Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-10-30 · Heft 44 (30.10.1914) · p. Seite 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 44 (30.10.1914)
Date
1914-10-30
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3224737-3229123-3229168--70838-3283206
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

8 dreiwöchige Leipziger SUeinhettdelshcrl>fhncffe (August.September) mürbe, me alljährlich, ui ich b i<c s\n n I Ut>n. rx ussis rij j ii d i j ehe 11 Marktsahtern besucht, ohlte daß ihireu di.'vMßbehörde irgend etwas iu i>cn Weg legte. Plötzlich nach Ablauf der ersten Woche erhielten alle Alchen die polizeiliche Weisung/ im Interesse der Verkehrssicherheit ilud öffentlichen Ordnung die Messe. unverzüglich zu räumen. Sofortige Intervention der Gemeinde-, des HiWvereins israelitischer Gewerbetreibender mld einer allgemeinen /-Meßrei sen deuorganisation beim Rat der Stadt Leipzig, und eine sozialdemokratisch-liberale .Interpellation in der Stadtverordnetensitzung blieben erfolglos, da die Maßnahme vonr Generalkommando angeordnet und nicht mehr rückgängig zll machen war, lveil man den etwa möglichen frentdenfeindlicheil Exzessen Vorbeugen wollte. So mnßteil denll über sechzig jüdische Marktfahrer, mancher darunter schon seit vierzig Jahren Leipziger Einwohner, ihrer russischen Staatsangehörigkeit wegen ihr bißchen Kram zusaunnenpacken und schweren Herzens auf den erhofften armseligen Verdienst verzichten. Nachdem jetzt Besinnung und Ruhe zurückgekehrt ist, entwickelt sich auch das gemeinsame wirtschaftliche Hilsswerk der Gemeinde und aller Wohltätigkeitsvereine in erfreulicher Weise. Die Unterstützung schwacher Existenzen, die Gelvühruug von Kriegsbeihilfen, che Speisung lind Einkleidung der Annen erfordern zlvar viele 3Ritiel und Kräfte, doch gewähren die Wohlhabenden so zahlreiche Spenden itnb stellen ihre Arbeitskraft so gern zur Verfügung, daß das Leipziger jüdische Proletariat hoffentlich die schwere Zeit ohne Katastrophe überstehen wird. ~ Nürnberg, 23. Oktober. Eine Tranerversammlnng, wie sie der alte, stille israelitische Friedhof scholl lange nicht mehr in seinen Mauern gesehen, aus allen Berufsständeu zusammengesetzt, bot am letzten Souutagvvrmittag die Beerdigung des hier hochbetagt verstorbenen Geheimelt Hofrats und Justizrats G tt st a v Jose p h t h a l. 3^ainentlich ans Juristeukreisell der . Stadt Nürnberg, aber auch aus beit übrigen bayerischen Städten lvaren zahlreiche Kollegen des Verstorbenen erschienen. Vertreter der hiesigen städtischen Kollegien, hohe Beamte des Staates und Offiziere gaben dem überaus beliebt geivesenen Verstorbenen das letzte Geleite, Dem Sarge unmittelbar folgten die schmerzgebeugten Angehörigen des Heimgegangenen und seine vielen Freunde. (Der zweite Sohn des Verlebten, Herr Oberleutnant und Kompagnieführer Paul Josephthal, konnte an der Beerdigung seines Vaters nicht teilnehmen, da er verwundet vom Felde znrückgekehrt ist.) Herr Rabbiner Dr. Freuden thal hielt eine tiefempfundene Trauerrede. Er führte u. a. aus: Mit Justizrat Josephthal sei eilt Mann aus der Welt geschieden, der, ansgestattet mit einem besonders scharfen Verstand und einer Fülle reichen Wissens, sich niemals zu Oberflächlichkeiten letten ließ. Er war ein regsamer Geist, der niemals stille stand. Stets habe er eine vornehme Haltung in seinem äußeren Auftreten gezeigt. Große Geschicktheit und Gewandtheit sei ihm in Wort und Rede eigen gewesen. Dies alles fand seine Verklärung in einem köstlichen Reichtum von Erfahrungen. Durch sein Mitwirken seien die Einrichtungen der Geineinde vorbildlich gelvorden in ganz Bayern,. und . er selber sei der geistige Führer der bayerischen Judenheit gewesen. Für alle Zeit lverde deshalb sein Name und sein Wirken mit der Vaterstadt und mit der Nürnberger israelitischen Knltusgemeiilde verknüpft bleiben. Der Name des Verstorbenen lverde deshalb auch nicht auslöschen in den Geschichtsblättern der bayerischen und der deutschen Jlldenheit, und in der Geschichte ganz Israels lverde er ewig leuchten unter den Namen der Fürsten und der Großen." — Herr Justizrat H e l d - Nürnberg widmete als Vorsitzender der israelitischen Knltusgemeinde dem Heimgegangenen unter Niederlegung eines Kranzes eilten sehr herzlichen Nachruf. Redner wies daraus hin, daß Josephthal es war, der es verstanden habe, die hiesige Genteinde zu dem ztt machen, was sie heule ist. Als vor einem halben Jahrhllndert es nicht vorwärts gehen wollte in der jungen Gemeinde, da sei Josephthal es gewesen, der die verschiedenartigen auseinander-, strebenden Kräfte zu einer machtvollen Einheit zusammenschloß und sie den Zwecken der jungen Religionsgemeinschaft nutzbar und dienstbar machte. — Namens der utittelsränkischen Anwaltskammer ergriff Herr Geheimer Justizrat V 0 l l h a r d t das Wort am Grabe des enkschlnsenen Kollegen. .Wenn auch der Verstorbene nicht mehr als Rechtsanwalt öffentlich gewirkt habe, so habe doch die Nachricht von seinem Ableben aufs tiefste und schlnerzlichste berührt, insbesondere in den Kreisen der Kollegen, die mit ihm zusammenwirkten. Sein Andenken werde bei allen Kollegen unvergänglich sein. Die Anwaltsk-antmer ließ am Grabe des langjährigen treuen Mitgliedes durch Herrn Geheimeil Justizrat Vvllhardt einen Kranz niederlegen. — Nun legte Herr Oberbürgermeister Dr. Geßler für die Schillerstistnng einen Ehrentranz nieder. Herr Dr. Geßler bezeichnete den Verstorbenen als beit idealen Mitgründer und unermüdlichen Förderer und Mitarbeiter der „Schiller-Stiftung" bis zu beit letzten Tageit seines Lebens. Fünfzig Jahre sei es ihm vergönnt gewesen, an der schönen Aufgabe mitzuarbeiten. Bon allen, die mit dem Verlebteit während dieser Zeit tätig warem habe er vernommen, daß es ihnt stets eine Herzeltssache war, durch regste Anteilnahme allen aufstrebeitden Talettten seilte persönliche Förderung angedeihett zu lassen. - - Herr Rabbiner Dr. 3t e n b e r ger - Fürth bot dein Dahiugeschiedenen namens der Rabbiner Bayerns einen schlichten Abschiedsgruß. — Für den Landesverein der israelitischen Gelneinden Bayerns, deren langjähriger erster Vorsitzender und Ehreuvorsitzender der Verstorbene war, gab Herr. Justizrat Ofner-München der tiefsten Trauer unter Niederleguug eines Kranzes Ausdruck. — Herr Institutsdirektor G o m b r i ch lvies in seiner Traueransprache darauf hilt, daß malt heilte au der Bahre der markantesten Persönlichkeit der Nürnberger israelitischen Knltusgemeinde stehe, ja mau sage nicht zu viel: der utarknntestelt der deutschen Judenheit. Es seien bereits von Vorrednern die Vorzüge dieses seltenen Mannes erwähnt, die ihn in so hervorragender Weise zierten, und lvelche Bedeutung sein Name für die Entwicklung der hiesigen Knltusgemeinde hatte, die sein Gepräge trage ttxtb noch lauge tragen lverde. — Die Reihe der Kranzspenden und Nachrufe schloß Herr Hofrat Dr. Goldschmitt, der das Andenken des Verblichenen namens und im Aufträge des Vereins für Ferienkolonien feierte. J. A. Nürnberg, 23. Oktober. Herr Fabrikbesitzer Julius Bern stiel von hier, Mitglied des Freiwilligen Automobilkorps, welcher dem Oberkommando der 6. Armee zugeteilt ist, hat wegen hervorragender und für die Heeresverlvaltung sehr wertvoller und lvichtiger Dienstleistungen das Eiserne Kreuz erhalten. Seine königliche Hoheit Kronprinz RuPPrecht von Bayern hat Herrn Bernstiel den Orden Persönlich mit folgenden Worten überreicht: „Ich habe mit ganz besonderem Vergnügen von Ihren großen Erfolgen gehört und freue mich. Ihnen im Flamen Seiner Majestät des Kaisers das Eiserne Kreuz überreichen zu können. Ich gratuliere Ihnen zu dieser großen Auszeichnung." 2*2 Hannover, 23. Oktober. In dem Lager zu Munster, Provinz Hannover, befinden sich außer den militärischen Kriegsgefangeuen gegen 300 Zivilkriegsgefangene jüdischen Glaubens. Es sind dieses meist Russen, welche in Lüttich studierten llud, ohne daß sie am Kampfe sich beteiligt oder Feindseligkeiten gegen das deutsche Heer unternommen hatten, lediglich deshalb interniert lvorden sind, weil sie Angehörige eines feindlichen Landes sind. Als gebildete Menschen haben sie den Wunsch nach geistiger Beschäftigung, doch ist dieses nicht möglich, da den Kriegsgesangenen grundsätzlich das Lesen von Büchern verboten ist. Indessen ist ihnen auf ihren Wunsch und aus meinen darauf erfolgten Antrag das Lesen in der Bibel gestattet loordeu, und ich wende mich deshalb an unsere Glaubensgenossen mit der Bitte, mir verfügbare B i b e l e x e m p l a r e in deutscher, oder was diesen Kriegsgesangenen noch erwünschter zu sein scheint, in hebräischer Sprache, zur Uebermittelung an dieselben znzusendeu. Der Landrabbiner. Dr. S. G r o n e nt a n n. Offenbach a. M, 23. Oktober. Vergangenen Sonntaglnorgen strömte eine unübersehbare Menschenmenge nach dem hiesigen Friedhof, tun der Beerdigung oes Unteroffiziers Willi Strauß beizuwohnen. Am 22. August wurde er in der Schlacht bei Neusschuteau so schwer verwundet, daß er drei Tage darattf int Feldlazarett verstarb und ntit einigen anderen Kameraden in fremder Erde bestattet wurde. Nach vieler Mühe gelang es endlich den Angehörigen, die irdischen Neste des Verstorbenen hierher zu überführen ttitb den Toten neben der Ruhestätte seiner kürzlich verstorbenen Mutter beizusetzen. Zu dieser letzten Fahrt des Kriegers hatte sich ein großes Trauergefolge eingefunden. Eine Musikkapelle eröfsnete den Zug. Hierauf kamen die hiesigen Militärnnd Kriegervereine, Vertreter der Stadt und zahlreiche Freunde des Verstorbenen. Nachdem die Ehrensalve verhallt war, hielt Rabbiner Dr. Golds chm i d t eine tiefempfundene Grabrede, in der er den Heldentod fürs Vaterland Pries und dent Abgeschiedenen warme Worte der Ehre nachrief. Zahlreiche Kränze wurden aut Grabe tt jeder gelegt, ein Zeichen, welch großer Beliebtheit sich der

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.