden ersuchten mich, wegen des rituellen Begräbnisses der Hingerichteten zu intervenieren, das von unserer Militärbehörde ohne weiteres bewilligt wurde." * Nachstehende ergreifende Skizze entnehmen wir der Prager „Bohemia". Das M ä d ch e u mit den S ch r a p n e l l s ch ü s s e n. Im Podoler Sanatorium liegt ein sechsjähriges, hübsches Judenmädchen mit rosigen Wangen und siebenmal zerschossenem Körper, die kleine .Heitschul. Selig liegt sie in den Kissen, kaum ein Klagelaut kommt über die Lippen. Dieses Kind erlebte in beit letzten Tagen Entsetzlicl)eres, als der stärkste Mann ertragen könnte. Sie verlor Mutter und Brüder, während ihr sieben Schrapiiellschüsse durch den Leib drangen. Nur durch ein Wunder konnte sic mit Leben bleiben, sagen die Aerzte, sonst müßte sie siebenfach gestorben sein. Dieses Mädchen, das an einem Tage Heimat, Mutter und Brüder verlor, erwacht nun langsam aus Blut und Wunden zu neuern Leben. Am Krankenbette sitzt ihr Großvater, der Letzte seines Stammes. Er horcht, ob das zitternde Seelchen vor ihm zu leben beginnt. Er kann nicht weinen, kann kaum mehr sprechen. Dies aber ist die Tragödie der Familie Heitschul: An einem Freitag wurde das Dorf bei Jaroslau geräumt. Die Kosaken kommen, hieß es. Die Familie Heitschul blieb. Die Nachbarn kamen und warnten: Bleibt nicht, wartet nicht auf den Tod, flieht mit uns! Wir bleiben, entschieden die Söhne, während die Mutter den Kanfmaunsladen sperrte. Als es dämmerte, waren die Heitschuls die einzigen Bewohner des Dorfes. Rings gespensterte die Finsternis, nirgends ein Laut, ein Hauch. Die Mutter stellte zwei Kerzen auf den Tisch und begann zu beten, während die Söhne vor die Türe traten, um ins Weite zu horchen. Da nahten Schritte, langsame, ' schwer schlürfende Schritte: es waren abgesprengte österreichische Soldaten. Freudig liefen ihnen die jungen Leute entgegen, bewillkommten sie und führten sie in das gastfreundliche, erleuchtete Haus. Dreizehn müde, hungrige, durstige Soldaten. Die Mutter nahm sie auf, als.ob sie aller Mutter wäre, entzündete - zum erstenmal an einem Freitagabend - trotz der Sabbatfeier den Spiritusbrenner und kochte Tee. Da fiel ein Schuß. „Die Lichter auslöschen!" riesen die Soldaten und wollten zu den Gewehren greifen. Im selben Augenblick kam das erste Geschoß geflogen, bohrte sich durch die Wände und zerriß die Frau in Stücke. Ein Hagel von Schrapnellgeschossen folgte, und nach wenigen Minuten war das Haus ein Trümmerhaufen, unter dem Leichen lagen. Die Mutter, die Brüder, die Soldaten. Nur das kleine Mädchen lebte, wenn auch nur kaum merklich. Sieben Wunden bedeckten ihren Körper. Als die Kosaken vorbeigezogen waren, kam der Großvater, der sich außerhalb des Hauses ausgehalten hatte, und verrichtete sein Totengebet. Oesterreichische Soldaten fanden dann das Totenhaus mit den zwei Lebenden: dem Greis und dem Kind. Man steckte sie in einen Verwundetenzug, der nach Prag fuhr. Sterbend wurde das Kind iu den Waggon gehoben. Als der Zng in Prag ankam, war es dem Leben zurückgegeben, die Wangen röteten sich wieder; alle Lebensgefahr war^ verschwunden. Nun liegt die kleine Heitschul selig in den Kissen. Still liegt sie da, alle Erinnerung an die Schreckensnacht scheint verschwunden. Armes kleines Mädchen! Von K ri e g s l i t e r a t u r sind uns zugegangen: „Vaterländische Reden in großer Zeit." Von Rabbiner Dr. C. Seligmann. Frankfurt a.M., Voigt u. Kleiber. — Diese wundervollen, gedankerltiefen, von echtem Patriotismus getragenen Reden feien allgemeinster Beachtung empfohlen. pm Goldenen Horn. Eine Zwielichtbetrachtung. Von Dr. A l p k> o n s I. S u ß n i tz k i. ieder einmal sind aller Blicke in gespanntester Erwartung ans die Hohe Pforte gerichtet. Wie leicht doch könnten die wilden Stürme, die so unheimlich über nahezu ganz Europa hereingebrochen sind, auch in diesem gefährlichen Wetterwinkel jäh ein Echo finden! Schon mobilisiert die Türkei, hallt es dumpf durch den weiten Blätterwald. Ist das ein Alarmsignal? Ist das nur ein Warnungszeichen? Will die Türkei mit gepanzerter Faust in den ehernen Gang der Ereignisse schicksalentscheidend eingreifen, oder wird sie durch unerbittliche Feinde, die des Halbmonds Untergang von jeher angestrebt haben und nun im Augenblicke der allgemeinen